Industriewelt Aargau

Aufstieg und Fall eines Weltkonzerns

Bis heute treffen sich ehemalige «Kernianer». Einer davon ist Ernst Frey, der ab dem Jahr 1957 seine Lehre bei Kern in Aarau begann.

Luc Müller
Drucken
Teilen
Zu Besuch in der Kern-Sammlung des Stadtmuseums: (v.l.) Ernst Frey, Laura Aellig und Dominik Sauerländer.Bild Luc Müller

Zu Besuch in der Kern-Sammlung des Stadtmuseums: (v.l.) Ernst Frey, Laura Aellig und Dominik Sauerländer.Bild Luc Müller

«Ich war damals stolz, dass ich ab 1957 eine Lehre bei der Firma Kern machen konnte. Wem das gelang, der war wer», schwelgt Ernst Frey in Erinnerung. Der ehemalige Werkmeister steht zwischen Regalen voll mit mechanischen Geräten - in einer alten Zivilschutzanlage direkt neben dem Stadtmuseum Aarau, die dem Museum als Depot dient. Der heute 76-Jährige hat den grössten Teil seines Berufslebens bei der Firma Kern am Standort im Aarauer Schachen absolviert.
Die Firma war weltbekannt für ihre Vermessungstechnik und natürlich für ihren Zirkel, den fast jeder Schweizer Schüler in seinem Etui dabei hat. 1991 ging die Firma Kern in Aarau zu.

Kern-Sammlung im Depot
Aktuell werden die Anfänge der Aargauer Firma gewürdigt, die 1819 gegründet wurde und somit das 200-
Jahr-Jubiläum feiert. Das Stadtmuseum Aarau unterhält eine umfangreiche Sammlung aus den Bereichen Vermessung, Optik, Photogrammetrie und Feinmechanik, welche die Firma Kern dem Museum geschenkt hat. Die Arbeitsgruppe Kern, die zum grössten Teil aus ehemaligen Mitarbeitern der Vermessungs-Firma besteht, kümmert sich um die Sammlung.
«Für uns ist die Kern-Sammlung wichtig. Wir können so ein Stück Industriegeschichte aus dem Kanton Aargau erlebbar machen, indem wir öfter Originalstücke im Museum zeigen», erklärt Laura Aellig, Kuratorin des Stadtmuseums Aarau. Die Stücke stünden auch im Zusammenhang mit dem damaligen gesellschaftlichen Umfeld.
«Die Vermessungstechnik von Kern wurde im 19. Jahrhundert beispielsweise für den Tunnelbau durch den Simplon oder die Kartierung der Schweiz genutzt», betont Laura Aellig.
Nun ist im Foyer des Stadtmuseums Aarau eine Sonderausstellung zum Thema «Kern exakt 200!» zu sehen, die sich mit 200 Jahren Schweizer Vermessungstechnik an Hand der Firma Kern befasst.

Schräglage in den 1980er-Jahren
Heute erinnert in Aarau auf dem inzwischen umfunktionierten Firmenareal im Schachen nur noch das Logo auf einem Dach, dass Reisende vom Zug aus sehen, an das prominente Unternehmen.
Wie kam es dazu? Der Aarauer Historiker Dominik Sauerländer, der als Co-Kurator für die Kern-Ausstellung im Stadtmuseum tätig war, hat den Aufstieg und Fall der Firma gründlich recherchiert
und dabei viele Originaldokumente gesichtet. Was 1819 in einer kleinen Werkstatt mit der Produktion
von Zeichengeräten begann, entwickelte sich dank Jakob Kern zum Weltkonzern. In der Schweiz galt die Firma Wild als grösste Konkurrentin von Kern. 1937 war ein wichtiges Jahr für Kern: Als Konstrukteur und Entwickler der Konkurrenzfirma Wild in Heerbrugg wechselte Heinrich Wild zu Kern und stellte hier neue kompakte und hochpräzise Geräte her.

