Fokus Gesundheit

Menschen brauchen Nähe !

Der Arzt und Psychoanalytiker Joram Ronel ist Leiter des Departements Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Klinik Barmelweid. Im Interview sagt er, was die Pandemie und Massnahmen wie Maske und Social Distancing mit Psyche und Gesellschaft machen

Andreas Krebs
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Gesundheit Aargau

Herr Ronel, wie wirkt sich die Corona-Pandemie auf dieVerschlechterung psychischer Leiden aus, etwa bei Angstzuständen?
Joram Ronel: Menschen, deren Störung mit sozialem Rückzug zu tun hat – z.B. depressive oder ängstliche Menschen, aber auch ältere Menschen, die aufgrund von körperlicher Gebrechlichkeit sowieso schon in einer Art «Lockdown» gelebt haben – hatten plötzlich keinen gesellschaftlichen Druck mehr, das Haus zu verlassen. Diese «splendid isolation» hatte in sehr vielen Fällen fatale Folgen, etwa eine deutliche Zunahme von Immobilität, aber auch von weiteren psychischen Problemen – gleichsam eines Teufelskreises, dem bis heute nur schwer etwas entgegengesetztwerden kann.

Der Lockdown ist zunehmend umstritten, ebenso andere Massnahmen, beispielsweise die Maskenpflicht. Inwiefern ist die Maske aus Ihrer Sicht problematisch?
Aus medizinischer Sicht bin ich klar für Schutzmassnahmen. Aber: Die Kommunikation funktioniert immer auch nonverbal. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass die gesprochenen Worte ohne das Interpretieren der Mundpartie deutlich schlechter zu verstehen sind. Und zwar nicht nur akustisch, sondern auch inhaltlich und vor allem emotional. Ist das Gegenüber offen, zugewandt, verschlossen, ironisch, mitfühlend, distanziert? Die sichtbaren Augenpartien sagen sehr viel weniger aus, als wir gemeinhin meinen. Es geht um das feine Minenspiel, das hinter der Maske verschwindet und unsere Kommunikation deutlich ein dimensionaler macht. In der psychotherapeutischen Kommunikation, der Therapeuten-Patienten-Interaktion, führt die Maskierung tatsächlich zu relevanten Problemen der zentralen Intervention unseres Faches: der sprechenden Medizin.

Und was macht das «Social Distancing»mit uns Menschen?
Warum heisst es eigentlich «Social» Distancing? Warum nicht «physical»? Wir wollen doch eigentlich keine soziale sondern «nur» eine körperliche Distanz, und die ist schlimm genug. Menschen brauchen Nähe! Sie brauchen Beziehung, Reibung beim Gegenüber, Berührungen. Das Ellenbogen-Knuffen wäre unter normalen Umständen ein problematischer Gruss. Heute ist es bereits verdächtig, sich die Hand zu geben. Geschweige denn, sich freundschaftlich zu umarmen. Die Pandemie verändert kulturelle Konventionen. Heute fühlt man sich mulmig, wenn man auf einem grossen Fest eingeladen ist. Man fühlt sich isoliert und allein sicherer. Welche Folgen das hat, wissen wir noch nicht. Wie z.B. gehen wir mit Sehnsüchten nach menschlicher Nähe um?

Ich befürchte eine Entfremdung zwischen den Menschen und nehme eine massive Spaltung wahr, sogar in Freundeskreisen und Familien. Die Stimmung wird zunehmend aggressiv. Wohin führt das und wie können wir die Spaltung überwinden?
Ich stimme Ihnen zu. Das ist wahrscheinlich eine der gefährlichsten Entwicklungen, die wir beobachten müssen. Und zwar weltweit. Die Gesellschaft verliert den gemeinsamen Boden, das gemeinsame Narrativ. Fakten können schnell zu «alternativen Fakten» werden, und jeder bezichtigt den anderen in den eigenen Echokammern der «Fake News». So kommt es zu tiefen Spaltungen, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt ernsthaft gefährden können. Die Psychoanalyse hat sich immer auch mit massenpsychologischen Mechanismen beschäftigt, und es zeigt sich, dass die Corona-Pandemie hier als Katalysator fungiert. Ein Katalysator, der aus einer Mischung aus Angst, Unwissen und der Neigung, Bedrohliches psychisch auszulagern, besteht. Das «Böse» ist dann aussen, bei anderen, externalisiert. Dieser leider allzu menschliche Mechanismus hat, so seltsam es klingt, die Wirkung, dass innere Strukturierung und Beruhigung entstehen können.

