Verschwörungstheorien um Handystrahlung: 5G-Gegner zünden Antennen an und lösen Schrauben von Masten

Die Zahl der 5G-Sendeanlagen in der Schweiz ist auf fast 2500 gestiegen. Doch wegen der Coronakrise bremsen die Behörden, und Verschwörungstheorien befeuern Anschläge auf Sendemasten.

Stefan Ehrbar
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Mittlerweile stehen in der Schweiz 2’500 5G-Antennen.

Mittlerweile stehen in der Schweiz 2’500 5G-Antennen.

Bild: Peter Klaunzer/Keystone (Bern, 26. März 2019)

Die neuste Mobilfunk-Generation 5G ist mittlerweile fast überall in der Schweiz verfügbar. Ein Blick auf die Abdeckungskarte des Bundesamt für Kommunikation (Bakom) zeigt: In praktisch allen Teilen der Deutschschweiz und entlang der wichtigsten Verkehrsachsen im ganzen Land können Handynutzer über 5G ins Internet. In Bergregionen gibt es noch grössere Löcher. Laut Angaben des Bakom sind mittlerweile 2434 Sendeanlagen mit 5G ausgerüstet.

Das Coronavirus verlangsamt nun den Ausbau. So sagt eine Sprecherin von Salt: «Die Pandemie wirkt sich auf den gesamten Ausbau des Netzwerkes aus, weil die Bearbeitung von neuen Baugesuchen verlangsamt wird.» Auch Sunrise stellt fest, dass es bei «wenigen Behörden» zu Verzögerungen komme. «Das kommt zu den bereits bekannten kantonalen und kommunalen Verzögerungen aufgrund absurder politischer Forderungen, Moratorien und Blockaden hinzu», sagt ein Sprecher.  Bei der Swisscom ruhen im Tessin alle nicht dringend nötigen Arbeiten, auch jene für den 5G-Ausbau.

Anschläge auf Handyantennen in Europa

Immer häufiger müssen Netzbetreiber aber auch mit Anschlägen auf ihre Infrastruktur rechnen. Laut der «Financial Times» wurden seit Ausbruch der Coronakrise in Grossbritannien schon 60 5G-Antennen in Brand gesetzt. Auch in den Niederlanden, Zypern oder Irland soll es zu solchen Anschlägen gekommen sein. In Grossbritannien wurden gemäss dem «Standard» gar Mitarbeiter von Telekomfirmen bedroht. Eine populäre Verschwörungstheorie besagt, dass das Coronavirus eine Erfindung sei, um von negativen Folgen von 5G abzulenken, eine andere, dass 5G ursächlich sei für das Virus. 

Auch in der Schweiz werden solche Theorien verbreitet. So schreibt etwa eine Gruppe, es gebe «interessante Indizien», die einen Zusammenhang belegten. San Marino sei etwa das einzige Land mit vollständiger 5G-Abdeckung und habe gleichzeitig die höchste Todesrate – «was allerdings auch an der Testrate liegen könnte». In Wuhan, dem Epizentrum der Epidemie, gebe es besonders viele 5G-Antennen, genauso wie in Norditalien.

Auch eine bekannte Schweizer Esoterikerin hat auf dem Höhepunkt der Pandemie vor 5G gewarnt. Die Technologie schädige das vegetative Nervensystem. Der Branchenverband der Schweizer Telekomunternehmen Asut sah sich genötigt, eine Mitteilung zu verschicken, in welcher er den «Fake News» entgegentrat. Es ist nicht das erste Mal, dass 5G für Negatives verantwortlich gemacht wird. Eine Berner Gruppe sieht etwa einen Zusammenhang zum Insektensterben, andere sehen 5G als Ursache für Diabetes oder ADHS.

Der Bundesrat verärgert mit seiner 5G-Strategie die Telekom-Branche

Die Schweiz gehörte zu den ersten Ländern der Welt, die mit der Auktion der benötigten Frequenzen anfangs 2019 den Weg freimachten für die Technologie 5G. Diese ermöglicht im Gegensatz zu den Vorgängern höhere Verbindungsgeschwindigkeiten, mehr Kapazitäten im mobilen Internet und eine tiefere Reaktionsgeschwindigkeit («Latenz»). Das ist Voraussetzung etwa für selbstfahrende Autos, aber auch Dienste im Gesundheitswesen oder im «Internet of Things». 380 Millionen Franken bezahlten Swisscom, Sunrise und Salt für die Frequenzbänder. Danach drückten Swisscom und Sunrise aufs Tempo: Im April 2019 schalteten sie die ersten 5G-Standorte für ihre Privatkunden frei und bescherten der Schweiz laut eigenen Angaben die «ersten kommerziellen 5G-Netze Europas».

