ABGAS-SKANDAL: Jetzt beginnt der grosse Rückruf

Der Volkswagen-Konzern hat den Rückruf der manipulierten Fahrzeuge gestartet. Wir beantworten die wichtigsten Fragen rund um die Aktion.

Maurizio Minetti
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Die grösste Rückrufaktion des VW-Konzerns beginnt in den nächsten Wochen und wird gestaffelt bis Ende Jahr durchgeführt. (Archivbild Nadia Schärli)

Die grösste Rückrufaktion des VW-Konzerns beginnt in den nächsten Wochen und wird gestaffelt bis Ende Jahr durchgeführt. (Archivbild Nadia Schärli)

Vor vier Monaten musste Volkswagen zugeben, bei Autos mit Dieselmotoren eine Schummelsoftware eingebaut zu haben. Diese bewirkt, dass Autos auf dem Prüfstand einen weit geringeren Schadstoffausstoss anzeigen als im realen Betrieb auf der Strasse. In anderen Worten: Weltweit verschmutzen 11 Millionen Autos die Umwelt viel stärker, als die Besitzer jahrelang angenommen hatten. VW sieht sich deswegen mit Milliardenkosten und zahlreichen Klagen konfrontiert.

Für die betroffenen Kunden geht es derweil einen entscheidenden Schritt weiter. Sie werden in diesen Tagen über den anrollenden Rückruf der betroffenen Fahrzeuge informiert. Der Rückruf ist für die Fahrer eines betroffenen VWs kostenlos.

Wie viele Fahrzeuge sind schweizweit und in der Zentralschweiz betroffen?

In der ganzen Schweiz sind nach Angaben des Bundesamts für Strassen (Astra) rund 180 000 Autos von Marken der Volkswagengruppe mit der manipulierten Software bestückt. Rund 130 000 davon wurden durch die Amag importiert. Wie viele «schmutzige» Autos in der Zentralschweiz zirkulieren, ist unklar. Die Strassenverkehrsämter der Zentralschweiz verfügen nicht über die entsprechenden Daten, und das Astra gibt nur gesamtschweizerische Zahlen heraus. Da die Fahrzeuge gehandelt und auf neue Halter eingelöst werden können, dürfte sich die Zahl je Kanton täglich ändern. Fahrzeuge, die importiert worden sind und noch nicht zugelassen werden konnten, lassen sich keinem Kanton zuordnen.

Welche Marken und Modelle sind betroffen?

Von der sogenannten NOx-Thematik (zu hoher Stickoxidausstoss) sind ausschliesslich Dieselmotoren vom Typ EA 189 betroffen. Es sind dies alle Fahrzeuge der VW-Gruppe (VW, Audi, Skoda, Seat und VW-Nutzfahrzeuge) der Baujahre 2009 bis 2014 mit 4-Zylinder-Dieselmotoren (1,2, 1,6 und 2,0 Liter Hubraum), welche die Euro-5-Abgasnorm erfüllen. Benzinmotoren sind vom laufenden Rückruf nicht betroffen. Industriemotoren ebenfalls nicht.

Wie weiss ich, dass mein Auto betroffen ist?

Kunden mit einem manipulierten Auto sollten bereits Ende 2015 ein Schreiben erhalten haben. Wer sichergehen will, kann auf den Schweizer Internetauftritten der entsprechenden Marken (volkswagen.ch, audi.ch, skoda.ch, seat.ch) überprüfen, ob das Fahrzeugmodell von den Massnahmen betroffen ist. Ist dies der Fall, sollten die Kunden den Generalimporteur Amag kontaktieren.

Muss ich jetzt sofort in die Garage?

Nein. Sobald die benötigte Software für das jeweilige Fahrzeug zur Verfügung steht, werden die Fahrzeughalter von der Amag benachrichtigt und aufgefordert, einen Termin zur Umrüstung zu vereinbaren. Die Rückrufaktion läuft gestaffelt bis Ende Jahr. Sie hat jetzt mit dem 2.0-TDI-Motor im VW-Pick-up Amarok begonnen. Volumenmodelle wie Passat und Golf werden ab April zurückgerufen. Im Juni kommen die 1,2-Liter-Motoren dran und ab September die 1,6-Liter-Motoren.

Warum dauert es so lange, um die Autos nachzubessern?

Unter anderem, weil VW darauf achten muss, dass die Fahrzeuge nach der Umrüstung keine anderen Schadstoffe ausstossen. Ausserdem muss VW etliche Millionen Bauteile produzieren.

Bin ich verpflichtet, das Auto in die Werkstatt zu bringen?

Ja. Die Rückrufaktion wird vom Astra eng überwacht, und eine Nachbesserung des Fahrzeuges ist gesetzlich zwingend erforderlich.

Was passiert, wenn ich das Auto nicht in die Werkstatt bringe?

Bei einer Nichtteilnahme an der Rückrufaktion kann das Astra die Betriebserlaubnis entziehen. In anderen Worten: Weigert sich ein Kunde über längere Zeit, sein Auto umrüsten zu lassen, kann ihm das Kontrollschild entzogen werden.

