Interview

Abtretender Suva-Finanzchef bilanziert: «Negativzinsen sind wenig effektiv»

Ernst Mäder hat als Suva-Finanzchef die Kapitalreserven der Unfallversicherung mehr als verdoppelt. Nun geht er in Rente. Im Interview äussert er sich zu Anlagestrategien und findet deutliche Worte zu Negativzinsen und Gesundheitskosten.

Rainer Rickenbach
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Ernst Mäder vor dem Haupteingang des Suva-Hauptsitzes in Luzern. (Bild: Dominik Wunderli, 26. Juni 2019)

Ernst Mäder vor dem Haupteingang des Suva-Hauptsitzes in Luzern. (Bild: Dominik Wunderli, 26. Juni 2019)

Sie sind ein begeisterter Tennisspieler. Gibt es eine Gemeinsamkeit zwischen der Ballsportart und der Anlagestrategie eines Milliarden-Kapitals?

Ernst Mäder: Ja, die gibt es tatsächlich. Anders als etwa beim Fussball können sich die Spieler beim Tennis nicht über die Zeit retten. Sie müssen schnell eine Lösung finden, wie man den Ballwechsel gewinnt. Und es hilft wenig, eine Woche vor dem Spiel wie ein Irrer zu üben und den Rest der Saison das Training zu vernachlässigen. Es ist der lange Atem, auf den es ankommt, auf einen langfristig gescheiten Aufbau der Stärken und die Ausmerzung der Schwächen – genau das ist auch für eine gute Anlagestrategie entscheidend.

Als Sie 2001 bei der Suva als Finanzchef anfingen, verfügte die Unfallversicherung über ein Anlagevermögen in Marktwerten von etwa 23 Milliarden Franken. Heute sind es rund 50 Milliarden Franken, obwohl in diesem Zeitraum die Prämien stark sanken. Wie haben Sie dieses Kunststück geschafft?

Die Prämien liessen sich senken, weil die Risikoentwicklung bei den Renten ab 2003 positiv war. Das Deckungskapital ist aus zwei Gründen gestiegen. Zum einen hat die Suva von 1984 bis 2018 Rückstellungen für Kurz- und Langfristleistungen von durchschnittlich 800 Millionen Franken pro Jahr getätigt. Zum andern verfolgten wir systematisch eine antizyklische Anlagestrategie. Mit ihr gelang es uns, seit 2001 eine positive Performance von durchschnittlich rund 4 Prozent im Jahr zu erzielen, was deutlich über dem Finanzbedarf lag. Ende 2017 resultierte deshalb ein Deckungsgrad der Kapitalanlagen von über 143 Prozent. Das kommt unseren Versicherten heute in Form von Prämienreduktionen mit rund 1 Milliarden Franken zugute.

Antizyklisch bedeutet, dann zu kaufen, wenn viele andere bei einem Börsenabsturz verkaufen. Nicht jeder Anleger hat die Nerven dafür.

Die Frage stellt sich dann immer, wann man wieder einsteigt. Anleger müssen aber akzeptieren, dass sie den optimalen Investitions-Zeitpunkt nie erwischen können. Es geht hier um Grundsätzliches. Nämlich darum, investiert zu bleiben und in der Baisse den Mut aufzubringen, Qualität zuzukaufen. Darauf müssen die Anlagestrategen aber vorbereitet sein: Sie sollten bereits vor dem Crash Szenarien definiert haben, wie viel und wo sie zukaufen, wenn die Märkte scharf nach unten korrigieren.

Dann hatten Sie also keine schlaflosen Nächte, als sich vor zwölf Jahren während der Finanzkrise Milliardenbeträge in Luft auflösten?

Nein, ich hatte keine schlaflosen Nächte. Wir hatten mit Verwerfungen an den Finanzmärkten gerechnet und deshalb in den Vorjahren systematisch Wertschwankungsreserven aufgebaut. Die Heftigkeit des Einbruchs hat mich dann aber doch überrascht. Wir wurden darum in der Korrektur etwas vorsichtiger, haben aber sofort auch die Gelegenheit genutzt, antizyklisch zu Tiefstpreisen in Qualität zu investieren.

Welche Anlagetipps haben Sie für Kleinanleger?

Sie sollten nie auf jemanden hören, der ihnen speziell profitable Anlagetipps verkaufen will. «There is no free lunch» auf den Anlagemärkten. In einer Zeit, in der man in der Schweiz dafür zahlen muss, um eine 10-jährige Obligation zu zeichnen, kommt es schon einem Erfolg gleich, auf dem Bankkonto keinen Negativzins zahlen zu müssen. Deshalb weichen heute auch viele Leute auf solide Realwertanlagen aus. Beispielsweise auf nicht zu hoch bewertete und als krisensicher erachtete Aktien mit angemessenen Dividenden. Das ist aber immer eine sehr subjektive Angelegenheit und das damit verbundene erhebliche Wertänderungsrisiko müssen Anleger ertragen können. Selbst wer gleichzeitig in viele unterschiedliche Aktien investiert, also diversifiziert, ist vor Risiken nicht gefeit.

