Landzunge und Stadtmund

Der Text, den ich nie schreiben wollte

Eva Oberli
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Das ist der Urheber der Lungenkrankheit: Das neuartige Coronavirus unter dem Mikroskop.

Das ist der Urheber der Lungenkrankheit: Das neuartige Coronavirus unter dem Mikroskop.

KEYSTONE/EPA/NIAID- RML/NATIONAL INSTITUTES OF HEALTH HANDOUT

Er ist da, der Erreger mit dem klingenden Namen COVID-19 und nistet sich nicht nur in Schleimhäute und die landesweite Medienlandschaft ein, sondern auch in jeden einzelnen Aspekt unseres Alltagslebens. Corona, die Dolores Umbridge unter den Viren. Na, wer hätte das gedacht? Ganz ehrlich: ich nicht.

Wenn Corona wirklich eine kleine, untersetzte Frau im rosa Twinset wäre, hätte ich ihr noch vor zwei Wochen geraten, sie solle doch bitte ihre Hysterie ein wenig in den Griff kriegen. Wozu denn das Theater? Vor einer Woche noch hätte ich sie mit hochgezogener Augenbraue geringschätzig von oben bis unten gemustert und sie gefragt, ob sie denn tatsächlich glaube, dass die Schweizer Bevölkerung erst einen Virus braucht, um sich richtig die Hände zu waschen. Und heute? Heute würde ich mich vor ihr aufbauen, mit erhobenem Zeigefinger würde ich mich vor ihr aufbauen und zu ihr sagen: «Hör mal, Fräulein, wenn Du dich jetzt tatsächlich mit deinen zwei Metern Sicherheitsabstand zwischen meinen Jahrgang und unseren Abschluss stellst, dann, Fräulein, tut’s mir aber auch nicht leid, wenn du richtig räudigen Ausschlag von deinem Desinfektionsmittel kriegst!»

Und noch etwas anderes würde ich zu ihr sagen, widerwillig und zwischen zusammen gebissenen Zähnen zwar, aber ich würde es sagen: «Danke.» Denn Corona sorgt zwar für den Verfall von Saisonkarten, abgesagte Konzerte und die rigorose Einschränkung unserer sozialen Kontakte, aber trotzdem oder sogar genau deswegen tut sie uns auch einen Dienst: Das Virus hält uns einen Spiegel vor. Etwas, was wir verdammt nötig haben, wie sich in den letzten Tagen gezeigt hat. Offensichtlich war es bis anhin ja überhaupt nicht so, dass jeder und jede in diesem Land spätestens ab dem dritten Lebensjahr in der Lage war, sich selbstständig und regelmässig die Hände zu waschen. Wobei ich mir die Frage stelle: Warum denn nicht? Haben sich die «Seifenbosse» die Finger denn bisher sauber geleckt oder was?

Und mal abgesehen von der Hygiene zeigt sich, dass wir auch in anderen Bereichen noch merkliche Defizite haben, bei der Zwischenmenschlichkeit zum Beispiel. Rassismus ist in unserer Gesellschaft kein Thema mehr? Ja genau! Und zwar exakt solange, bis ein Mensch mit mandelförmigen Augen hinter uns im Zug niest. Und was ist mit unseren Grundwerten wie Solidarität, Nächstenliebe, Zusammenhalt, hmm? Alles vergessen, wenn uns die ältliche Frau mit Rollator die letzte Packung Nudeln vor der Nase wegschnappt.

Solange wir diese egoistische, hamsternde und vor allem NICHT angemessene «Nach-mir-die-Sintflut»- Mentalität nicht in den Griff kriegen, haben wir es auch nicht verdient, diese Krise unbeschadet zu überstehen. Aus dieser Notstand-Situation könnten wir jetzt ganz viel für die Zukunft lernen und mitnehmen, wenn wir es denn erkennen. Und für ein wenig reflektierende Arbeit an uns und unserer Einstellung haben in den nächsten Wochen der Quarantäne ja wohl alle wenigstens ein paar Minuten übrig. Bleibt gesund.