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ABGAS: Eine Branche steht am Pranger

Der Skandal um manipulierte Abgaswerte hat längst den Dunstkreis von VW verlassen und weitet sich auf die gesamte Autoindustrie aus. So kontern Hersteller die Vorwürfe.
Maurizio Minetti
Amag-Mechaniker Peter Enz führt in der Garage in Cham ein Software-Update an einem Audi A4 durch. (Bild Stefan Kaiser)

Amag-Mechaniker Peter Enz führt in der Garage in Cham ein Software-Update an einem Audi A4 durch. (Bild Stefan Kaiser)

Maurizio Minetti

Am Anfang war Volkswagen. Der erfolgsverwöhnte deutsche Autokonzern wurde im September 2015 des Betrugs überführt. Über Jahre hinweg hat VW mit einer Software Dieselmotoren so manipuliert, dass die Autos auf dem Prüfstand viel weniger Schadstoffe ausstiessen als unter realen Bedingungen auf der Strasse. Schnell war vom drohenden Untergang der gesamten deutschen Autoindustrie die Rede, obschon es keinerlei Hinweise gab, dass auch andere Hersteller ihre Motoren manipuliert haben könnten. Mittlerweile ist das anders. Fast alle renommierten Autohersteller stehen unter Verdacht. In Frankreich wurden von hundert getesteten Fahrzeugen 52 als nicht konform eingestuft. Und das deutsche Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) hat bei Abgasmessungen an 30 Fahrzeugen verschiedener Hersteller ebenfalls auffallend hohe Schadstoffemissionen festgestellt. Bis auf BMW sind alle deutschen Hersteller unter den Stickoxid-Sündern. Grund genug, die Vorwürfe einzeln zu beleuchten. Eine Auslegeordnung:

VW-Gruppe (VW, Audi, Seat, Skoda, Porsche)

Der Vorwurf: Manipulation der Abgaswerte anhand der Motorensoftware.

Das sagt der Hersteller: VW hat sich schon letztes Jahr dafür entschuldigt. Ende Januar hat in der Schweiz der Rückruf von Fahrzeugen aus der VW-Gruppe begonnen. Aktuell werden hierzulande Audis nachgebessert. Die Softwarelösung für den VW Passat muss noch einmal überarbeitet werden, um alle Zielvorgaben zu erreichen. Dies werde einige Wochen in Anspruch nehmen, sagt Dino Graf, Sprecher des VW-Importeuers Amag. Als Nächstes werden Golf-Modelle zurückgerufen. Bis Ende Jahr sollen 175 000 Schweizer Fahrzeuge der VW-Gruppe umgerüstet sein.

Abgesehen vom Rückruf läuft zudem eine sogenannte freiwillige Servicemassnahme, die europaweit 280 000 Fahrzeuge der VW-Gruppe betrifft, davon 190 000 Nutzfahrzeuge (Amarok und Crafter), 60 000 Audis (Q5, A6, A8) und 30 000 Porsches (Macan). Die Marke Volkswagen ist davon nicht betroffen. Mit einem Software-Update sollen die betroffenen Fahrzeuge im Fahrbetrieb auf der Strasse weniger Stickoxid ausstossen. Sobald die entsprechenden Updates vorliegen, werden die Servicepartner mit der Aktion beginnen, so Amag.

OPEL

Der Vorwurf: Die Deutsche Umwelthilfe (DUH), das ARD-Magazin «Monitor» und der «Spiegel» haben Mitte Mai berichtet, dass Opel sogenannte Abschaltvorrichtungen nutzt. Gemeint ist damit, dass die Abgasreinigung nicht in jeder Fahrsituation wirksam ist. Viele Hersteller stellen die Abgasreinigung ihrer Fahrzeuge so ein, dass sie erst ab einer bestimmten Aussentemperatur arbeitet, häufig erst oberhalb von 10 Grad. Die Autoindustrie vertritt die Auffassung, die Abschaltung bei tieferen Temperaturen diene dem Schutz der Motoren. Der «Spiegel» berichtete, bei Messungen habe ein Opel-Zafira-Modell statt der angegebenen 109 Gramm CO2 pro gefahrenen Kilometer 127 Gramm CO2 pro Kilometer ausgestossen. Das entspreche auch beim Spritverbrauch einer Überschreitung von 16,5 Prozent.

