Lucerne Festival
Wiederholungen sind auch Intensitäten

Die Blockflöte wird häufig unterschätzt. Die Solistin und Preisträgerin Lea Sobbe überraschte aber mit einem fulminanten Konzertzyklus.

Pirmin Bossart
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Die Solistin Lea Sobbe überzeugte bei ihrem Auftritt.

Die Solistin Lea Sobbe überzeugte bei ihrem Auftritt.

Bild: Priska Ketterer/Lucerne Festival

Da sitzt man in der Lukaskirche, und der Blockflöten-Blues der Kindheit löst sich im Nu in ein musikalisches Erlebnis auf, das die Ohren weitet und einem sogar beglückt. Lea Sobbe (27), die kürzlich ihr Masterstudium an der Schola Cantorum Basiliensis absolvierte, holt die Blockflöte in die Gegenwart eines virtuosen und tief empfundenen Musizierens. Mit dabei ist an diesem Dienstagmittag ihr Kammermusikpartner, der Isländer Halldór Bjarki Arnarson, am Cembalo.

Die junge Flötistin gewann den mit 25 000 Franken dotierten «Prix Credit Suisse Jeunes Solistes», der ihr nach dem gestrigen Debut-Rezital am Lucerne Festival überreicht wurde. Sie ist eine Musikerin, die das schlichte Instrument in Sachen Klanglichkeit und melodische Variationen in wunderbarer Leichtigkeit ausreizt, und bei aller technischen Virtuosität auch das Leidenschaftliche durchdringen lässt, das die Musik erst richtig lebendig macht.

Kompositionenstimmig vereint

Entscheidend für das gute Konzerterlebnis war nicht zuletzt das Repertoire, und wie sie es zusammenstellte. Es zog einen Bogen von der Blockflöten-Tradition des Barockzeitalters bis zur Musiksprache des 20. Jahrhunderts, in dem die Blockflöte, nachdem sie gut 200 Jahre in der Musikgeschichte nicht mehr vorkam, neu entdeckt wurde. Die Protagonisten fügten die so unterschiedlichen Kompositionen auf weite Strecken nahtlos zusammen, was für eine Rezeption der Offenheit nicht genug gewürdigt werden kann. Besonders cool wirkten die subtilen Übergange, die oft mit einem einzigen Cembalo-Ton Welten verbanden.

Thematisch ging es in diesem Programm um das Spannungsverhältnis von Struktur und Freiheit, oder, wie Lea Sobbe selber im Programmheft zitiert wird: «Die Suche nach dem Grat zwischen Gestalt und Auflösung». Als Kondensationskerne dieser musikalischen Herausforderung wirken die Wiederholungen, die seit jeher in der Musik quer durch die Kulturen und Epochen eine Rolle spielen. In der Barockmusik sind das etwa die Bassfiguren (Basso ostinato) oder wiederkehrende Abschnitte und Motive.

Avantgardistischund dennoch anmutig

Das experimentierfreudigste Stück, eine Eigenkomposition, erklang gleich zu Beginn: «once:more» legte ein Fundament aus elektronischen Bassfiguren und verschobenen Sprachsamples von Gertrude Stein, über das die Flötistin ihre Melodien variierte. Danach ging es mit Stücken von Paolo Benedetto Bellinzani und Marco Uccellini zurück ins späte und frühe 17. Jahrhundert. Letzteres beeindruckte durch eine vergleichsweise avantgardistisch anmutende und dennoch lockere Klanglichkeit.

Ausgeprägt mit Motiv-Variationen spielt die viersätzige Sonatina quinta in a-Moll von Georg Philipp Telemann, in denen die einander umrankenden Melodielinien und rhythmischen Akzentverschiebungen zwischen Cembalo und Flöte transparent zu verfolgen waren. Das konventionelle Stück war reizvoll eingemittet in zwei moderne Kompositionen: Mit «commentari III» der zeitgenössischen Komponistin Dorothée Hahne meisterte Lea Sobbe auf der Sopranblockflöte und auf der Renaissanceblockflöte ein paar höchste Klippen an Tempo und Variationen. Sie spielte im Dialog mit einem Zuspielband, das gegen Ende auch das Motorengeräusch eines durchziehenden Helikopters als irritierenden Kontrast dazugab.

Klanglich extravagant gurgelte, pochte und häckselte sich das Stück «Studio 2a» für Paetzold-Bassett und Tape von Emanuele Casale in die Ohren, bevor der Bass-Groove und die fliessenden, melodischen Kapriolen der Flötistin mit einem für Blockflöte und Cembalo arrangierten Violinen-Stück von Nicola Matteis (1676 veröffentlicht) den Konzertbogen in beeindruckender Eleganz beendeten. Die Blockflöte: Wir hüten uns, je wieder über sie zu schnöden.