«Wir Mitarbeiter fühlten uns bei Kern wie in einer grossen Familie.»
Ernst Fey, «Kernianer»

Ab 1945 entwickelte Kern, der auch Feldstecher produzierte, Objektive für die Fotokameras der Firma Paillard. Ab 1958 war Kern auch aktiv in der Herstellung von Karten aus Luftbildern, in den 1970er-Jahren wurden hochpräzise elektrische Distanzmesser entwickelt. In den 1960-er/1970er-Jahren arbeiteten in Aarau rund 1300 Mitarbeiter für Kern. In den 1980er-Jahren geriet die Firma in Schieflage: Unter anderem kamen billigere Instrumente aus Japan auf den Markt. 1987 machte die Firma einen Verlust von 15 Millionen Franken. «Kern produzierte immer nur in der Schweiz, anders als Wild, die damals einen Produktionsstandort in Singapur hatten», erzählt Sauerländer.

Von der Konkurrenz geschluckt
«Die Firma hat sich zu lange auf den Lorbeeren ausgeruht», sagt der ehemalige Kern-Werkmeister. Plötzlich gab es Kurzarbeit in der Firma, erste Mitarbeiter wurden entlassen. «Wir hatten damals schon eine Ahnung, dass es nicht mehr lange gehen wird», so Frey.
1988 kam es zum grossen Einschnitt: Die Firma Kern & Co AG wurde von der Wild Leitz Holding AG übernommen, als deren Verwaltungsratspräsident der millionenschwere Investor Thomas Schmidheiny amtete.
«Das war ein Schock für die Mitarbeiter. Ausgerechnet die Konkurrenz übernahm unsere Traditionsfirma. Das fühle sich schlecht an», erinnert sich Ernst Frey. Zunächst blieb der Produktionsstandort in Aarau erhalten. «Wir fertigten keine serielle Produktion mehr, sondern entwickelten nur noch Prototypen.
Das war nicht rentabel», so Frey. 1991 wurde die Firma Kern in Aarau definitiv geschlossen. Mit 50 Jahren musste Frey auf Jobsuche: Er arbeitet danach für eine Brillenfirma, wo er bis zur Pensionierung Gläser schliff. «Ich hätte den neuen Job schon ein Jahr vorher haben können. Aber ich blieb trotz Schräglage bei Kern. Das war eine Herzensangelegenheit. Denn wir Mitarbeiter fühlten uns wie in einer grossen Familie», so «Kernianer» Frey.

Kern-Zirkel leben weiter
Auch die Firma Wild ist inzwischen Geschichte: Heute lebt die Tradition der Schweizer Vermessungskunst in den Geräten von Leica Geosystems weiter, die zum Konzern Hexagon zählt.
Und auch die legendären Zirkel haben überlebt: 1987 verkaufte Kern die Produktion nach Italien, wo die Zirkel bis heute unter dem Namen Kern hergestellt werden. «Aber nicht mehr in der selben Schweizer Qualität», sagt Ernst Frey und lacht.

ZeitsprungIndustrie

Das Netzwerk Industriewelt Aargau
lancierte in diesem Jahr das Projekt #ZeitsprungIndustrie, das seit September 2019 und
noch bis November 2020 läuft. Das Netzwerk Industriewelt Aargau wurde 2018 vom Stadtmuseum Aarau, Museum Aargau, Historischen Museum Baden, Museum Burghalde Lenzburg und von Aargau Tourismus als Verein in Aarau gegründet. Der Aargau nahm schon in der Frühphase der Industrialisierung im 18. und 19. Jahrhundert eine Vorreiterrolle in der
Schweiz ein. Das Projekt bringt der Bevölkerung bedeutende industrielle Entwicklungen im Kanton Aargau und die daran beteiligten Firmen näher. Im ganzen Kanton gibt es dazu
Ausstellungen, Betriebsführungen, Podiumsdiskussionen sowie Tanz und Theaterproduktionen.

Infos: www.zeitsprungindustrie.ch