Danach geriet der Ausbau ins Stocken. Die Kantone Genf und Jura verhängten ein Moratorium für den Bau von 5G-Antennen, Neuenburg fordert mit einer Standesinitiative ein landesweites Verbot. Der Bund bezeichnete die kantonalen Erlasse als rechtswidrig, weil der Strahlenschutz abschliessend von ihm geregelt werde. Als Reaktion auf die Kritik an 5G hat der Bundesrat eine Expertengruppe eingesetzt, die Ende 2019 ihren Abschlussbericht vorlegte. Auf eine einzige Option einigte sie sich nicht, was angesichts der breiten Zusammensetzung der Gruppe nicht überrascht. Am Mittwoch beschloss der Bundesrat, die im internationalen Vergleich strengen Strahlungsgrenzwerte zu belassen und adaptive Antennen wie konventionelle zu behandeln. Mobilfunkbetreiber kritisieren das: So würden die Emissionen überschätzt und der Ausbau weiter gebremst. Zudem hätten nun angekündigte Testreihen, die der Bund durchführen will, schon viel früher stattfinden können. (ehs)

Debatte wird von «Fake News» dominiert

Auch Schweizer Mobilfunkbetreiber registrieren denn immer mehr Anschläge auf ihre Antennen. In welchem Zusammenhang sie mit Verschwörungstheorien stehen, ist unklar. Ein Sunrise-Sprecher sagt aber, die hiesige Debatte etwa zum Thema 5G werde «stark von Fake News dominiert». Sunrise stellte mit sechs Anschlägen auf die eigene Infrastruktur im Jahr 2019 eine Verdoppelung fest, dieses Jahr zähle man schon zwei solche Vandalenakte.

Die Täter riskieren dabei manchmal das Leben von Mitarbeitern: Sunrise hat festgestellt, dass Vandalen neben Brandanschlägen auch Halterungsschrauben an Antennenmasten lösten, womit die Antennen bei Wartungsarbeiten umstürzen können. Daneben wurden schon Antennengehäuse und Versorgungskabel durchgebohrt. 

Salt überwacht Netzwerk stärker

Auch bei Salt sind Vandalenakte ein Thema. Zum Schutz der Sicherheit der Mitarbeiter wolle man aber keine Zahlen oder Details nennen, so eine Sprecherin. Nun sieht sich die Firma gezwungen, die Kontrollen zu verschärfen: «Im aktuellen Kontext haben wir das Monitoring unseres Netzwerks allgemein verstärkt», so die Sprecherin. Bei der Swisscom heisst es, man habe auch schon Vandalenakte registriert, allerdings nicht im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie. 

Der Ausbau von 5G kommt im Vergleich zu früheren Technologien eher schleppend voran. Hinzu kommt, dass die Marktführerin Swisscom an vielen Orten nicht auf echtes 5G setzt. Sie deckt zwar gemäss eigenen Angaben 90 Prozent der Bevölkerung mit 5G ab. Doch nur über 425 Anlagen wird 5G im engeren Sinn bereitgestellt. Die Swisscom nennt dies «5G-fast». An allen anderen Standorten setzt die Swisscom auf einen Standard, den sie «5G-wide» nennt. Diese Anlagen nutzen die Frequenzen der Vorgängertechnologien 3G und 4G und erreichen nicht die gleichen Geschwindigkeiten wie «5G-fast».

Sunrise baut im tieferen Frequenzbereich aus

Zudem werden bei «5G-wide» keine adaptiven Antennen eingesetzt. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Leistung an jenen Orten konzentrieren, an denen sie gebraucht wird. Statt eine Fläche gleichmässig zu bestrahlen, richtet sich die Sendeleistung also spezifisch auf die Geräte vie Handys oder Laptops, die gerade via 5G mit dem mobilen Internet verbunden sind. 

Anders als Swisscom setzt Sunrise bei seinem 5G-Netz nur auf solche adaptiven Antennen. Derzeit versorgt die Nummer 2 im Schweizer Telekommarkt 458 Orte mit 5G. Damit würden derzeit über 80 Prozent der lokalen Bevölkerung erreicht, sagt ein Sprecher. Allerdings sieht sich Sunrise durch den Bundesrat gebremst: Dieser hatte am Mittwoch entschieden, adaptive Antennen in Sachen Strahlenschutz genau gleich wie konventionelle Antennen zu behandeln. Damit würden deren Emissionen aber überschätzt, kritisierten Sunrise und Salt - und der Ausbau von 5G sei bei nicht im vollen Umfang möglich.

Verzögerungen wegen Coronakrise

Ab Mai will Sunrise 90 Prozent der Bevölkerung mit 5G erreichen. Dafür setzt die Anbieterin auf den Ausbau im tieferen Frequenzbereich. Als Faustregel gilt, dass mit tieferen Frequenzen grössere Flächen abgedeckt werden können, mit höheren Frequenzen sind dafür schnellere Verbindungsgeschwindigkeiten möglich. Noch im ersten Halbjahr will nun auch die Nummer 3, die Anbieterin Salt, mit 5G starten. 

Bei der Swisscom heisst es, der Ausbau von 5G sei dringend nötig. «Die aktuelle Situation rund um Corona zeigt besonders auf, wie wichtig der vorausschauende Ausbau der Infrastruktur und von Reserven ist», sagt eine Sprecherin. «Die Datenmenge, die 2010 in zwei Jahren über das Mobilnetz übermittelt wurde, ist heute in einer Woche erreicht.»

Noch spielt 5G aber keine essenzielle Rolle im mobilen Internet. Bei Sunrise wird beispielsweise erst ein tiefer einstelliger prozentualer Anteil des mobilen Internetverkehrs über 5G abgewickelt. Das könnte sich aber schnell ändern: Der Anteil der 5G-fähigen verkauften Handys beträgt beim Händler Mobilezone in diesem Jahr bereits 10 Prozent. Beim Onlineshop Digitec beträgt er zwar erst 4 Prozent. «Er dürfte aber in den nächsten Monaten stark ansteigen», sagt ein Sprecher. «Die Geräte, die jetzt auf den Markt kommen, sind in der Regel nur noch als 5G-Varianten erhältlich.»

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