1 Million Franken Verlust pro Tag: Swiss muss ihre Pläne für den Winter kürzen

Die Airline wird die kommenden Monate weniger häufig als geplant fliegen. Zu schaffen macht ihr auch das veränderte Kundenverhalten. Derweil kommt es beim Mutterkonzern Lufthansa zu drastischen Kürzungen.

Benjamin Weinmann
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Die Corona-Krise macht sich in den Büchern der Swiss spürbar.

Die Corona-Krise macht sich in den Büchern der Swiss spürbar.

Valentin Flauraud / KEYSTONE

Die Erholung in der Aviatik lässt auf sich warten. Die Aussichten verdüstern sich sogar. Am Montag gab die Lufthansa eine weitere Hiobsbotschaft bekannt: 150 der einstmals 760 Flugzeuge umfassenden Flotte werden dauerhaft nicht mehr benötigt. Über 22'000 Stellen werden wegfallen, mehr als bisher gedacht.

Auch bei der Tochterairline Swiss hält die Misere an. Jeden Tag fliegt sie eine Million Franken Verlust ein. Zwar waren es zum Höhepunkt der weltweiten Corona-Krise gar 3 Millionen Franken täglich. Doch die derzeitige Buchungsentwicklung liegt unter den Erwartungen der Swiss.

Dies gab die Airline am Montag gegenüber ausgewählten Journalisten bekannt. Netzwerk-Chef Michael Trestl und Flugbetriebsleiter Oliver Buchhofer gaben dabei Einblick in die Planung der Lufthansa-Tochter im Zeichen der Pandemie. Der Österreicher und der Schweizer machten denn auch keinen Hehl aus ihrem Frust. Sie sprechen von einem «weltweiten Flickenteppich», wenn es um die internationalen Reiserestriktionen geht, die sich beinahe im Stundentakt ändern.

Nachfrage seit Sommer deutlich gesunken

«Seit dem Ende der Sommerferien Mitte August ist die Nachfrage deutlich zurückgegangen», sagt Trestl, der mit seinem Team entscheidet, welche Destinationen wie häufig angeflogen werden, während Buchhofer für die Umsetzung verantwortlich ist, in Zusammenarbeit mit allen involvierten Parteien, von der Crew, über die Technik bis hin zur medizinischen Abteilung.

Der Buchungsrückgang hat zur Folge, dass die Swiss ihren Winterflugplan, der kommende Woche im Detail bekannt gegeben wird, kürzen muss. Ursprünglich wollte sie mit 40 Prozent des Vor-Krisen-Flugvolumens an den Start gehen. «Wir mussten aber über die Bücher. Nun werden es eher 30 Prozent sein», sagt Trestl. Auf der Langstrecke sind es momentan gar nur 23 Prozent.

Indizien für die kommenden Monate erhalte man von den Online-Buchungsanfragen und von den kommunizierten Reiserestriktionen in den verschiedenen Ländern. Und diese Indikatoren würden laut Trestl leider dafürsprechen, dass sich die kommenden Monate deutlich unter den Erwartungen entwickeln werden.

Das habe im Sommer noch anders ausgesehen. «Im Juli lagen wir gar über unseren Erwartungen und wir waren zuversichtlich.» Doch nun fehlen nicht nur die Ferienreisenden. Unter normalen Umständen würde die Zeit der Geschäftsreisenden beginnen. Aber für die Mehrheit heisst es nach wie vor: Home Office statt Business Class.

Flottenreduktion noch kein Thema

An einen Paradigmenwechsel, der langfristig zu deutlich weniger Geschäftsreisenden führt, will man bei der Swiss aber nicht glauben. Zwar nicht mehr 2023, wie vor kurzem noch prognostiziert, doch 2024 rechnet die Lufthansa-Tochter mit einer Rückkehr zur Normalität, wie man sie vor Corona kannte. Entlassungen wolle man nach wie vor vermeiden und eine Flottenreduktion sei ebenfalls noch kein Thema, sagt Trestl.

Dieser Optimismus überrascht angesichts des rauen Windes, der bei der Mutterairline weht. Dort wird schon länger über Massenentlassungen und Flugzeug-Ausmusterungen gesprochen. Trestl begründet die schweizerisch-deutsche Diskrepanz im Gespräch mit dem Standort Schweiz, dem Wohlstand, der Kaufkraft, aber auch damit, dass hier weniger Strukturanpassungen nötig seien.

Heisst: Die Swiss dürfte nach wie vor davon profitieren, dass sie eine relativ junge Airline ist im Gegensatz zum traditionsreichen Lufthansa-Koloss mit hoher Kostenbasis. Doch auch die Swiss sei momentan noch weit davon entfernt, einen Gewinn zu schreiben. Der Sommer 2021 werde entscheidend sein, um zu sehen, in welche Richtung es gehe.

Zu schaffen macht der Swiss auch das neue Verhalten der Kunden. Einerseits würden sie gerade mal noch frühestens vier Wochen im Voraus buchen. Doch ob sie dann auch tatsächlich fliegen, ist nicht garantiert. In den letzten Monaten habe die so genannte No-Show-Rate teilweise 70 Prozent pro Flug betragen.

Diese Passagiere hatten zwar ein gültiges Ticket, traten die Reise dann aber nicht an. Heute liegt die Quote laut Trestl noch bei knapp 20 Prozent. Hinzu komme, dass die Anzahl Stornierungen momentan sogar leicht höher seien als jene der Neubuchungen. «Im September und Oktober kommen wir nicht vom Fleck.»

USA-Flüge dank Cargo-Aufträgen

Schmerzhaft ist nicht zuletzt das Ausbleiben der lukrativen Nordamerika-Flüge. Zwar werden gewisse Destinationen wieder angeflogen. Doch dies ist nur dank des Frachtgeschäfts möglich. Von und nach Boston sind es sogar reine Cargo-Flüge. Und bei den San-Francisco-Flügen, von denen pro Woche zwei bis drei geplant sind, nehme man eine «Handvoll Passagiere» mit. Die genaue Auslastung auf den Nordamerika-Flügen will Trestl nicht beziffern. «Aber sie ist jenseits von Gut und Böse.» Schliesslich dürfen derzeit praktisch nur Amerikaner in die USA einreisen.

Einziger Lichtblick in diesen düsteren Zeiten ist das einstige Problemthema der Swiss, die Pünktlichkeit. Diesen Monat starteten und landeten 95 Prozent aller Flugzeuge rechtzeitig. Ein Traumwert, von dem Swiss-Chef Thomas Klühr zu Boom-Zeiten nicht einmal zu träumen wagte. «Es hat halt viel weniger Verkehr», sagt Buchhofer. Es ist ein Wermutstropfen. Ein klitzekleiner.

Vom Piloten zum Lokführer

Swiss bestätigt SBB-Gespräche

Wie die «Schweiz am Wochenende» berichtete, führen die SBB und die Swiss Gespräche für mögliche Job-Sharing-Konzepte. Dabei könnten beispielsweise Swiss-Piloten in Teilzeitarbeit auch als Lokführer tätig sein nach einer entsprechenden Ausbildung.

Die Swiss wollte sich dazu bisher nicht äussern. Nun bestätigt Operationschef Oliver Buchhofer aber die Idee: «Es gibt solche Gespräche und eine solche Kooperation kann eine Option sein.» Es gäbe derzeit fast kein Thema, das man sich nicht ansehe. «Wir müssen geistig flexibel bleiben.»