Afag Automation AG zieht von Huttwil über die Kantonsgrenze nach Zell

Huttwil im Kanton Bern verliert einen wichtigen Arbeitgeber. Die Afag Automation AG realisiert ihren Neubau im luzernischen Zell. Ein Aufreger in Bern, doch auch ein Umzug nach Deutschland stand zur Diskussion.

Christopher Gilb
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Am Dorfeingang von Huttwil sticht einem sofort der Showroom des E-Bike-Herstellers Flyer ins Auge, mit 269 Angestellten der grösste private Arbeitgeber in der 5000-Einwohner-Gemeinde im Kanton Bern. Zum zweitgrössten privaten Arbeitgeber, dem Maschinenbauunternehmen Afag Automation AG geht es aber noch ein Stück. Erst ans andere Ende der Gemeinde und dann noch gut fünf Minuten durch ein Wohnquartier. «Ich habe selbst Kinder. Dass täglich mehrere Lastwagen durch dieses Quartier zu uns fahren müssen, ist alles andere als ideal. Auch das ist ein Mitgrund, wieso wir umziehen», sagt Siegfried Egli.

Egli, 58 Jahre alt, einer, der jeden Mitarbeiter beim Vornamen grüsst und fast sein ganzes Berufsleben bei der Afag tätig ist, leitet den Huttwiler Standort. Vier weitere Standorte ­befinden sich in Deutschland, einer in den USA und einer in China. Aber gegründet wurde die Afag vor über 60 Jahren in Huttwil, hier ist auch der weltweite Hauptsitz des Unternehmens, das inzwischen der deutschen Schaeff Group gehört. In Huttwil werden Handhabungskomponenten sowie Zuführ- und Transportsysteme für die Automationsindustrie hergestellt. Zu den Kunden gehören Schweizer Konzerne wie Schurter in Luzern und grosse deutsche wie Bosch oder Siemens. Denen soll zukünftig noch mehr geboten werden. Stolz erzählt Egli, dass vor einigen Jahren als Forschungsleiter ein ehemaliger hochrangiger Mitarbeiter der Swatch Group, der sich dort mit neuen Technologien befasst hatte, angestellt werden konnte. «Unser Ziel ist, dass jede unserer Komponente eine eigene ­Intelligenz bekommt, das spart beim Käufer Zeit, Kosten und Ressourcen», so Egli.

Siegfried Egli mit einer der roten Komponenten für die Montagelinie aus Huttwil.

Siegfried Egli mit einer der roten Komponenten für die Montagelinie aus Huttwil.

Eveline Beerkircher (Huttwil, 9. Januar 2020)

Fabrik nicht mehr zeitgemäss

Doch mit den heutigen Räumlichkeiten hat die Afag mehrere Probleme. Nicht nur, dass inzwischen ein Wohnquartier um die Fabrik gewachsen ist, diese selbst ist auch nicht mehr zeitgemäss. Denn über die Jahre sei immer etwas dazu gebaut worden, mit der Konsequenz, dass ein Teil Ewigkeiten brauche, bis es durch die auf mehrere Stöcke aufgeteilte Produktion gelange. Und für Neues fehlt auch Platz. «Schauen Sie mal hier, mir ist es fast peinlich zu zeigen, wo un­sere vor einigen Jahren neuein­gerichtete Qualitätssicherung arbeitet», sagt Egli bei der Fabrikführung. In einem kleinen freien Bereich am Ende einer Halle wurden provisorisch einige Tische gestellt. Dann öffnet er eine Tür zu einem mittelgrossen Raum. «Und das ist unser Pausenraum, auch nicht gerade gross für 125 Angestellte, oder?»

