Dietikon

Reto Siegrist: «Die Kritik hat natürlich an mir genagt»

Am Mittwoch hat Reto Siegrist nach 12 Jahren als Präsident der Genossenschaft Stadthalle sein Amt abgegeben.

Bettina Hamilton-Irvine
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«Das Gebäude löst Emotionen aus»: Reto Siegrist, hier im Foyer der Stadthalle, gibt nach 12 Jahren sein Amt als Präsident der Genossenschaft ab.

«Das Gebäude löst Emotionen aus»: Reto Siegrist, hier im Foyer der Stadthalle, gibt nach 12 Jahren sein Amt als Präsident der Genossenschaft ab.

Bettina Hamilton-Irvine

Herr Siegrist, in letzter Zeit mussten Sie sich als Präsident der Genossenschaft Stadthalle Dietikon immer wieder rechtfertigen: wegen der Vermietpraxis, der Preispolitik oder des Parkplatzregimes. Gestern haben Sie Ihr Amt nach 12 Jahren abgegeben. Haben Sie die Nase voll?

Reto Siegrist: Der Entscheid, aufzuhören, ist gefallen, als ich für den Stadtrat kandidiert habe. Doch natürlich hat diese Kritik an mir genagt – vor allem, weil viel davon unbegründet war.

Worauf beziehen Sie sich?

Zum Beispiel die Kritik an den Preisen. Die Fixpreise sind für die Dietiker Kartellvereine seit 1996 nicht mehr erhöht worden. Sie zahlen nach wie vor knapp 3000 Franken Miete. Nur der variable Teil hat etwas zugenommen, aber wir bieten auch mehr. Unsere Preise sind günstig, wenn man bedenkt, was man dafür alles bekommt. Zudem zahlen die auswärtigen Mieter drei Mal mehr.

Trotzdem können sich viele Dietiker Vereine die Halle nicht mehr leisten.

Ja, weil sie die Leute nicht mehr zusammenbringen. Es braucht im Minimum 600 Gäste, damit es sich lohnt. Ansonsten nimmt man lieber einen kleineren Veranstaltungsort.

Für die Stadthalle ist der Spagat zwischen Wirtschaftlichkeit und Volksnähe zur Herausforderung geworden. Wie kann man das Problem lösen?

Wir haben Anfang Jahr entschieden, dass die Dietiker Vereine zusätzlich 30 Prozent oder maximal 1000 Franken Rabatt auf die Miete bekommen. Sie erhalten die Halle nun für ein Butterbrot.

Deshalb kommen jetzt auch die Stadtjodler, die zuerst woanders hin wollten, wieder zurück.

Ja, es sieht nun so aus, als würden sie bei ihrem nächsten Auftritt Gewinn machen. Dies aber auch, weil ich ihnen erklärt habe, wie man heute so einen Anlass organisieren muss: Es braucht dazu Sponsoring und Marketing. Es kann nicht sein, dass sich ein Verein über die Preise beklagt und gleichzeitig ihren Anlass durchführt wie vor 20 Jahren. Auch die Vereine müssen mit der Zeit gehen.

Bringt der Rabatt die Genossenschaft nicht in finanzielle Probleme?

Nein. Wie vermieten die Halle pro Jahr rund 120-mal. Die Dietiker Vereine nutzen sie aber weniger als zehn Mal. Es ist sehr schade, dass es nicht öfter ist.

In den 1950er-Jahren sehnten sich die Vereine nach einem Veranstaltungsort, an der Fasnacht wurde gespottet: «Mir händ, das isch fatal, in Dietike kein Saal.» Wenn heute nur noch so wenige Vereine die Stadthalle mieten: Braucht es sie noch?

Auch wenn sie mehrheitlich von Auswärtigen gemietet wird, ist es ein Privileg, jederzeit eine Stadthalle zur Verfügung zu haben. In vielen Gemeinden fehlt diese Infrastruktur. Aber ja, sie ist heute für die meisten Dietiker Vereine zu gross. Andererseits trainiert dort auch der Handballclub viermal in der Woche, was eine gute Sache ist.

Was kann man tun?

Man sollte die Halle nicht generell infrage stellen, nur weil die Vereine zurzeit in einer schwierigen Situation sind. Viel eher muss man sich fragen: Was können sie tun, damit sie wieder mehr Leute anziehen? Der Stadtmusik ist das gelungen: Sie kehrte in die Stadthalle zurück, nachdem sie 1995 ein Tief hatte und temporär anderswo auftrat.

Die meisten Vereine klagen über Mitgliederschwund. Ist es da realistisch, zu hoffen, dass sie wieder zu den guten alten Zeiten zurückfinden?

So wie früher wird es nicht mehr werden, das stimmt. Doch die Vereine müssen aktiv und attraktiv bleiben und den Jungen etwas bieten. Ein Verein muss heute wie ein Unternehmen geführt werden. Wer diese Kurve kriegt, wird auch in Zukunft erfolgreich sein.

Vorgeschlagen wurde, eine Firma könnte die Stadthalle führen.