Viele suchen im Anlagenotstand ihr Heil in Immobilien.

Das ist eine andere Form der Flucht in Realwertanlagen. In der Schweiz baut sich darum auf dem Immobilienmarkt eine immer stärkere Blase auf. Denn heute wird oft nicht gebaut, weil die Nachfrage und Renditeaussichten so hoch, sondern weil die Zinsen so tief sind. Die Folge ist ein deutlich wachsender Leerwohnungsbestand.

Auf die Finanzkrise folgten die Negativzinsen. Werden die Zentralbanken wieder aus dieser Negativspirale herausfinden?

Das ist vermutlich die 100-Milliarden-Dollar Frage der nächsten zwanzig Jahre. Zurzeit sieht es nicht danach aus. Die Börse ist politischer denn je geworden. Der Druck der Politik auf die Zentralbanken, Wachstum um jeden Preis zu garantieren, ist global verbreitet. Die Regierungen sind heute anscheinend nicht bereit, die Anpassungsschmerzen zu ertragen, die der Ausstieg aus der seit Jahren weltweit ultraexpansiven Geldpolitik mit sich bringt. Im Moment deutet nach den neusten Signalen aus den USA vieles darauf hin, dass wir noch lange in der Negativspirale gefangen bleiben.

Kritiker sagen, der Schweizerischen Nationalbank böten sich durchaus Möglichkeiten für einen Zinsschritt nach oben. Einverstanden?

Damit bin ich sehr einverstanden. Das Timing müsste aber gut gewählt sein. Natürlich ist es wichtig, dass die Nationalbank dafür sorgt, den Franken nicht zu stark werden zu lassen. Negativzinsen sind dafür meines Erachtens aber ein wenig effektives Mittel, das zudem erhebliche negative Nebenwirkungen mit sich bringt. Theoretisch schwächt eine negative Zinsdifferenz von etwa einem Prozent zu den Euro-Geldmarktsätzen die Schweizer Währung nur um einen Rappen zum Euro.

Die Negativzinsen entfalten also verhältnismässig wenig Nutzen?

Ja, und sie richten einen erheblicher Kollateralschaden bei privaten und institutionellen Anlegern an. Insbesondere bei Sozialversicherungen und Pensionskassen, die einen hohen Anteil an Nominalwertlagen in ihren Portfolios halten müssen. Sie leiden unter dieser Situation und dürften ihre Zielrenditen in Zukunft immer stärker verfehlen. Deshalb finde ich gut getimte Zinsschritte der Nationalbank nach oben nicht nur opportun, sondern sogar notwendig.

Die Suva steht heute finanziell äusserst solide da. Sie konnte es sich leisten, sieben Mal in Folge die Versicherungsprämien der Arbeitnehmer und -geber zu senken. Die Renten hingegen stiegen nie über die Teuerung hinaus. Warum nicht?

Die Höhe der Rentenansprüche ist im Unfallversicherungsgesetz klar festgelegt. Es verlangt auch, dass die Renten an die Teuerung angepasst werden. Bei den Leistungen haben wir also – anders als die Pensionskassen – keinen Spielraum. Sie sind klar definiert und wir müssen dafür sorgen, sie nachhaltig zu finanzieren.

Ob die Suva auch künftig über eine gesunde finanzielle Basis verfügt, hängt stark von den Gesundheitskosten ab. Welche Entwicklung erwarten Sie da?

Die Suva tut sehr viel dafür, um den Anstieg der medizinischen Kosten in Grenzen zu halten. Sie hat dabei auch einige Erfolge vorzuweisen. Doch die Suva kann den allgemeinen Trend nicht umkehren. Er wird wohl auch weiterhin nach oben zeigen. Dafür sind verschiedene Ursachen verantwortlich: der technische Fortschritt, die Anspruchshaltung der Menschen, wenn es um ihre Gesundheit geht, und nicht zuletzt die Interessen der diversen Player im Gesundheitssystem.

Der Ostschweizer Ernst Mäder (65) war von 2001 bis zu seiner Pensionierung Ende Juni dieses Jahres Finanz- und Anlagechef der Unfallversicherung Suva. Dort sind rund 270 Mitarbeitende in den Abteilungen Versicherungstechnik, Finanzen und Immobilien beschäftigt. Zudem war ihm ein Teil der Agenturen unterstellt. Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler war zuvor bei der Credit Suisse tätig. Neuer Finanzchef ist seit gestern Hubert Niggli.