Der Konzern entschied 2014 also, neuzubauen. Doch kurz darauf kam die Frankenkrise, wovon der exportabhängige Schweizer Standort stark getroffen wurde. Der Umsatz in Huttwil ging damals um 20 Prozent auf 20 Millionen Franken zurück. «Der deutsche Eigentümer spielte deshalb mit dem Gedanken, unseren Standort nach Deutschland zu verlegen», erinnert sich Egli. Doch das Management in Huttwil kämpfte. Mit einem 16-Punkte-Plan senkte der Konzern seine Kosten. «So wurde beispielsweise temporär Mehrarbeit zu gleichem Lohn eingeführt, etwas, was mit den Gewerkschaften in Deutschland schwierig geworden wäre», sagt Egli. Und natürlich seien die Neubaupläne auf Eis geleget worden. Der Standort überstand die Krise. «Und wie wir das geschafft haben, hat den deutschen Eigentümer überzeugt, weiterhin auf die Schweiz zu setzen», so Egli. «Wir konnten das Neubauvorhaben wieder aufnehmen.»

Angebote aus Bern und aus Luzern

Beide Standortförderungen hätten sie wegen eines geeigneten Grundstücks angefragt. In Bern seien ein Grundstück in Langenthal und eines in Huttwil zur Auswahl gestanden, in Luzern unter anderem eines in Zell. Ein Neubau in Langenthal sei von der Bauparzelle her nicht ideal gewesen und auch bei den Mitarbeitern nicht gut angekommen. «Dort staut sich am Feierabend der Verkehr. Also schlugen wir dem Verwaltungsrat nur Zell und Huttwil vor», erinnert sich Egli. Der Entscheid fiel aufs Industriegebiet Briseck in Zell. Die Distanz zwischen beiden Gemeinden beträgt gerade einmal 7 Kilometer.

So soll der Neubau der Afag in Zell dereinst aussehen.

So soll der Neubau der Afag in Zell dereinst aussehen.

Visualisierung: PD

Dass einer der grössten Arbeitgeber in den Nachbarkanton umzieht, sorgte trotzdem für Enttäuschung in Huttwil. Der Entscheid der Afag stimme ihn traurig, bekannte etwa Rolf Flückiger, Präsident der Herdgemeinde Huttwil an der Versammlung, an der, wie es das «Langenthaler Tagblatt» schrieb, die Bombe platzte. Ähnlich äusserte sich auch ein ehemaliger Mitarbeiter. «Natürlich kam der Umzug teils gar nicht gut an», sagt auch Standortleiter Egli. «Aber man darf nie vergessen, auch ein Umzug nach Deutschland stand einmal zur Diskussion.»

Mix aus mehreren Gründen

Schliesslich hätten für den Verwaltungsrat mehrere Gründe den Ausschlag gegeben: «Das Grundstück in Huttwil konnte uns nur im Baurecht abgegeben werden, das in Zell konnten wir kaufen», führt Egli aus. Der Boden in Huttwil hätte zudem eine schlechtere Beschaffenheit gehabt, was teurer in der Bebauung geworden wäre und ja – auch die Steuern hätten eine Rolle gespielt. Seien aber nicht der Hauptgrund gewesen. «Für die Anfangsphase hat uns der Kanton Bern sogar Steuererleichterungen angeboten.» Bei Ausbauprojekten von volkswirtschaftlicher Bedeutung besteht dort diese Möglichkeit. Danach hätte es aber schon einen Unterschied gemacht, so Egli. Wie eine Recherche ergibt, beträgt die Gewinnsteuerbelastung bis zu 21,8 Prozent in Huttwil, 12,6 Prozent sind es in Zell. Für die meisten Mitarbeiter sei der Umzug zum Glück kein Problem, sagt Egli. «Lediglich einer hat gekündigt, weil er jetzt schon einen längeren Anfahrtsweg hat.»

Am Mittwoch fand nun der Spatenstich für die neue moderne Produktionshalle in Zell statt. Der neue Standort werde dem Wachstumsbedarf der Firma gerecht und sei entsprechend auch auf 180 Angestellte ausgelegt, sagt Egli. Der Einzug ist für ­April 2021 geplant.