Niederbipp

Nicht alle wollen Bell das Feld überlassen

Kurz vor der Gemeindeversammlung in Niederbipp regt sich in der Bevölkerung doch noch Opposition gegen das Megaprojekt.

Johannes Reichen
Drucken
Teilen

Solothurner Zeitung

«Nur wenige haben keine Freude an Bell», schrieb diese Zeitung am vergangenen Dienstag. Die Überbauungsordnung Stockmatte, die am Montag vor die Gemeindeversammlung kommt, wird von allen Parteien unterstützt, öffentlichen Widerstand gibt es nicht gegen die geplante Fabrik des Fleischverarbeiters Bell. Als Silvia Bögli das las, musste sie leer schlucken. Sie ist eine derjenigen, die keine Freude haben.

Am Donnerstag lag dann auch noch eine Broschüre im Briefkasten. «Stimmen Sie Ja!», lautet der Aufruf von «Pro Bell Bipp». Er liefert ein Argumentarium für die Ansiedlung, unterzeichnet ist er unter anderem von Robert Sutter, Präsident der «Region Oberaargau» und von Ueli Simon, dem ehemaligen Gemeindepräsidenten (siehe Kasten unten rechts). Als Bögli dies las, dachte sie, dass sich vor der Abstimmung auch die kritischen Stimmen äussern sollten.

Mit ihrer Meinung zum Bell-Projekt ist sie nicht allein. Schon vor der Mitwirkung (die allerdings ohne grossen Widerspruch über die Bühne ging) hatte eine nicht repräsentative Umfrage der SVP eine klare Ablehnung gegen das Projekt ergeben. Auf bipperamt.ch wird ebenfalls gegen die Überbauung argumentiert.

Eine Nummer zu gross

Mit Brigitte Born äussert sich hier nun eine weitere Gegnerin des Bell-Projekts. Für Niederbipp bestehe zum jetzigen Zeitpunkt absolut keine Notwendigkeit, wertvolles Kulturland zu «verscherbeln» – noch dazu als «billiges Industrieland», sagen Bögli und Born. Sie fragen sich zum Beispiel, warum in Oensingen der Quadratmeter rund 100 Franken mehr kostet als in Niederbipp.

«Ich habe das Gefühl», sagt Born, «dass unsere Infrastruktur im Dorf nicht mit diesen Riesenprojekten mithalten kann.» Als Beispiel nennt sie die Schule, als Lehrerin und Mitarbeiterin der Tagesschule könne sie hier aus eigener Erfahrung sprechen. «Die Tagesschule wächst und wächst und ist doch immer zu klein.»

Vor ein paar Jahren hat sich der Niederbipper Gemeinderat ein neues Leitbild gegeben und darin festgestellt, dass in Sachen «Ortsentwicklung eine ruhigere Gangart» Einzug halten soll: «Die ehedem fraglose Priorität des Verkehrs und der Bauinvestitionen haben einem nachhaltigen Umgang mit der Ressource ‹Umwelt› Platz gemacht.» Bögli und Born wünschten sich, dass dieses Leitbild nun tatsächlich auch gelebt wird: «Da sind ganz andere Ziele aufgelistet, als sie jetzt mit den Bell-Plänen angestrebt werden», sagt Bögli.

Niederbipp müsse jetzt auf Qualität statt Quantität setzen und Projekte angehen, welche die Wohnqualität steigerten. Dazu zählt sie auch den Erhalt von schönem Weideland – die Stockmatte werde von vielen auch als Naherholungsgebiet benützt.

Reicht das Geld?

Für die Gemeinde sind allerdings die wirtschaftlichen Gründe ausschlaggebend für ihr Ja zu Bell. Doch Brigitte Born zweifelt daran, dass die Rechnung der Gemeinde aufgehen wird, dergemäss nach der Mehrwertabschöpfung von 5,5 Millionen abzüglich Investitionen in die Stockmatte von 3,5 Millionen noch rund 2 Millionen Franken übrig bleiben sollen. Damit will die Gemeinde etwa den Bipperkanal sanieren und Verkehrsmassnahmen in Oensingen mitfinanzieren.

«Ich bin mir sicher, dass diese 2Millionen nirgends hinreichen werden», sagt Born. Und: Die Verhandlungen mit Oensingen zum Thema Abwasser und Ausbau der Autobahnausfahrt seien ja noch nicht abgeschlossen. «Es ist nicht abzusehen, welche weitere Kosten auf uns zukommen.»

Lebensqualität hat ihren Preis

Die beiden Frauen, die auch im Verein Räberstöckli aktiv sind, sehen die Bell AG nicht wie andere als Glücksfall für Niederbipp. «Offenbar ist der finanzielle Aspekt sehr wichtig, aber auch wenn der Steuerfuss der Gemeinde erhöht werden müsste, bliebe Niederbipp eine attraktive Wohngemeinde», sagt Silvia Bögli. «Lebensqualität ist mir etwas wert – auch in Franken.»

Gemeindeversammlung Am Montag, 27.Juni, 20 Uhr, Räberhus Niederbipp