Airbus im Luftloch – Flugzeugbauer baut 15'000 Stellen ab

Der europäische Flugzeughersteller hat die Produktion um 40 Prozent zurückgefahren und streicht Tausende Arbeitsplätze. Regierungen und Gewerkschaften protestieren.

Stefan Brändle aus Paris
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Eine Turbine an der A380-Montagelinie im Airbus-Werk in Blagnac in Frankreich.

Eine Turbine an der A380-Montagelinie im Airbus-Werk in Blagnac in Frankreich.

Guillaume Horcajuelo / EPA

Es ist wie beim Sturz ins Luftloch – niemand weiss, wie gross es ist. Anfangs Jahr war das europäische Vorzeigeunternehmen Airbus noch ganz oben gewesen, während der amerikanische Erzrivale Boeing bereits am Boden lag. Im Februar wollte Konzernchef Guillaume Faury gerade die Kadenz seines Verkaufsschlagers A320 auf 67 Maschinen im Monat erhöhen; die Personalabteilungen in Toulouse und Hamburg schraubten die Löhne hoch, um neue, junge Ingenieure zu finden.

Dann brach die Pandemie aus. Ein Vierteljahr später gab Faury unglaubliche Zahlen bekannt: Die Produktion ist um 40 Prozent eingebrochen, 14931 Arbeitsplätze müssen gestrichen werden. Von den vier Partnerländern verliert Deutschland 5100 Stellen, Frankreich deren 5000, Grossbritannien 1700 und Spanien 900. 1300 sollen dazu in anderen Ländern wegfallen. Nicht eingerechnet sind Konsequenzen bei Zulieferern bis in die Schweiz.

Bestellte Maschinen werden nicht abgeholt

Faury will vor allem mit Frühpensionierungen operieren, zumal in den nächsten sieben Jahren ein Drittel der 135000-köpfigen Belegschaft in Rente gehen wird; aber er schliesst auch Kündigungen nicht aus. Der Einbruch vieler Fluggesellschaften lasse Airbus gar keine Wahl, meinte der 52-jährige Franzose, der vor gut einem Jahr den Deutschen Thomas Enders an der Airbus-Spitze abgelöst – und damals noch in eine strahlende Luftfahrtzukunft geblickt hatte.

Faurys Hauptargument ist für alle sichtbar: Auf den Flugfeldern in Toulouse, wo die Airline-Delegationen bisher täglich nagelneue Maschinen abholen kamen, warten nun selbige im Dutzend – bestellt, aber nicht mehr abgeholt. Das Blatt hat sich gewendet: Heute überfliegen die einst so stolzen Airbus-Teams die fertigen Maschinen zum Teil selber zu den Kunden in allen Weltgegenden.

Doch längst nicht alle Beteiligten sind einverstanden mit Faurys Stellenschnitt. Die französische Regierung räumte am Mittwoch ein, dass der «Schock massiv, brutal und dauerhaft» sei. Trotzdem sei die Zahl der angekündigten Stellenstreichungen «überrissen», verkündete das Pariser Wirtschaftsministerium, das wie das deutsche Pendant je 11 Prozent am Unternehmen hält. Der französische Staat hatte seiner Luftfahrtindustrie jüngst mit 15 Milliarden Euro unter die Arme gegriffen. Dafür verlangt Paris nun die Rettung von 2000 der 5000 bedrohten Stellen in Frankreich.

Airbus hatte allerdings vor Wochen schon von sich aus auf Staatshilfen verzichtet. Die deutsche Regierung schliesst daraus, wie ihr Luftfahrtkoordinator Thomas Jarzombek der «FAZ» mit einer gewissen Ironie erklärte, dass bei Airbus offenbar eine «grössere Liquiditätslinie vorhanden» sei.

Proteste an einzelnen Werkstandorten

Die deutschen wie die französischen Gewerkschaften weisen darauf hin, dass die Auftragsbücher von Airbus auf acht Jahre hinaus ausgelastet sind: 7500 Bestellungen stehen noch offiziell zu Buche. Faury hält dagegen, Airbus könne nicht auf Halde produzieren. Selbst die Kadenz der A320 werde bis Ende 2021 auf 40 Maschinen im Monat verharren, ein Drittel weniger als heute. Normale Verhältnisse würden wohl erst wieder gegen 2025 erreicht.

Auch wenn Faury noch nicht bekannt gab, welche Standorte in Europa, China und den USA betroffen sind, kam es vor einzelnen Werktoren schon zu Protestkundgebungen. Die deutsche Gewerkschaft IG Metall befürchtet, dass in Deutschland «überproportional» viele Stellen betroffen seien. Airbus hatte bereits früher den Abbau von 2600 Stellen im Rüstungs- und Raumfahrtbereich angekündigt – für den vor allem deutsche Standorte tätig sind. Faury entgegnete, Frankreich sei dafür durch den vormaligen Abbau in der Sparte Helikopter stärker betroffen.

All diese Reaktionen lassen den Schluss zu, dass sich die Sozialpartner in den nächsten Jahren nicht nur über den allgemeinen Sparkurs des Unternehmens streiten dürften, sondern auch über die Lastenverteilung zwischen Deutschland und Frankreich. An diesem alten Airbus-Lied hat auch die Coronakrise nichts geändert.

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