Was genau wird in den Werkstätten gemacht?

Die 1,2- und 2,0-Liter-Motoren erhalten ein Software-Update. Die reine Arbeitszeit für diese Massnahme wird gemäss Amag knapp eine halbe Stunde am Fahrzeug betragen. Beim 1,6-Liter-Motor wird neben einem Software-Update direkt vor dem Luftmassenmesser ein sogenannter Strömungsgleichrichter installiert. Die reine Umsetzung der technischen Massnahmen wird laut Amag weniger als eine Stunde am Fahrzeug in Anspruch nehmen.

Verliert das Auto nach der Umrüstung an Leistung?

Amag verspricht, dass die Autos «ohne Beeinträchtigung der Motorleistung, des Verbrauchs und der Fahrleistungen» umgerüstet werden. Zumindest für den VW Amarok, das erste Fahrzeug im Rückruf, wurden diese Sachverhalte vom deutschen Kraftfahrt-Bundesamt bestätigt.

Ändert sich die Energieeffizienz- Kategorie nach der Umrüstung?

Nein – siehe vorhergehende Antwort –, die Energieeffizienz-Kategorie ist abhängig von CO2- und Verbrauchswerten. In Bezug auf die technischen Massnahmen im Rahmen der Umrüstung ist es gemäss Amag das Ziel, dass sich die CO2- und Verbrauchswerte der Fahrzeuge nicht ändern und sich somit auch keine Auswirkungen diesbezüglich ergeben werden.

Muss ich jetzt mehr Steuern bezahlen?

Es gibt einige Kantone, die ihre Fahrzeugsteuer anhand der Energieeffizienz-Kategorie der CO2-Ausstösse berechnen. Sie geben Rabatte auf Fahrzeuge, die eine gewisse Grenze beim CO2-Ausstoss unterschreiten. In der Zentralschweiz sind das Obwalden und Nidwalden. Fällt das Fahrzeug nun aufgrund einer Neubeurteilung in eine tiefere Energieeffizienz-Kategorie, so müssten die Autohalter künftig also mehr Steuern bezahlen.

Dass betroffene Kunden nun mehr Fahrzeugsteuern oder gar erhaltene Steuerrabatte rückwirkend nachzahlen müssen, ist aber sehr unwahrscheinlich. Der VW-Konzern hatte bereits Anfang November zugesichert, für die höheren Steuern aufzukommen, sowohl rückwirkend für die zu Unrecht erhaltenen Steuerrabatte der vergangenen Jahre als auch in die Zukunft gerichtet.

Bekomme ich als Kunde eine Prämie, wenn ich mein betroffenes Fahrzeug gegen ein neues Auto eintausche?

Ja. VW-Kunden erhalten bis zum 31. März 2016 eine «Loyalitätsprämie» von 1000 bis 3000 Franken beim Eintausch ihres Volkswagens. Diese ist gemäss Amag mit allen übrigen Aktionen und Sonderangeboten kombinierbar.

Wird mein Fahrzeug auf dem Occasionsmarkt an Wert verlieren?

Dazu gibt es widersprüchliche Aussagen. Comparis und Eurotax haben festgestellt, dass die Preise für betroffene Fahrzeuge im Occasionsmarkt gesunken sind. Autoscout24 hingegen glaubt nicht, dass die Autos an Wert verlieren. Sicher ist nur: Um den Wert zu erhalten, ist es aus Sicht der Kunden im Moment wichtig, dass die Fahrzeuge wieder die gesetzlichen Anforderungen und Umweltnormen erfüllen.

Wie viele Klagen gegen VW gibt es aus der Schweiz?

Die in der Schweiz eingegangenen Strafanzeigen werden durch die Bundesanwaltschaft gebündelt und an die Staatsanwaltschaft Braunschweig weitergeleitet. Es dürfte sich um rund 1500 bis 2000 Strafanzeigen handeln, heisst es aus Bern. Grossmehrheitlich sind die Strafanzeigen in Westschweizer Kantonen eingereicht worden – insbesondere im Kanton Genf. Die Bundesanwaltschaft hat aber aus der ganzen Schweiz Strafanzeigen erhalten. Wie viele davon aus der Zentralschweiz kommen, kann die Bundesanwaltschaft nicht sagen. Die Chancen, dass die Schweizer VW-Besitzer in Deutschland Entschädigung erhalten, ist aber laut Bundesanwaltschaft aufgrund bisheriger Erfahrungen eher gering.

VW übernimmt die Kosten der Umrüstung. Wie teuer wird der Rückruf in der Schweiz?

Das bleibt unklar. Die Amag schreibt dazu lediglich: «Unsere erste Priorität gilt derzeit den Kunden.»
 

Maurizio Minetti

 

In Zahlen

  • 180'000 Autos sind in der Schweiz mit einer manipulierten Software von VW bestückt worden.
  • 60 Minuten sollte nach Angaben des VW-Importeurs Amag die Umrüstung pro Auto dauern - maximal.
  • 3'000 Franken Rabatt erhalten Kunden, wenn sie ihr betroffenes Auto gegen ein neues eintauschen.