Industriewelt Aargau

Ein Stromdieb für das Bügeleisen

Im Gespräch mit Kathrin Schöb, Leiterin des Fricktaler Museums, werfen wir einen Blick zurück in die Anfänge des 20.Jahrhunderts. Damals wurde die Stärke der Glühbirnen nicht in Watt, sondern in Kerzen angegeben, und nur privilegierte Haushalte verfügten über Licht–oft nur über eine einzige Glühbirne, wohlverstanden.

Helen Dietsche
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Haarföhn bleibt Haarföhn, trockene Haare sind das Ergebnis – damals und heute.

Haarföhn bleibt Haarföhn, trockene Haare sind das Ergebnis – damals und heute.

Zur Verfügung gestellt

1901 war in der «Volksstimme», der Rheinfelder Lokalzeitung, Folgendes zu lesen:«Die Kraftwerke Rheinfelden werden zufolge Schlussnahme der Einwohnerversammlung an der Kaiserstrasse in Rheinfelden, südlich dem Gut des Herrn Ambühl,eine 25ig-kerzige, ganznächtig brennende Glühlampe anbringen.» Kathrin Schöb und ihr Team sind beim Recherchieren der Themen für die aktuelle Ausstellung «Rheinfelden – Unter Strom! Vom Dreiland in die Welt» im Fricktaler Museum auf diverse Zeitungsartikel gestossen: «Diese und viele ähnliche Meldungen machen deutlich, welche Wichtigkeit Anfang des 20. Jahrhunderts der Stromversorgung zugetragen wurde. Bis eine flächendeckende Stromverteilung,wie wir sie heute kennen,funktionierte,gab es für das 1898 fertiggestellte Kraftwerk Rheinfelden einige Hürden zu nehmen.»

Respekt vor der «neuen Kraft»

Kathrin Schöb weiss:« Die Stadtverantwortlichen von Rheinfelden zeigten sich dem Wasserkraftwerk gegenüber aufgeschlossen, erwarteten im Gegenzug jedoch die Erstellung der öffentlichen Beleuchtung in der Stadt.» Nicht nur die Stadt,sondern auch die nahe gelegene Industrie gehörte zu den privilegierten Kunden. Schon frühzeigten auch die umliegenden Gemeinden Interesse am Rheinfelder Strom. Um diesen zu verteilen, mussten Leitungen gebaut werden. Was für die einen Landbesitzer kein Problem war, stellte für andere ein unüberwindbares Hindernis dar, denn der Unterhalt der Strommasten musste vom Landbesitzer übernommen werden. Damals herrschte Respekt, aber auch eine gewisse Furcht vor der«neuen Kraft», und immer wieder war in den Zeitungen von tödlichen Unfällen mit Strom zu lesen. Die Gemeinden scheuten sich vor möglichen Folge kosten für die neuen Infrastrukturen zur Stromverteilung. Die Bevölkerung von Wallbach zum Beispiel wehrte sich und sabotierte die Bauten, sodass die Kraftwerke Rheinfelden das Dorf kurzerhand ausliessen und die Leitung nach Mumpf über Zeiningen geführt wurde. Kathrin Schöb bestätigt dies:«Während Möhlin 1897 eine Vorreiterrolle einnahm, hat sich Wallbach mit seiner Opposition selbst um den Strom gebracht. Die Gemeinde wurde erst rund 15 Jahre später elektrisch erschlossen.»

Extrastrom fürs Bügeleisen

Der Kohle-und Petroleummangel während der beiden Weltkriege führte dazu, dass die Elektrifizierung vorangetrieben wurde und die Menschen der Elektrizität aufgeschlossener begegneten. Industriebetriebe steigerten die Produktionen, und immer mehr Menschen fanden Arbeit in den Fabriken. Bald herrschte ein Mangel an Dienstboten. Dies wiederum führte dazu, dass sich die Haushaltsführung modernisierte: Haushaltgeräte boomten und wurden auch für den Mittelstand erschwinglich. Das erste alltagstaugliche, elektrische Haushaltsgerät war das Bügeleisen. Seine Stromversorgung allerdings war nicht ganz einfach, denn Steckdosen gab es damals noch keine. Not macht erfinderisch: Clevere Köpfe erfanden den «Stromdieb», einen Adapter,der in die Fassung der Glühbirne geschraubt wurde und dann wie eine Steckdose funktionierte. Und so wurde mit dem«Lichtstrom»–man bezahlte damals pro Glühbirne und nicht für den effektiv verbrauchten Strom– das Bügeleisen betrieben. Nicht zur Freude der Stromanbieter. Neben dem höheren Stromverbrauch,der nicht verrechnet werden konnte, führte der Betrieb der Bügeleisen zu Spannungsschwankungen. Die damals noch sehr diffizilen Glühfäden der Birnen brannten durch,und die Glühbirnen mussten ersetzt werden. So wurden bald schon spezielle Leitungen für den Bügelstrom in die Häuser gezogen, und das Problem war vorderhand gelöst.

Der Strom veränderte den Alltag

Nicht nur die Industriebetriebe veränderten sich durch den Strom und das Licht, auch der Alltag der Menschen bekam ein neues Gesicht. In Inseraten war zu lesen, dass öffentliche Vorführungen mit Kinematografen stattfanden, die den Zuschauenden Illuminationen oder bewegte Bilder vorführten. Oder dass Frau M.Schmidt-Trefzger,eine Coiffeuse der ersten Stunde, die Haare ihrer Kundschaft mit Luft trocknete–einer ärztlich anerkannten und empfohlenen Methode. Apropos Ärzte: Auch die Kurärzte setzten auf die Kraft des Lichtes und die heilende Wirkung von Stromwellen: Während1903imHotelKroneinRheinfelden Glühlichtbäder gegen Ischias, Rheumatismus,Gicht und Fettleibigkeit angeboten wurden, behandelten die Ärzte in der Heilanstalt Sanitas in Basel die Patienten mit Hochfrequenzströmen nach der Methode von Jacques-Arsène d’Arsonval–eine Hautreiztherapie,die auch heute noch angewendet wird.

«Ich schätze meine Waschmaschine.»

Kathrin Schöb ist aufgewachsen mit Kühlschrank, Backofen, Kassettenrekorder und der selbstverständlichen Verfügbarkeit eines funktionierenden Strom- und Telefonnetzes. Aber sie kennt auch andere Situationen: «Bei meinen Arbeitseinsätzen in den Bergen verbrachte ich viele Wochen ohne Badezimmer, Elektroherd oder Kühlschrank. Ich empfinde es nach wie vor als ein Privileg, auf einer abgelegenen Bergwiese zu liegen und ohne Einflüsse von künstlichem Licht den Sternenhimmel zu betrachten. Doch ich schätze auch meine Waschmaschine. Welcher Kraftakt für unsere Grossmütter früher das Wäschewaschen war, ist für die heutige Generation kaum mehr nachvollziehbar. Um so wichtiger ist es, auch Kindern und Jugendlichen aufzuzeigen, wie sich mit dem Strom der Alltag der Menschen verändert hat und dass ein sorgsamer Umgang mit dieser Ressource wichtigist.» #ZeitsprungIndustrie betrachtet das Thema Strom aus diversen Perspektiven. Das Fricktaler Museum zeigt auf, wieder Stromden Alltag der Menschen veränderte und in der Alten Schmiede in Baden sind Strompioniere, technische Errungenschaften und Entwicklungen das Kernthema. Das Forum Schlossplatz in Aarau nähert sich mit der Veranstaltungsreihe«Im Fluss» dem Thema Strom von einer literarisch-künstlerischen Seite.