Airline Chair zwingt Mitarbeitern neue Verträge und Abzüge auf – «Wir leben damit von weniger als 2'000 Franken netto»

Der Ferien- und Balkanflieger Chair leidet unter der Coronakrise. Deshalb stellt er den Mitarbeitern neue Verträge aus. Die fühlen sich unter Druck gesetzt. Der Firmenchef verteidigt das Vorgehen.

Benjamin Weinmann und Stefan Ehrbar
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Bei der Airline Chair müssen Mitarbeiter schlechtere Konditionen akzeptieren.

Bei der Airline Chair müssen Mitarbeiter schlechtere Konditionen akzeptieren.

Chair

Für viele Fluggesellschaften wird die Luft dünner. In den USA hat American Airlines kürzlich angekündigt, 19'000 Stellen zu streichen. Doch auch kleinere Anbieter leiden, so wie die erst 2019 gegründete Fluggesellschaft Chair mit Sitz in Opfikon ZH. Sie ging aus der Schweizer «Germania» hervor, die von Air Prishtina und deren Inhaberin Leyla Ibrahimi-Salahi sowie der polnischen Enter Air übernommen worden war.

Wie Recherchen dieser Zeitung ergeben haben, sind die rund 100 Angestellten mit drastischen Lohnkürzungen konfrontiert, die per Anfang 2021 in Kraft treten. Dem Vernehmen nach wurden dem Personal neue, deutlich schlechter dotierte Verträge präsentiert, die die Mitarbeiter bis Mitte September unterzeichnen können. Lassen sie das Ultimatum ohne Unterschrift verstreichen, droht eine Änderungskündigung.

«Die Stimmung ist miserabel»

Mit den neuen Verträgen und der derzeit herrschenden Kurzarbeit erhielten die Flight Attendants in einem 100-Prozent-Pensum weniger als 2'000 Franken netto monatlich ausbezahlt, rechnet ein Insider vor. Denn die Einbussen der Kurzarbeit werden durch Chair nicht ausgeglichen – und neu werde den Mitarbeitern zusätzlich 120 Franken monatlich für die Benützung der Parkplätze am Flughafen abgezogen. «Die Stimmung ist miserabel», sagt der Insider. Von der fehlenden Wertschätzung zeuge auch, dass die Flight Attendants neue Aufgaben übernehmen müssten – etwa die Reinigung der Flugzeugkabinen in einem Turnus.

Der Insider spricht von eine schwierigen Situation für die Mitarbeiter. «Wir machen uns alle grosse Sorgen um unsere Zukunft. Denn entweder wir unterschreiben und verdienen einen Hungerlohn, oder wir suchen uns eine andere Stelle, was momentan alles andere als einfach ist.» Deshalb hätten sich manche Angestellte gezwungen gesehen, die neuen Verträge zu akzeptieren. Auch die Kommunikation der Chefetage wird bemängelt. So habe es seit Januar nur zwei Treffen mit der Geschäftsleitung gegeben, wobei an einem keine Informationen ausgetauscht worden seien.

Chair will Kündigungen vermeiden

CH Media hat Chair mit den Vorwürfen konfrontiert. CEO Shpend Ibrahimi, der Mann von Leyla Ibrahimi-Salahi, bestätigt, dass die Anstellungsbedingungen geändert werden. Dies sei «unvermeidbar», da die globale Aviatik momentan eine Krise von noch nie da gewesenem Ausmass durchlaufe. Diese sei für grosse, aber auch kleinere Fluggesellschaften wie Chair Airlines existenzbedrohend. Der Schutz der Arbeitsplätze habe höchste Priorität. Bisher habe man keine Kündigungen aussprechen müssen – und das wolle man auch weiterhin unbedingt verhindern.

Die neuen Verträge würden einen «Pandemiemodus» enthalten, sagt Ibrahimi. Auf der tiefsten Lohnstufe erhielte eine Flugbegleiterin damit bei einem 100-Prozent-Pensum brutto 3100 Franken pro Monat. Dies sei branchenüblich, sagt Ibrahimi. Im Pandemiemodus sinke der Lohn mit den neuen Verträgen um etwa 8 Prozent. Ibrahimi weist aber darauf hin, dass eine Flight Attendant mit dem neuen Vertrag auf der gleichen Lohnstufe «im normalen Flugbetrieb» etwa 10 Prozent mehr verdienen würde als heute. Fragt sich allerdings, ob und wann der «normale Flugbetrieb» zurückkehrt.

Bazl prüft wirtschaftliche Situation

«Dass die Mitarbeitenden in der aktuellen Situation Angst um ihren Arbeitsplatz haben, ist absolut verständlich und das tut uns auch leid», sagt Ibrahimi. «Doch den Blick dabei bloss auf den Lohn zu richten, ist nur eine Seite der Medaille, denn ohne entsprechende Massnahmen sind die Arbeitsplätze sowohl heute als auch in Zukunft deutlich stärker gefährdet.» Zudem habe man stets offen kommuniziert und einmal pro Monat mit den Angestellten diskutiert. Auch zusätzlich hätten Gespräche stattgefunden.

Ibrahimi gibt sich kämpferisch: Man habe alle einbezahlten Gelder von Kunden, die nicht reisen konnten, vollumfänglich zurückgezahlt. Die Investoren würden an die Airline glauben und man werde in Kürze den Flugplan für den Sommer 2021 veröffentlichen. Chair ist neben dem Feriengeschäft stark vom sogenannt ethnischen Verkehr abhängig. Weil derzeit etwa Kosovo und Nordmazedonien als Risikoländer mit Quarantänepflicht gelten, leidet dieser Geschäftsbereich stark – er könnte sich aber bei einer entsprechenden Änderung der Liste schnell erholen.

Die wirtschaftliche Situation der Airline beschäftigt mittlerweile auch die Behörden. Wie ein Sprecher des Bundesamt für Zivilluftfahrt sagt, stehe die Behörde mit allen Schweizer Airlines, darunter auch Chair, in regelmässigem Kontakt. Man habe die Aufsicht über die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit erhöht.

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