Das sagt der Hersteller: Der deutsche Autohersteller Opel bestreitet, dass er illegale Software zur Reduzierung der Abgasreinigung einsetzt. «Unsere Motoren entsprechen den gesetzlichen Vorschriften. Wir gehen davon aus, dass auch die Behörden das so sehen», teilt er mit. Die Anschuldigungen seien «irreführende, übermässige Vereinfachungen und Fehlinterpretationen der komplexen Zusammenhänge eines modernen Diesel-Abgasreinigungssystems». Opel glaubt nicht, «dass diese neuen Ergebnisse objektiv und wissenschaftlich fundiert sind».

Wie Opel bereits früher angekündigt hat, soll in einer «freiwilligen europaweiten Serviceaktion» ab Juni die Wirksamkeit der Abgasnachbehandlung verbessert werden. «Es gilt zu berücksichtigen, dass sowohl der Gesamtmarkt als auch der Anteil von Dieselfahrzeugen in der Schweiz weitaus kleiner ist als in Deutschland», sagt ein Opel-Sprecher dazu. Betroffen wäre also nur eine sehr kleine Anzahl von Opel-Fahrzeugen auf dem Schweizer Markt.

MERCEDES-BENZ

Der Vorwurf: Das deutsche KBA hat bei Modellen von Mercedes-Benz Abweichungen von den definierten Grenzwerten festgestellt.

Das sagt der Hersteller: Der Stuttgarter Autohersteller verweist darauf, dass es aufgrund der Messergebnisse keine Hinweise auf den Einsatz unzulässiger Software gibt. Trotzdem bietet Mercedes den Kunden der Kompaktfahrzeuge (A-, B-Klasse, CLA, GLA) und der V-Klasse in Europa eine «freiwillige Verbesserung des Emissionsverhaltens» an. Man werde den Kunden ein Software-Update anbieten. Damit werde man im Laufe des Jahres eine deutliche Verbesserung der Emissionen erreichen. Es werde eine kleine Anzahl Fahrzeuge betroffen sein, da wenige der kleinen Dieselaggregate in der Schweiz zugelassen werden.

RENAULT

Der Vorwurf: Die französische Regierung hat eine unabhängige Kommission eingesetzt, die die Identifizierung von Fahrzeugen mit einer Manipulationssoftware oder Systemen zur Umgehung der Emissionskontrolle zum Ziel hat. Zu diesem Zweck wurden hundert Autos getestet, darunter 25 der Renault-Gruppe.

Das sagt der Hersteller: Die Technikkommission hat inzwischen erklärt, dass die Renault-Fahrzeuge nicht mit einer Manipulationssoftware ausgestattet sind. Diese Position wurde seitdem in den französischen Medien durch diverse Minister öffentlich bestätigt. Renault will nun aber trotzdem sein System zur Abgasreinigung verbessern, um die Stickoxid-Emissionen im realen Kundenalltag zu reduzieren. Ab Oktober 2016 können Kunden, die ein Dieselfahrzeug der Norm Euro 6b besitzen, eine entsprechende Anpassung ihres Fahrzeugs durch ihren Vertragshändler vornehmen lassen. Sie werden hierfür in den nächsten Wochen angeschrieben und informiert.

FIAT

Der Vorwurf: Es besteht der Verdacht, dass die Abgasreinigung bei einigen Fiat-Modellen nach einer bestimmten Zeit heruntergeregelt wird. Offenbar geschieht dies nach einem Zeitraum von 22 Minuten – Abgastests dauern im Schnitt 20 Minuten.

Das sagt der Hersteller: Fiat hat sich bisher nicht zu den Vorwürfen geäussert.

MITSUBISHI

Der Vorwurf: Im April hatte Mitsubishi eingeräumt, über 25 Jahre nicht zugelassene Tests verwendet zu haben. Demnach wurden die Daten Hunderttausender Autos in Japan geschönt.

Das sagt der Hersteller: Alle in der Schweiz und in Liechtenstein bisher verkauften und aktuell angebotenen Mitsubishi-Autos entsprechen laut dem Hersteller den gesetzlichen Vorgaben. In Japan gehen derweil die Aufklärungsarbeiten einer unabhängigen Expertenkommission weiter. Mitsubishi will nach Vorlage neuer Erkenntnisse wieder informieren.

