Industrie

ABB will in Brasilien gross aufholen

Die Umsätze des schweizerisch-schwedischen Technologieunternehmens sollen sich in Brasilien innert vier Jahren verdoppeln. ABB will so Boden im aufstrebenden Land in Südamerika zu einer ernstzunehmenden Grösse werden.

Sven Millischer, São Paolo
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Keystone

ABB war in Brasilien bislang untervertreten. Nur gerade 2,5 Prozent des Konzernumsatzes wurden in der grössten Volkswirtschaft Lateinamerikas erzielt.

Dies ist umso erstaunlicher, als Brasilien in den letzten acht Jahren ein starkes Wachstum ausgewiesen hat. Und bereits 2030 soll die derzeit neuntgrösste Volkswirtschaft zur fünftgrössten aufsteigen.

Gerade im Infrastrukturbereich weist das 190-Millionen-Land nach wie vor grosse Defizite auf. Auch im Hinblick auf die beiden anstehenden Grossereignisse, die Fifa-Fussball-Weltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Sommerspiele 2016 in Rio.

Längste Stromleitung der Welt

So ist beispielsweise das Schienennetz schlecht ausgebaut. Bloss 20 Prozent der Güter werden mit der Bahn transportiert. Auch beim Stromverbrauch liegen die Brasilianer noch unter dem weltweiten Schnitt. Allerdings steigt der Elektrizitätsbedarf jährlich um gut 3 Prozent an – dreimal mehr als in den Industriestaaten.

Die öffentliche Hand sowie Private investieren deshalb kräftig in den Ausbau der Infrastruktur. Allein in den nächsten vier Jahren fliessen umgerechnet 80 Mrd. Franken in den Ausbau der Stromversorgung. Hiervon will sich auch die ABB ein Stück abschneiden.

Zum Beispiel im Bereich der Hochspannungs-Gleichstromübertragung, welche die Leitungsverluste mindert. Das Referenzprojekt des Industriekonzerns ist bereits im Bau: In gut zwei Jahren geht in Brasilien die längste Stromleitung der Welt ans Netz.

Goldene Zeiten?

Die 2500 Kilometer verbinden zwei Wasserkraftwerke im Nordwesten des Landes mit São Paolo. Um den steigenden Strombedarf zu decken, sind zudem weit über dreissig Hydro-Kraftwerke in Planung, insbesondere im Amazonas-Becken. «Solche Vorhaben hat es seit den Goldenen Zeiten von Itaipu nicht mehr gegeben», sagt ABB-Lateinamerika-Chef Sergio Gomes.

Das in den 70er-Jahren gebaute Wasserkraftwerk hält weiter den Weltrekord bei der Jahresenergieproduktion. Wasser ist aber nur eine der erneuerbaren Energien, auf welche Brasilien setzt. So hofft ABB auch bei Windanlagen auf Aufträge. Denn an den rauen Küsten im Norden sollen jährlich Windparks mit einer Leistung von zwei AKWs ans Netz gehen.

Im Industriebereich verspricht sich Gomes vor allem von den Öl- und Gas-Multis einen Wachstumsschub. Deren Offshore-Plattformen sollen künftig mit energieeffizienten Antrieben bestückt werden. Hier rechnet ABB mit Aufträgen von über 100 Mio. Dollar, auch wenn der heimische Motorenbauer WEG den Markt bislang dominiert.

Brasilien sitzt auf Milliarden Öl

Denn mit neuen Ölfunden vor der Küste Brasiliens sitzen Petrobras und Konsorten auf bis zu 100 Milliarden Barrels. Deren Tiefsee-Bohrungen verschlingen Unmengen an Geld: Erst kürzlich hat der halbstaatliche Konzern deshalb eine Kapitalerhöhung von 70 Mrd. Dollar durchgepeitscht.

Da muten jene 200 Mio. Dollar, die ABB in den nächsten fünf Jahren in Brasilien investieren will, geradezu bescheiden an. Dennoch rechnet der Industriekonzern damit, bis 2015 den Umsatz auf 2,4 Mrd. Dollar zu verdoppeln. Gleichzeitig soll die Belegschaft von heute 3500 auf mehr als 7000 Angestellte erhöht werden.