Möglich wäre das. Aber dann könnte die Stadt überhaupt keinen Einfluss mehr nehmen, wer die Halle mietet. Dann würde keine Rücksicht mehr genommen auf Anliegen der Stadt, es gäbe nur noch Grossanlässe und Dietikon würde im Verkehr ersticken.

Schon jetzt wird die Stadthalle aber immer wieder für ihre Vermietpraxis kritisiert – zum Beispiel nach dem kurzfristig abgesagten Kampfsportanlass «Ready for war» oder dem Eritreer-Fest, bei dem es zu einer Massenschlägerei kam. Braucht es einen besseren Kontrollmechanismus, um die Mieter zu überprüfen?

Der ist in der Zwischenzeit eingebaut. Jeder Mieter wird heute zuerst von der Kantonspolizei überprüft. Wir haben aus den negativen Erfahrungen gelernt.

Immer wieder für Ärger sorgt auch die Parkplatzsituation.

Solange wir für die Parkplätze zuständig waren, funktionierte das Parkregime gut. Nun fühlen wir uns aber nicht mehr verantwortlich, denn die Stadt hat das Szepter übernommen. Sie hat nicht nur Gebühren eingeführt, sondern auch den Verkehrsdienst aus Kostengründen reduziert, was natürlich zu mehr Suchverkehr führt. Aber den Ärger haben wir.

Frustriert Sie das?

Ja, seit etwa zwei Jahren finde ich diese Situation zunehmend frustrierend.

Trotzdem treten Sie nun nicht vor allem aus Frust zurück?

Nein. Man darf nicht vergessen: Dieses kleine Unternehmen mit 800 000 Franken Umsatz zu führen, macht Spass. Ich konnte vieles bewegen. Doch es zehrt auch, all die Ansprüche der Bevölkerung, der Stadt, der Polizei und anderen unter einen Hut zu bringen. Deshalb ist es nach 12 Jahren Zeit für neue Köpfe.

Löst die Abgabe des Präsidiums eher Erleichterung oder Wehmut aus?

Beides. Wenn ich sehe, was wir aus dieser Halle gemacht haben, macht mich das schon sehr stolz.

Im Neujahrsblatt 2006 schreibt alt Stadtpräsident Hans Bohnenblust, mit dem Brand der Stadthalle 2001 habe sich gezeigt, wie sehr die Dietiker an ihrer Stadthalle hingen. Für sie sei «eine Welt zusammengebrochen». Hat die Halle heute noch diesen emotionalen Stellenwert?

Ich denke schon. Das Gebäude prägt. Es löst Emotionen aus. Und die Dietiker Bevölkerung hat Spass daran, dass sie eine Stadthalle hat.

Ursprünglich war der Sport die bedeutendste Ertragsquelle. Was bringt heute am meisten Geld ein?

Ganz klar Drittvermietungen. Cannatrade beispielsweise: Die bezahlen einen substanziellen fünfstelligen Betrag. Auch grosse Konzerte, die 20 000 bis 30 000 Franken einbringen.

Dann ist die finanzielle Situation für Sie zurzeit zufriedenstellend?

Sie ist sogar gut. Wir haben in den vergangenen drei Jahren etwa 300 000 Franken investiert. Das war nur möglich, weil wir gut vermieten konnten. Man darf nicht vergessen, dass uns die Halle mit dieser Vermietungsintensität täglich 2000 Franken kostet.

In der Stadthalle fanden schon Miss-Schweiz-Wahlen statt, Kurt Felix, Bundesrat Willi Ritschard oder der Dalai Lama traten auf. Was waren Ihre persönlichen Highlights?

Der schönste Moment war für mich die Einweihung der neuen Halle 2003. Die Stadtmusik spielte, es gab ein Bankett und ein wunderbares, zweitägiges Fest. Da konnte ich richtig schwelgen.

Welche Momente würden Sie lieber vergessen?

Der peinlichste Moment war für mich das erste Wirtschaftspodium in der neuen Halle im Jahr 2003. Wir hatten einen Teilausfall der Verstärkeranlage. Eine Seite der Halle hörte nicht, was auf der Bühne geredet wurde. Ich hätte im Boden versinken können. Ein anderes Mal fuhr ein Auto in die Stromverteilung und wir hatten eine Stunde lang totalen Stromausfall. Das Konzert der Polizeimusik musste bei Kerzenlicht stattfinden und man hörte die Sänger nicht.

Nun übernimmt Jürg Meier-Bisang das Präsidium der Genossenschaft. Was wird sich verändern?

Zurzeit sind alle Investitionen getätigt, die uns helfen, in den nächsten Jahren erfolgreich zu sein. Er wird daher zuerst vor allem gut verwalten müssen. In ein paar Jahren muss er sich überlegen, wo man investieren muss.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Stadthalle?

Meine Vision ist, dass man im Niderfeld eine neue Halle mit einem Hotel und Kongresszentrum bauen würde. Dann könnten wir die Stadthalle der Schule übergeben und dieses Quartier vom Verkehr befreien.