SUZUKI

Der Vorwurf: Bei Suzuki geht es um das Messverfahren bei 16 Automodellen für den japanischen Markt. Diese sollen nicht den japanischen Vorschriften entsprechen.

Das sagt der Hersteller: Nachmessungen anhand des korrekten Messverfahrens haben gemäss Suzuki mittlerweile ergeben, dass die Werte nicht abweichend sind.

NISSAN

Der Vorwurf: Das südkoreanische Umweltministerium hat beim Nissan Qasqhai unberechtigte Manipulationen am Motorsystem zur illegalen Kontrolle der Abgasemissionen festgestellt.

Das sagt der Hersteller: Unterstellungen, dass Nissan Vorschriften nicht eingehalten und Abgasemissionen unrechtmässig kontrolliert habe, seien falsch, teilt Nissan mit. Behörden in Europa seien zu dem Ergebnis gekommen, dass die von ihnen getesteten Nissan-Fahrzeuge – inklusive des Qashqai – die Standards vollständig erfüllt haben. In der Schweiz seien keine Nissan-Fahrzeuge von diesen Vorfällen betroffen, teilt der Hersteller mit.

FORD

Der Vorwurf: Das KBA hat das Modell C-Max von Ford gemessen und dabei eine grosse Abweichung zwischen Labor- und Strassenwert festgestellt.

Das sagt der Hersteller: Die Vorwürfe haben sich laut Ford als haltlos erwiesen. Bei den Tests sei falsch gemessen worden. Ein Rückruf sei deshalb nicht geplant, heisst es seitens des Autoherstellers Ford Schweiz.

Im Alltag verbrauchen Autos mehr als auf dem Prüfstand

Es sei «die grösste Vertrauenskrise des Diesels, seit es Dieselautos gibt», sagt Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen. Der Diesel sei in Europa nach dem VW-Skandal gesellschaftlich mehr als angekratzt und in Ländern wie den USA, China oder Indien gar «nicht mehr akzeptierbar». Dudenhöffer glaubt, dass die ganze Autoindustrie ein grosses Glaubwürdigkeitsproblem hat. Dabei ist es seit Jahren ein offenes Geheimnis, dass der auf dem Prüfstand gemessene Schadstoffausstoss mit den realen Fahrwerten bei vielen Anbietern nicht übereinstimmt. Dies hat aber weniger mit Betrug, sondern mit dem Testverfahren zu tun. Im Zuge des VW-Skandals sind die Bemühungen verstärkt worden, das Testverfahren dem realen Fahrverhalten anzupassen. Das aktuelle Prozedere legt keine Differenzen zwischen Prüfstand und Strasse fest. Dies ändert sich 2017, wenn ein Faktor für die maximal erlaubte Differenz festgelegt wird.

Reale Emissionen messen

Potis Dimopoulos Eggenschwiler von der Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) in Dübendorf kennt sich aus mit Verbrennungsmotoren. Er sagt: «Das Gesetz schreibt einen sogenannten Fahrzyklus vor, der exakt bestimmt ist und gefahren werden muss. Das Abgas wird während dieses Zyklus gesammelt und analysiert. Hier dürfen die Schadstoffemissionen nicht höher als die festgelegten Grenzwerte sein. Mit diesem Verfahren haben die Autohersteller eine Basis, um die sehr kostspieligen Entwicklungsarbeiten durchzuführen.»

Die so ermittelten Emissions- und Verbrauchswerte seien zwar vergleichbar, sagt der Experte, sie entsprächen aber nur bedingt den im Alltag gemachten Erfahrungen. «So hat man oft im Alltag als Normalfahrer höheren Verbrauch als in den Herstellerangaben und auch höhere Emissionen.» Dies sei der Fall, weil man im Alltag anders fahre als auf dem Prüfstand. Dimopoulos Eggenschwiler glaubt, dass in ein bis zwei Jahren nicht nur die Prüfstandsemissionen, sondern auch reale Strassenemissionen gemessen werden. Aktuell werden dafür portable Abgasanalysatoren getestet. Man spricht dabei auch von Real Driving Emissions.

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