Dialog: Er möchte in Frauenfeld weinen

Er möchte in Frauenfeld weinen

Er telefoniert täglich mehrmals mit Christian Stucki, will keinen Sponsoringvertrag mit der Spitex und wünscht sich in Frauenfeld Tränen. Mit dem fünften Eidgenössischen Kranz könnte Roger Brügger (35) in der Ostschweiz seine Karriere krönen.

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Michael Lüthi

Er ist schon jetzt einer der ganz Bösen. Nur sieben aktive Schwinger sind im Besitz von vier Eidgenössischen Kränzen – einer davon ist Roger Brügger. In Frauenfeld will der Fels (1,98 m/135 kg) seinen fünften Eidgenössischen Kranz holen.

Damit würde er in einen erlauchten Kreis aufsteigen: im Moment sind es 32 Schwinger, die fünf und mehr Eidgenössische Kränze geholt haben. Dass Brügger mit seinen 35 Jahren noch um den Titel mitschwingen kann, ist eher unwahrscheinlich.

«Ein Schwingerkönig über 30 gab es glaube ich noch nie. Das wäre mal etwa Neues», sagt er und schmunzelt. Der Mann aus Rubigen will mithelfen, «dass wir Berner den Titel holen». Er selber kämpfte 2001 (Nyon) und 2007 (Aarau) zweimal um den Schlussgang, scheiterte aber jeweils knapp.

«Es wird ein geiles Gefühl sein»

In Frauenfeld steigt der Mann vom Schwingklub Kirchberg zum sechsten Mal in ein Eidgenössisches Fest. 1998, 2001, 2004 und 2007 holte er dabei seine Kränze. Auch für den Routinier bleibt das Fest der Feste magisch, etwas ganz Spezielles.

«Es wird ein geiles Gefühl sein, am Samstagmorgen in die Arena einzulaufen.» Das Nonplusultra sei dieses grosse Fest. Und Roger Brügger ist ein Typ für die eidgenössischen Events. Ihn beflügelt die spezielle Ambiance, sie treibt ihn zu Höchstleistungen an.

«Ich habe mich an diesen Festen immer wohl gefühlt.» In Aarau sind nach dem Kranzgewinn sogar Tränen geflossen. «Solche Gefühle erlebt man nur selten im Leben. Tränen in Frauenfeld wären schön», sagt er und strahlt.

Die Familie geht lieber in die Badi, als in die Schwingarena

Roger Brügger ist dreifacher Familienvater und arbeitet in Luterbach als Logistikleiter. Er hört am liebsten Rockmusik. Züri West, Gölä oder Polo Hofer gefallen ihm. «Etwas, das man versteht», sagt er.

Die Familie kommt beim Sägemehl-Riesen vor dem Schwingen. Sein grösster Wunsch im Leben: «Dass es meinen Liebsten gesundheitlich gut geht.» Wie viele Schwinger ist auch Brügger ein leidenschaftlicher Esser. «Ich bevorzuge ein feines Entrecote, von meiner Frau zubereitet.» Seine Familie sei eher selten an einem Schwingfest anzutreffen. «Die gehen lieber in die Badi.»

Der Berner hat eine schwierige Saison hinter sich. Am 6. Juni hatte der Mann, der seit 26 Jahren schwingt, auf dem Gurten beim Mittelländischen einen Bandscheibenvorfall, mit Lähmungserscheinungen bis ins Bein. Er musste sich Spritzen direkt in den Wirbel setzen lassen – «das war eine sehr unangenehme Zeit». Seit fünf Wochen kann er wieder voll trainieren.

Zwei Bären im Ausgang

«Es sollte in Frauenfeld keine Probleme geben.» Im Herbst wird sich der Eidgenosse Gedanken über seinen Rücktritt machen. «Ich hatte ja schon einige Verletzungen. Einen Sponsoringvertrag mit der Spitex möchte ich nicht», sagt Brügger und lacht.

Einer seiner besten Freunde ist Schwingerkollege Christian Stucki. Durch die Sendung «SF bi de Lüt» (Die Bösen) ist Brügger zum TV-Star avanciert. «Es ist Wahnsinn, wie viele Leute mich plötzlich auf der Strasse erkennen.»

Mit Trainingspartner Stucki telefoniert Brügger mehrmals täglich. Die zwei haben Körper wie Bären, sind sehr ähnliche Typen. «Wegen unserer Posturen haben wir in etwa die gleichen Probleme. Diese können wir zusammen teilen.» Gemeinsam in den Ausgang geht das mächtige Duo auch ab und zu. Dann werde oft geredet. «Wir können uns ja leider nicht hinter der Bartheke verstecken.»