Einzeltische und Maskenpflicht in der Schule, kein Singen und kein Sport, Grosseltern nicht umarmen, Angst, jemanden anzustecken – wird unter diesen Umständen eine freie, unbeschwerte Entwicklung unserer Kinder verhindert?
Eine sehr gute Frage. Hinzu kommt: Was ist mit Jugendlichen, die sich ausprobieren müssen, die viel mit Nähe und Distanz «spielen» müssen, um eine eigene, auch sexuelle, Identität aufzubauen? Die Rate an Ängsten, sozialen Rückzügen, aber auch Zwangsstörungen bei Kindern nimmt zu. Waschzwänge und daraus resultierende Hautveränderungen werden gehäuft beobachtet. Die psychischen Langzeitschäden
können wir nicht abschätzen, aber es ist wichtig, dass Kindern – und übrigens auch Patienten – vermittelt wird, dass sie eben nicht allein sind; dass sie sich auf uns verlassen können, dass Eltern und Lehrer – respektive wir Therapeuten– weiter für sie da sind. Im schlimmsten Fall entsteht gerade eine von sozialen Impulsen deprivierte Generation; im besten Fall werden wir sehen, dass die menschliche Natur ausreichend robust ist und auch so eine Pandemie «wegstecken» kann. Politisch ist es übrigens hochfragwürdig, welche Prioritäten zum Teil gesetzt wurden. Mir hat ein Kollege neulich gesagt, wer für Schulschliessungen ist, müsste vorher Fussballspiele und Kurztrips nach Mallorca verbieten. So pathetisch es klingt: Kinder haben keine politische Lobby. Und der Begriff «Schulpflicht» wird plötzlich zu einem Begriff des «Schulrechtes». Kinder haben ein Recht auf soziale Interaktion und Bildung!

Wie lange nach Ende der Pandemie respektive Beenden der Massnahmen werden die psychischen Nebenwirkungen nachhallen?
Wissenschaftliches zu Covid kann ich leider nicht beantworten. Allerdings: Wir Menschen haben die Fähigkeit, Traumatisierungen oder andere belastende Ereignisse erstaunlich gut zu integrieren. Dies wissen wir u.a. aus Untersuchungen von Holocaust-Überlebenden, die nach Extremtraumatisierungen in der Lage waren, die unfassbarsten Erlebnisse weit aus ihrem Bewusstsein zu drängen, um zu funktionieren. Sie mussten Familien gründen, einen Beruf ausüben etc. und hätten dies nicht gekonnt, wenn sie die Bilder der Hölle ständig und immerzu vor Augen gehabt hätten. Covid ist selbstverständlich nicht mit der Shoah zu vergleichen, aber die Mechanismen der Dissoziation greifen auch hier. Wir wissen zwar über die Gefahren, aber wir handeln im Sinne eines menschlichen «Eskapismus», der uns hilft, Normalität zumindest momenthaft herzustellen. Die Menschen waren am Anfang der Massnahmen relativ diszipliniert, haben sich an die Kontaktbeschränkungen gehalten und auf soziale Kontakte verzichtet. Nach ein paar Monaten ist dies nun verständlicherweise anders, wenngleich die Gefährlichkeit des Virus unverändert ist.

Bei vielen Menschen überwiegen derzeit negative Gefühle. Wie lassen sich diese in positive wandeln?
Therapeutisch versuchen wir, wie bei anderen psychischen Belastungen auch, den Schwerpunkt zunächst auf die Anerkennung der Belastung, in manchen Fällen auch der Traumatisierung zu legen. Bevor wir «positiv» werden können, müssen wir die Trauer und auch die Wut zulassen. Eine reine «Romantisierung» der Pandemie, wie es sie amAnfang teils gab –die reine Luft, derwenige Verkehr etc. –wird nicht nachhaltig sein. Erst «geteiltes Leid ist halbes Leid». Wir müssen die negativen Affekte zu hören bekommen. Mit aller Wucht. Die Wut, die Verzweiflung, die Einsamkeit. Erst danach kann etwas Gemeinsames entstehen. Das Gefühl, nicht allein zu sein, hilft sehr oft. Ein wunderbares Beispiel sind die vielen musikalischen Gemeinschafts- ideoproduktionen. Wir müssen Einsamkeit und Angst mit viel Gemeinsinn bekämpfen. Eigentlich hilft Gruppentherapie – aber die hat imMoment sehr viele Einschränkungen.

Psyche und Corona
Die Corona-Krise gefährdet nicht nur unsere körperliche, sondern auch unsere psychische Gesundheit. Besonders betroffen sind ausgerechnet Menschen, die schon vor der Pandemie mit psychischen Problemen zu kämpfen hatten. Da kommen die Aktionstage zur «Psychischen Gesundheit im Kanton Aargau» (vom 6.9. bis 30. 10.), wo sich soziale Institutionen und Leistungserbringer vorstellen, gerade recht. Denn, wie Regierungsrat Jean-Pierre Gallati im Vorwort der Programmbroschüre schreibt, «gerade in herausfordernden Zeiten ist es wichtig, sein Bewusstsein für den Umgang mit psychischer Gesundheit zu schärfen und ein Augenmerk auf das seelischeWohlbefinden zu legen».

www.ag.ch/aktionstage
Hinweis Referat und Diskussion mit PD Dr. med. Joram Ronel am 22. 10. im KuK, Aarau. Anmeldung bis 15. 10. unter www.barmelweid.ch/veranstaltungen oder 062 857 21 11. Die Veranstaltung ist kostenlos.