«Er ist in meinen Armen gestorben»: Ein Teenager verliert seinen Grossvater, der ihn aufgezogen hat

LZ-Weihnachtsaktion: Elias* wächst bei seinen Grosseltern auf. Leider muss er den Tod seines Grossvaters miterleben, der für ihn wie ein Vater ist. Zum Glück ist da noch jemand anderer.

Arno Renggli
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Genauso wie Mutter und Sohn: Elias und seine Grossmutter Julia haben eine starke Beziehung zueinander. (Bild: Philipp Schmidli, 1. November 2019)

Genauso wie Mutter und Sohn: Elias und seine Grossmutter Julia haben eine starke Beziehung zueinander. (Bild: Philipp Schmidli, 1. November 2019)

Als Elias (* alle Namen der Redaktion bekannt) zur Welt kommt, ist seine Situation eigentlich dramatisch. Zum Glück bekommt er das kaum zu spüren. Er wächst bei zwei Menschen auf, die ihn lieben. Dass es seine Grosseltern sind, spielt für ihn keine Rolle. Dass sein Vater unbekannt ist und seine Mutter nicht in der Lage, für ihn zu sorgen, wird er später erfahren. «Ich bin ganz normal aufgewachsen», sagt der heute 19-Jährige aus dem Kanton Luzern. «Ich habe nichts vermisst.»

Für ihn ist es ein Glücksfall, für seine Grosseltern natürlich eine Herausforderung. Es war schwer, einsehen zu müssen, dass die eigene Tochter es nicht schafft, zum Enkel zu schauen. «Wir hatten die Wahl: Elias kommt entweder ins Kinderheim oder zu uns», sagt die Grossmutter Julia W. «Und da gab’s nicht viel zu überlegen. Wir haben Elias zu uns genommen.»

Seine Mutter lässt ihn fast immer hängen

Seine Grosseltern sind damals erst um die 50 Jahre alt. Und keine Grossverdienerfamilie; das Geld ist knapp und wird es in den Folgejahren bleiben. Und frustrierend sind die Versuche, Elias einen regelmässigen Kontakt zu seiner Mutter zu ermöglichen. Meistens werden vereinbarte Termine nicht eingehalten. Und wenn sich die Mutter doch einmal blicken lässt, wird das Zusammensein sofort schwierig. «Irgendwann haben wir es aufgegeben», sagt Julia W. Und auch Elias konnte irgendwann gut darauf verzichten. Heute sagt er: «Sie hat uns so viel angetan, dass ich im Moment überhaupt kein Interesse mehr an einem Kontakt habe.»

Elias geht es in all die Jahre gut bei seinen Grosseltern, zu beiden hat er ein ausgezeichnetes Verhältnis. «Meine Oma ist offen und verständnisvoll. Auch meine Kollegen mögen sie sehr. Und zu meinem Opa hatte ich ebenfalls einen starken Bezug, er war ein starker und sportlicher Mann, für mich ein Vorbild und wie ein richtiger Vater.»

Leider ist sein Grossvater vor drei Jahren gestorben. Es passiert an einem Sonntagmorgen, als sie zu dritt frühstücken wollen, aus dem Nichts. Der bisher immer gesunde Mann sinkt auf das Sofa, bekommt kaum noch Luft. Elias eilt zu ihm. «Opa sagte noch: ‹Ich liebe dich.› Dann ist er in meinen Armen gestorben.» Ein traumatisches Erlebnis für Elias und seine Grossmutter. Beide sind noch heute sichtlich bewegt, wenn sie davon erzählen. Die Erinnerungen an den Tod des Ehemanns und Grossvaters, auch diejenigen der vergeblichen Reanimation, gehen ihnen nicht aus dem Kopf. Aber Elias sagt auch: «Ich habe ihn bewundert und geliebt. Schön ist, dass er so ruhig und ohne Leiden sterben konnte. Ich fühle mich auch geehrt, dass ich ihn begleiten durfte.»

