Kolumne

Ideen für die Schweiz: Die etablierten Banken müssen wendiger werden

Neue Bezahlarten und virtuelle Währungen verdrängen allmählich das Bargeld. Die Banken schauen dieser Entwicklung bisher nur zu.

Ronnie Grob *
Drucken
Teilen
Das Bezahlen über Apps wie Twint hat in den letzten Jahren stark zugenommen. (Bild: Christian Beutler/Keystone)

Das Bezahlen über Apps wie Twint hat in den letzten Jahren stark zugenommen. (Bild: Christian Beutler/Keystone)

Können Sie es sich vorstellen, kein Bargeld mehr herumzutragen und auch keine Kreditkarten? Sondern einfach nur, wenn Sie Geld empfangen oder senden wollen, eine App zu öffnen und QR-Codes zu scannen? Wenn Sie Twint-Nutzer sind, können Sie sich das schon sehr gut vorstellen. Ein Blick nach China, wo man mit Bargeld inzwischen ziemlich fehl am Platz ist, zeigt, wohin die Entwicklung geht. Dort hat sich das über Bezahl-Apps gehandelte Transaktionsvolumen in den letzten fünf Jahren um Faktor 28 vervielfacht und ist auf mehr als 40 Billionen Franken pro Jahr angestiegen. Rund 90 Prozent des chinesischen Marktes teilen sich die beiden Apps Alipay and WeChat Pay auf.

Wir Schweizer sind nicht ganz so agil wie die Chinesen – ja, geradezu träge sind wir in der Übernahme von Neuerungen. Bis sich bei uns neue Verhaltensweisen durchsetzen, dauert es Jahrzehnte. Aber vielleicht sind wir ja gar nicht so blöd, ein wenig zuzuwarten. Denn es gibt gute Gründe, weiterhin auf Bargeld statt auf App- und Kartenzahlungen zu setzen: Bargeldtransaktionen nämlich lassen sich nicht überwachen. Wer eine kleine banale Sünde wie das tägliche Schoggigipfeli auf dem Arbeitsweg vor dem Partner, dem Personal Coach und der Krankenkasse geheimhalten will, wird also künftig Bargeld dafür einsetzen. Denn beim digitalen Bezahlen gibt es kaum Privatsphäre. Jede Transaktion wird irgendwo abgespeichert. Manche Informationen bleiben für immer.

Kryptowährungen stellen eine echte Herausforderung dar

Doch wie alles, was unkompliziert und rasch geht, wird sich wohl auch das Bezahlen mit QR-Codes bei uns durchsetzen – und bald auch mit Kryptowährungen wie Bitcoin, deren Idee von komplett neuem Geld weit über die kleine Revolution der neuen Handhabung von Geld hinausgeht. Indem sie Währungen, die von Zentralbanken herausgegeben werden, mit einem eigenen, abgeschlossenen Geldsystem konkurrenzieren, stellen sie eine echte Herausforderung für das bisherige Geldsystem dar.

Anders als bei Zentralbankgeld, dessen Geldmenge in den letzten Jahren unkontrolliert ausgeweitet wurde, weiss ein Besitzer eines Bitcoins, dass dieser immer ein 21-Millionstel der gesamten Bitcoin-Geldmenge wert sein wird – ganz egal, wie viel Wert ihm gerade zugemessen wird. Doch es gibt nicht nur Bitcoin: Coinmarketcap.com listet aktuell über 2300 verschiedene Kryptowährungen auf. Es werden in den nächsten Jahren noch mehr dazukommen. Die meisten von ihnen werden wieder verschwinden, aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass eine Handvoll von ihnen eine grössere Bedeutung erlangen wird.

