Corona-Virus

Sie gehören zur Risikogruppe, aber längst nicht alle Senioren nehmen Hilfe an

Nur wenige älteren Menschen nutzen die Hilfsangebote, um die Ansteckungsgefahr mit dem Corona-Virus zu minimieren.

Cynthia Mira
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Nicht alle Senioren lassen sich im Alltag vom Corona-Virus abhalten.

Nicht alle Senioren lassen sich im Alltag vom Corona-Virus abhalten.

Manuela Jans-Koch

Dem Virus zum Trotz: Gestern trafen sich sechs Seniorinnen und Senioren in Schlieren, um privat einen Jass zu klopfen. Für gewöhnlich sassen sie im Stürmeierhuus. Ruth Haunsperger vom Frauenverein Schlieren organisiert jeden Montag die Kaffeestube mit Jass und Spiel. Der Anlass wurde aufgrund der Ansteckungsgefahr mit dem Corona-Virus eingestellt. Nicht alle älteren Personen wollten bis anhin auf solche Nachmittage verzichten. Dies dürfte sich mit den jüngsten angeordneten Massnahmen des Bundesrats gestern Abend ändern.

Für Haunsperger selbst ist es weiterhin eine Selbstverständlichkeit, ihre Hilfe anzubieten. Auch auf das Hüten ihrer Enkelin verzichtet sie nicht. «Sie ist gerade bei mir, weil die Eltern arbeiten.» Sie habe keine Angst und es bringe nichts, Hysterie zu verbreiten. Sie erstaune es, dass junge Menschen Hamstereinkäufe tätigen. «Es sind nicht wir Senioren, sondern die Jüngeren, die ihre Einkaufswagen füllen», sagt sie. Was ihr aber am meisten weh tue, seien die untersagten Besuche in den Pflegeheimen. «Dieses Verbot trifft die Menschen, die solche Besuche am meisten schätzen.» Sie habe Anrufe getätigt, um Grüsse auszurichten, sagt sie. Jetzt beginne sie damit, Karten zu schreiben.

Der Telefonansturm für benötigte Hilfe blieb aus

Auch Nelli Schmid spürte bis anhin noch wenig Bedürfnis nach zusätzlicher Hilfe bei älteren Personen. Sie engagiert sich im Seniorenrat Oetwil, Geroldswil und Fahrweid. Gestern wartete sie vergebens auf den von ihr erwarteten Telefonansturm. Der Seniorenrat übernimmt Arbeiten, damit ältere Menschen möglichst lange in den eigenen vier Wänden mit Unterstützung leben können. Es werden Fahrdienste organisiert und Einkäufe getätigt. Die Nachfrage von älteren Menschen, die aufgrund der aktuellen Corona-Krise lieber die Hilfe einer solchen Institution annehmen, blieb bis gestern Nachmittag aber aus. «Ich dachte, ich werde überrannt mit Anrufen, aber es kam keine einzige Anfrage», sagt Schmid überrascht.

Der Grund dürfte auch darin liegen, dass die allgemeine Solidarität gross ist. «Es gibt viel Hilfestellungen für uns Seniorinnen und Senioren, davon bin ich überzeugt», sagt Robert Welti. Er ist Präsident des Seniorenklubs Abigsunne in Schlieren. «Wir sind gut vernetzt und telefonieren uns gegenseitig, um nachzufragen, wie es geht», sagt er. Das Wohlergehen der Mitglieder liege dem Vorstand am Herzen. Das Schwierige sei aber, dass sie zu jener Generation gehören, die nicht helfen sollten. «Wir sollen nicht mehr die Enkelkinder hüten und nicht mehr einkaufen gehen», sagt er. Und dies zu einer Zeit, in der eigentlich Unterstützung angeboten werden sollte.

Der Tiefpunkt sei noch nicht erreicht, aber solange noch telefoniert werden könne, solle man auch um Hilfe bitten, wenn dies nötig werde, sagt er. «Auch mein Enkel hat angeboten, die Einkäufe für uns zu erledigen.» Bislang musste dies noch nicht in Anspruch genommen werden. «Wir sind alle noch genügend mit der aktuellen Situation beschäftigt und den neuen Informationen, die vom Bund kommen», sagt er. Wenn über längere Zeit gar nichts mehr läuft und ältere Personen beispielsweise zwei Wochen niemanden mehr gesehen haben, dann werde der Alltag schwieriger.

Ebenso Hilfsangebote aus der Nachbarschaft erhielt René Barras. Er ist Präsident des Seniorenklubs Oetwil. «Der Austausch mit anderen im gleichen Alter findet im Moment gar nicht mehr statt, weil alle Veranstaltungen abgesagt werden mussten», sagt er. Es seien aus seiner Sicht aber die Nachbarn und die Leute im nahen Umfeld, die von sich aus Hilfe ihre anbieten würden, sagt er. Er selbst gehöre aufgrund einer Vorerkrankung zur Risikogruppe, sodass er sich wenn immer möglich nicht exponiere und damit bewusst schütze. «Zurzeit erledigt die Einkäufe noch meine Frau», sagt er. Es scheinen somit vor ­allem Personen mit Vorerkrankungen zu sein, die Hilfe an­nehmen.

«Aesch für Aesch» wurde kurzerhand initiiert

Aus einem Solidaritätsgedanken heraus hat der Frauenverein Aesch das neue Angebot «Aesch für Aesch» initiiert, um die Bevölkerung bei einem möglichen Engpass in der aktuellen Situation zu unterstützen. «Wir hoffen, dass das Angebot genutzt wird und sich Leute melden, wenn sie Hilfe brauchen und auch wenn sie Hilfe anbieten können», sagt Mitinitiantin Fulvia Hofmann. «Das Angebot steht für alle im Dorf bereit, die Unterstützung brauchen. Dies können Einkäufe, Kinderbetreuung oder Fahrten sein.» Sie seien gespannt, denn das Angebot stehe erst seit gestern. «Es haben sich bereits einige hilfsbereite Personen gemeldet.» Die Solidarität sei da.