Steuerstreit
42700 deutsche Steuersünder haben sich mittlerweile selber angezeigt

Schweizer Banken drängen deutsche Schwarzgeldkunden zur Offenlegung ihrer Konten. Seit das Steuerabkommen endgültig vom Tisch ist gehen in Deutschland noch mehr Selbstanzeigen ein. Über 42000 Steuersünder haben sich seit 2010 selbst angezeigt.

Roman Seiler
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Deutsche Bankkunden melden ihr Vermögen in der Schweiz (Symbolbild)

Deutsche Bankkunden melden ihr Vermögen in der Schweiz (Symbolbild)

Keystone

Eine happige Summe: Deutsche Steuersünder haben seit 2010 Vermögenswerte in der Höhe von mehr als 42 Milliarden Franken bei ihrem Fiskus gemeldet. Das dürfte Deutschland zusätzliche Steuereinnahmen von mehr als 3 Milliarden Franken in die Kassen gespült haben.

Diese Schätzung beruht auf einer aktuellen Umfrage der «Nordwestschweiz» bei den Finanzministerien aller 16 deutschen Bundesländer. Gemäss deren Angaben gingen seit 2010 mittlerweile 42700 Selbstanzeigen von Steuerhinterziehern ein. Laut Branchenbeobachtern werden im Schnitt Einkommen auf einem Vermögenswert von einer Million Franken nachversteuert. Hat ein Bankkunde diese Summe während zehn Jahren hinterzogen, kostet ihn das gemäss einer Berechnung des Beratungsunternehmens Ernst & Young rund 110000 Franken. Dazu kommt das Honorar für den Steuerberater von rund 30000 Franken.

Sünder bleiben straffrei

Die Selbstanzeigen wurden 2010 zum Thema: Damals sorgte im Februar die Meldung für Schlagzeilen, dass Nordrhein-Westfalen eine CD mit Daten von mehr als 1000 Credit-Suisse-Kunden erworben hatte. Bis Anfang Juli zeigten sich 24100 Steuersünder in Deutschland an. Im Herbst 2011 waren es bereits 32800 Anzeigen. Ein Teil dieser Steuersünder hatte ihr Geld nicht in der Schweiz, sondern in Liechtenstein oder anderen Steueroasen versteckt.

Seit Mitte Dezember wissen Deutsche, dass das Abgeltungssteuerabkommen mit der Schweiz definitiv vom Tisch ist. Sie können also hierzulande deponierte Vermögenswerte nicht anonym mit einer Einmalzahlung legalisieren. Es bleibt nur ein Weg zur Steuerkonformität: die Selbstanzeige. So bleiben Hinterzieher straffrei.

Von der «Nordwestschweiz» befragte Steuerspezialisten in Deutschland und der Schweiz haben jetzt wieder mehr zu tun. Markus Baumgartner von der Anwaltskanzlei Baumgartner Thiede in Zürich, ein deutscher Ex-Steuerfahnder, sagt: «Die Nachfrage nach Beratungsgesprächen hat sehr stark zugenommen. Im Januar war die Zahl der Anfragen von Klienten im Vergleich zum Vorjahresmonat frappant höher.»

Eine Selbstanzeige machen nun aber gemäss Baumgartner nicht nur Kunden, die abgewartet haben, ob das Abkommen ratifiziert wird: «Wir haben auch viele Anfragen von Personen, die sich neu bei uns melden und jetzt reinen Tisch mit dem Fiskus machen wollen.»

Das schlägt sich in den Statistiken der Finanzministerien deutscher Bundesländer nieder: So zeigten sich im Stadtstaat Hamburg seit Dezember 45 neue Steuerhinterzieher an. In Schleswig-Holstein sind es 51, in Baden-Württemberg 243 und Bayern gar 302. Das entspricht Zuwächsen von zwei bis sieben Prozent.

Heftig angezogen hat die Zahl der Selbstanzeiger aber bereits im vergangenen Sommer. Damals sickerte durch, dass Nordrhein-Westfalen (NRW) neue CDs mit Kundendaten von Schweizer Banken aufgekauft hatte. Zeitgleich startete insbesondere NRW-Finanzminister Norbert Walter-Borjans (SPD) die vehement geführte, sozialdemokratische Kampagne gegen das Steuerabkommen.

Steuereinnahmen steigen weiter

All dies zeigte in seinem Bundesland nachhaltig Wirkung: Seit August 2012 meldeten sich allein in Nordrhein-Westfalen rund 900 Steuersünder selbst an. Gemäss aktuellsten Daten sind es jetzt 7411. Diese spülten gemäss Daniel Moritz, Sprecher des NRW-Finanzministeriums zusätzliche Steuereinnahmen von «schätzungsweise 370 Millionen Euro» oder 440 Millionen Franken in die Kassen. Diese Einnahmen werden gemäss Moritz weiter ansteigen: «Nach dem Scheitern des Abkommens bleibt das Risiko bestehen, dass Steuerhinterziehung entdeckt wird.»

Denn noch immer dürften Deutsche unversteuerte Vermögenswerte in der Höhe von mehr als 60 Milliarden Franken in der Schweiz gebunkert haben. Ein Finanzinstitut schätzte, dass 2007 rund 190 Milliarden Franken Schwarzgeld auf Schweizer Konten lag.

Vom Geschäft mit Steuerhinterziehern wollen sich auch hiesige Banken verabschieden. Dies bestätigen auch Steueranwälte. Rainer Spatscheck von der Münchner Kanzlei Streck Mack Schwedhelm sagt: «Die Banken üben subtilen Druck auf die Kunden aus. Sie sagen ihnen, sie müssten die Voraussetzungen schaffen, um sich in den nächsten sechs bis 12 Monaten selbst beim Fiskus anzuzeigen, sonst müsste man sich von ihnen trennen.» Das gehe querbeet die ganze die Branche: «Das machen sowohl grosse wie kleinere Banken in der Schweiz.»