Post aus Berlin
Bemerkelswert

Zitate, die mit Berlin im Zusammenhang stehen sind keine Seltenheit. Bekannte Politiker wie Ronald Reagan, John F. Kennedy oder Angela Merkel halten sich kurz, aber klar.

Lucien Fluri
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John F. Kennedy: «Ich bin ein Berliner»
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Gorbatschow: «Wer zu spät kommt...»
Wowereit: «Berlin ist arm, aber sexy», derselbe: «Ich bin schwul, und das ist gut so»
Zitate bekannter Persönlichkeiten
Reagan: «Tear down this wall...» Vom Reichstagsgebäude aus schauen der amerikanische Präsident Ronald Reagan (Mitte), Bundeskanzler Helmut Kohl (links) und der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen (rechts) am 12.06.1987 über die Berliner Mauer

John F. Kennedy: «Ich bin ein Berliner»

Getty Images

«Ich bin ein Berliner», sagte John F. Kennedy 1963 in Berlin. «Mister Gorbachev, tear down this wall», rief sein Nachfolger Ronald Reagan 1987 ebenda. Und der angesprochene Herr Gorbatschow kam schon zwei Jahre später, ebenfalls in Berlin, zur Einsicht: «Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.»

Berlin ist die Stadt der kurzen einprägsamen Sätze. Berlin ist «arm, aber sexy», wie der frühere Bürgermeister behauptete – Klaus Wowereit hiess dieser Mann, der als einer der ganz wenigen Politiker gleich mit zwei Redewendungen in den deutschen Sprachschatz einging: «Ich bin schwul, und das ist gut so», war die andere.

Lucien Fluri mit seiner Post aus Berlin

Lucien Fluri mit seiner Post aus Berlin

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Flüchtlinge überfordern die Bundeshauptstadt

Derzeit ist ein anderer Satz aus Berlin in aller Deutscher Munde. Noch ist aber unklar, ob er uns als geflügeltes Wort länger im Gedächtnis bleibt – und vor allem, ob er das positiv oder negativ tut: «Wir schaffen das», hat Angela Merkel vor knapp einem Jahr gesagt. Tausende Flüchtlinge kamen damals ins Land. Diesen Donnerstag, nach den Anschlägen, ist Merkel wieder vor die Presse getreten. «Wir schaffen das», hat sie wiederholt und denen – rechts und ganz links – getrotzt, die ihr den Satz als Strick um den Hals legen wollten. Merkel blieb Merkel.

Merkels Satz war ein Berliner Satz. Aber auf das Bundesland Berlin wird Merkel dabei wohl nicht zuerst hoffen. Kaum ein Ort war mit der Flüchtlingsfrage so überfordert wie die Hauptstadt. Zu Hunderten mussten die Flüchtlinge vergangenes Jahr vor dem Registrationszentrum warten. Ewig lange, in der prallen Sonne.

Der schlimmste Vorfall nahm diese Woche einen offiziellen Abschluss. Am Dienstag ist Silvio S. von einem hiesigen Gericht zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Der 33-jährige Deutsche hatte zwei Knaben entführt, missbraucht und getötet. Einer davon war der vierjährige Flüchtlingsjunge Mohamed, den S. aus der wartenden Menschenmenge vor dem überlasteten Berliner Flüchtlingszentrum entführt hatte. Stundenlang wartete dort Mohameds Mutter, die aus Bosnien-Herzegowina stammt, auf einen Termin. Tagelang wertete die Polizei die Kameraaufzeichnungen des Geländes nicht aus. Die Mutter stand im Verdacht, die Entführung vorzutäuschen, um länger in Deutschland bleiben zu können.

Doch wie hätte Berlin nicht an seine Grenzen gelangen können? Zu Spitzenzeiten kamen Hunderte Flüchtlinge an einem Tag an. 79'000 Asylsuchende kamen allein im letzten Jahr in Berlin an, doppelt so viele wie in der Schweiz und ein x-faches der 1'411 Asylsuchenden, die der Kanton Solothurn zugeteilt erhielt – und jeder weiss, wie viel Mühe die Behörden allein da haben, Plätze zu finden.

Berlin räumte Dutzende Turnhallen in den Schulhäusern, brachte Flüchtlinge in ehemaligen Flugzeughangars unter, notdürftig nur durch Stoff von ihren Nachbarn abgetrennt. Ohne Freiwillige wäre vieles nicht gegangen. Immerhin: Zögerlich bessert sich die Lage. Und die Flüchtlingszahlen in Deutschland gingen 2016 massiv zurück. Auch dank Merkels EU-Türkei-Deal.

Eine – verpflichtende – Wette auf die Zukunft

«Schaffen wir das?» Ein Journalistenkollege von mir ist überzeugt, dass der Satz damals eigentlich nur Merkels Ratlosigkeit und Ohnmacht ausgedrückt hat und weniger Programm hätte sein sollen. Aber er wurde als Fanal für die Willkommenskultur-Bewegung ausgelegt. «So wurden die Menschen, die nach Deutschland kommen ‹ihre› Flüchtlinge. Nun sind die Täter von heute ‹ihre› Terroristen. Jedenfalls in den Augen ihrer Gegner.»

Merkels Satz ist vor allem bemerkenswert, weil er nicht nur ein «Geflügeltes Wort» ist, sondern eine – verpflichtende – Wette auf die Zukunft. Wenn Merkel recht hat, werden in einigen Jahren Tausende Ex-Flüchtlinge stolz sagen können: «Ich bin ein Berliner.» Vielleicht sogar mit etwas weniger Akzent als John F. Kennedy damals.

Unser Redaktionskollege Lucien Fluri arbeitet während dreier Monate bei der «Berliner Zeitung». Er berichtet hier regelmässig von seinen Eindrücken.