Elias pflegt alte Menschen ohne Berührungsängste

Der junge Mann, der sich sehr bedacht und höflich verhält («So haben mich meine Grosseltern erzogen») ist auf gutem Wege. Er macht eine Lehre als Pfleger in einem Altersheim. Probleme im Umgang mit den Schattenseiten des Alters, mit Gebrechlichkeit, mit Demenz oder mit dem Tod, hat er nicht. «Das gehört alles zum Leben dazu. Und ich finde ältere Menschen genau so spannend wie jüngere. Dass sie vielleicht gewisse Einschränkungen haben, stört mich nicht. Ich versuche mit ihnen zusammen, jeweils das Beste aus ihrer jeweiligen Situation zu machen.»

Die Grossmutter ist sichtlich stolz auf ihren Enkel. «Wir können über alles reden», lächelt sie, «sogar über Liebeskummer.» Und sie freut sich darüber, dass Elias seinen Grossvater nicht vergessen hat. «Regelmässig sagt er: ‹Ich gehe zu Opa› und geht dann spontan auf den Friedhof.» Auch schätzt sie es, dass Elias ihre bescheidenen finanziellen Möglichkeiten akzeptiert, zumal sie am rechtlichen Existenzminimum leben, wobei der Lehrlingslohn voll eingerechnet ist. «Oft müssen wir jeden Franken umdrehen», sagt sie. Die LZ-Weihnachtsaktion unterstützt die beiden mit einem Beitrag an eine neue Brille für sie und Berufsschulbücher für ihn.

Sie sind bescheiden, auch Elias. Er hat seine Grossmutter, die ihn liebt, aber sein eigenes Leben leben lässt. Einen guten Freundeskreis, der um seine Situation weiss. Und auch einen kleinen Halbbruder, der in einer Pflegefamilie lebt und mit dem er oft Kontakt hat. «Ich bin dankbar für das Leben, das ich habe. Und wie alles gelaufen ist.»

Die LZ-Weihnachtsaktion ist gestartet:
So können Sie spenden

Am Freitag, 15. November, lag der Flyer mit Einzahlungsschein zur diesjährigen LZ-Weihnachtsaktion unserer Zeitung bei. Zum 24. Mal sammelt sie mit ihren Regionalausgaben für Menschen in der Zentralschweiz, die in Not geraten sind. Spenden können Sie auf das Postkonto 60-33377-5 (IBAN-Nummer: CH89 0900 0000 6003 3377 5) und online via www.luzernerzeitung.ch/weihnachtsaktion. Auch SMS-Spenden sind möglich: Wählen Sie Nummer 488 und schreiben Sie LZWA plus den Frankenbetrag (nur Zahl). Wir danken herzlich!

Die LZ-Weihnachtsaktion ist in unserer Region fest verankert. 2018 wurde mit rund 4,9 Millionen Franken ein Spendenrekord realisiert. Total 16309 Spenderinnen und Spender halfen mit. Seit der Gründung im Jahr 1996 wurden total über 54 Millionen Franken gesammelt.

Wie willkommen diese Hilfe ist, zeigt die Zahl der Hilfsgesuche, die sich letztes Jahr auf 3848 belief, ebenfalls ein neuer Höchstwert. Dieses Jahr haben wir, kaum ist die Sammlung gestartet, bereits rund 1600 Anfragen erhalten. Gesuche können nur von Gemeinden oder sozialen Institutionen, nicht aber von Privatpersonen eingereicht werden. Jedes Gesuch wird vom Beirat sorgfältig geprüft. Dieser besteht aus 13 ehrenamtlich tätigen Sozialfachleuten aus der ganzen Zentralschweiz. Beiratspräsident ist Urs W. Studer, alt Stadtpräsident von Luzern. Wir freuen uns auf eine erfolgreiche Sammlung, die wieder vielen Menschen in unserer Region helfen und neue Hoffnung geben wird.

Geschäftsstelle LZ-Weihnachtsaktion: Elisabeth Portmann, Geschäftsleiterin. Infos: lzweihnachtsaktion@lzmedien.ch, Tel. 041 429 54 04.