Amtsgericht Emmental-Oberaargau

Betrugsfall vor dem Amtsgericht: Wie aus einer Mücke ein Elefant wird

Eigentlich hätte sich gestern Mittwoch Norbert S., der im Oberaargau ein Pub und ein kleines Transportunternehmen betreibt, vor dem Amtsgericht Emmental-Oberaargau wegen versuchten Betrugs, der Urkundenfälschung und der versuchten Nötigung verantworten sollen. Doch der Angeklagte erschien nicht.

Hans Peter Schläfli
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Das kantonale Verwaltungszentrum in Burgdorf. Seit Mai tagt das Gericht am neuen Standort. Andrea Marthaler

Das kantonale Verwaltungszentrum in Burgdorf. Seit Mai tagt das Gericht am neuen Standort. Andrea Marthaler

«Er hat sich mit einer Mail kurzfristig abgemeldet», erklärte Gerichtspräsident Adrian Jaisli bei der Eröffnung der Verhandlung. «Da Norbert S.* keinen wichtigen Grund angegeben hat, gilt er nicht als entschuldigt. Wir werden also die Verhandlung ohne ihn führen, aber ein Urteil wird noch nicht gefällt.» Er werde Norbert S. in ein paar Wochen zu einem zweiten Verhandlungstag aufbieten. Falls er dann wieder nicht erscheinen sollte, werde das Urteil in Abwesenheit gefällt, erklärte der Gerichtspräsident das weitere Vorgehen.

Ein Blechschaden als Auslöser

Alles begann am 27. Juni 2006 mit einem Blechschaden. Peter R.* fuhr in Münchenbuchsee mit seinem Lastwagen rückwärts in einen Lastwagen von Norbert S., der auf einem Parkplatz stand. Peter R. unterschrieb eine handschriftlich aufgesetzte Schuldanerkennung und übergab den Fall der Zürich Versicherung. Diese bezahlte die Reparaturrechnung und die Kosten für ein Ersatzfahrzeug.

Damit wäre der Fall für die meisten Normalbürger abgeschlossen gewesen. Aber Norbert S. war noch nicht zufrieden. Er stellte Rechnungen für zusätzliche Aufwendungen und angeblich verlorene Aufträge. Norbert S. beauftragte einen Anwalt, weitere 7744 Franken einzufordern. Vergleichsverhandlungen im Oktober 2006 scheiterten, weil Norbert S. mindestens 5000 Franken verlangte und die Zürich Versicherungen höchstens nochmals 3000 Franken zu zahlen bereit war.

Im Mai 2007 forderte Norbert S. von der Zürich Versicherung bereits 24 329 Franken. So kam es zu zwei Besprechungen mit einem Schadensinspektor der «Zürich». Dieser Schadensinspektor reichte darauf Strafanzeige wegen Nötigung ein und wurde als Zeuge angehört. «Er verlangte Geld und sagte: ‹Ich mache sie fertig, sie arbeiten nie mehr für die Zürich›», erklärte der Schadensinspektor. «Warum hat dieser Satz für Sie so grosse Bedeutung?», fragte der Gerichtspräsident. «Norbert S. ist eine grosse, wuchtige Erscheinung, das hat mich beeindruckt», war die Antwort, «ich hatte Angst, dass er gewalttätig werden könnte.»

Im Oktober 2007 betrieb Norbert S. die Zürich über einen Betrag von 38000 Franken und Peter R. – der den Blechschaden einst verursacht hatte – bereits über 48000 Franken. Dann reichte die Zürich Versicherung Strafanzeige wegen Urkundenfälschung ein. Da Norbert S. plötzlich verschiedene Auftragsbestätigungen über verlorene Transportaufträge vorlegen konnte, hegte die Versicherung den Verdacht, dass diese Papiere gefälscht sein könnten.

Dazu wurden drei Zeugen angehört, von denen zwei wegen den gescheiterten Aufträgen eher wage Aussagen machten. Als der Gerichtspräsident aber dem dritten Zeugen ein Papier über einen verlorenen Auftrag von 2700 Franken vorlegte, sagte dieser: «Das ist eine ‹Vaganterei›. Das hat nichts mit dem Auftrag zu tun, den ich für S. gehabt hatte. Das ist eine knallharte Urkundenfälschung.» Mit jedem befragten Zeugen verdüsterte sich das Bild, das man von Norbert S. bekam. Sie beschrieben einhellig einen renitenten Querulanten, der sich mit allem und jedem anlegt. «Wir haben zusammen Deutschland – Argentinien geschaut», meinte ein Zeuge. «Dabei hat er meinen deutschen Kollegen dermassen beleidigt, dass ich seither nie mehr ins Pub gegangen bin.»

Ins Bild des Querulanten passen auch die weiteren Schildbürgerstreiche: An Heiligabend 2010 hat Norbert S. die Zürich Versicherungen über den Betrag von 555550 Franken betrieben. Nun hat er sogar noch gegen den Gerichtspräsidenten eine Strafanzeige eingereicht.

Name von der Redaktion geändert.