Eben erst hat Facebook seine Internetwährung Libra vorgestellt, die ab 2020 eingesetzt werden soll: Mit über 2 Milliarden Mitgliedern hat das soziale Netzwerk die Marktmacht, um diese neue Währung bei einer breiteren Nutzerschaft zu etablieren. Auch die Schweiz ist involviert: Die dahinterstehende Libra Association wurde als unabhängige gemeinnützige Organisation in Genf angesiedelt. Auch hinter Ethereum, der aktuellen Nummer 2 unter den Kryptowährungen nach Marktkapitalisierung, steht eine Stiftung in Zug.

Wer ausserdem auf cryptovalley.directory etwas stöbert, findet Hunderte von Projekten und Firmen, die sich in der Schweiz niedergelassen haben, um im Bereich Blockchain oder Kryptogeld etwas zu bewegen. Viele davon sind nur Briefkastenfirmen, und andere werden wieder in Konkurs gehen oder weiterziehen auf ihrer Suche nach guten Rahmenbedingungen. Diejenigen aber, die vor Ort bleiben, Löhne und Steuern zahlen, und deren Geschäftsidee ein echtes Potenzial aufweist, sollte die Schweiz umarmen. Denn was könnte sie sich mehr wünschen, als eine Finanzindustrie, die sich von Grund auf erneuert, um so kräftig zu werden, wie sie einst war?

5 Köpfe, 5 Ideen

In allen überregionalen Ressorts präsentieren heute fünf Autorinnen und Autoren zum Nationalfeiertag ihre Ideen für die Zukunft der Schweiz:

- Patrick Aebischer, Ex-Präsident der ETH Lausanne,

- «Schweizer Monat»-Chefredaktor Ronnie Grob,

- Rahel Marti vom Architekturmagazin Hochparterre,

- Tatjana Hänni vom Schweizerischen Fussballverband

- und Ernährungswissenschafterin Marianne Botta.

Banken sollten Entwicklungen zum eigenen Gewinn ausnutzen

Die Erneuerungsimpulse dafür kommen nicht von etablierten Banken. Sie verfolgen die neuen Entwicklungen mit Argusaugen und abschätzigen Bemerkungen: UBS-Verwaltungsratspräsident Axel Weber etwa sagte, Kryptowährungen seien ein Phänomen der Gier. Er rief die Behörden dazu auf, sie zu kontrollieren und zu regulieren. Schweizer Banken weisen sogar Kryptounternehmer ab, die bei ihnen ein einfaches Bankkonto eröffnen wollen.

Doch gegen neue Entwicklungen gewinnt man eine Schlacht, aber meistens keinen Krieg. Es würde den Banken also gut anstehen, sich mit Haut und Haaren ins Thema zu stürzen und die neuen Entwicklungen zum eigenen Gewinn auszunutzen: Ein erster Schritt wäre etwa, BitcoinNodes (Knotenpunkte des Netzwerks) aufzustellen und selbst zu betreiben.

Das wird aber eher nicht passieren, denn grosse Banken sind wie Öltanker: Sie lassen sich nicht so rasch wenden. Viel eher werden sie in einer nächsten Finanzkrise wieder Geld von der öffentlichen Hand fordern, um nicht unterzugehen und dabei viele Stellen abbauen. Während sich die Alternativen nach und nach auch bei einem breiteren Publikum durchsetzen werden. Den Weg in die Dezentralisierung kennen alle bereits, die den Aufstieg des Internets mitverfolgt haben. Abschalten lässt sich auch das nur teilweise.

* Ronnie Grob ist Chefredaktor der Autoren- und Debattenzeitschrift «Schweizer Monat», die im Juni 2018 ein Dossier zum Thema «Bitcoin & Co.» veröffentlichte.

Zum 1. August: Fünf Ideen für die Zukunft der Schweiz

Fünf Autorinnen und Autoren präsentieren zum Nationalfeiertag ihre Ideen für die Zukunft der Schweiz: Patrick Aebischer, Ex-Präsident der ETH Lausanne, «Schweizer Monat»-Chefredaktor Ronnie Grob, Rahel Marti vom Architekturmagazin Hochparterre, Tatjana Hänni vom Schweizerischen Fussballverband und Ernährungswissenschafterin Marianne Botta.