Airline
Swiss im Corona-Koma: So viel Geld ist von den Staatshilfen noch übrig

Die europaweiten Corona-Mutationen zwingen die Swiss zu drastischen Massnahmen: Den Flugbetrieb in Genf stellt die Airline praktisch ein, in Zürich fallen zahlreiche Flüge weg. Wie lange hält die Swiss noch durch? Die Airline und ein Aviatik-Experte sind sich uneins.

Adrian Müller / Watson
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Sie werden im Moment nicht gebraucht: Swiss-Flugzeuge in einem Hangar am Flughafen Zürich.

Sie werden im Moment nicht gebraucht: Swiss-Flugzeuge in einem Hangar am Flughafen Zürich.

Keystone

Wegen den verschärften Reise-Restriktionen zieht die Swiss per sofort die Reissleine und stellt den Flugbetrieb in Genf (ausser nach Zürich und Frankfurt) ein. Auch in Zürich fallen etliche Swiss-Verbindungen weg:

  • Budapest
  • Florenz
  • Rom
  • Venedig
  • Göteborg
  • Hannover
  • Krakau
  • Manchester
  • St. Petersburg

Zudem werden die Verbindungen etwa nach Spanien und Portugal ausgedünnt. Insgesamt fliegt die Swiss im Februar 2021 nur zehn Prozent des Flugprogrammes von 2019. Auf Langstrecken verkehrt die Swiss praktisch als Fracht-Airline. Die Swiss liegt erneut im Corona-Koma. «Die jüngsten Anpassungen werden dazu führen, dass wir mindestens zwei weitere Kurz- und Mittelstreckenflugzeuge vorübergehend parkieren werden», so Swiss-Sprecherin Meike Fuhlrott zu watson. Einsatzbereit bleiben vorerst 48 Flugzeuge.

Wie viel Geld hat die Swiss eigentlich noch?

Im November 2020 sagte Finanzchef Markus Binkert, dass die Swiss pro Tag 1,5 bis 2 Millionen Franken Verlust mache. In der Branche hoffte man, dass sich die Lage mit den Corona-Impfstoffen langsam wieder normalisiert. «Nun ist de facto das Gegenteil eingetreten. Es sind wohl weitere Staatshilfen nötig, um das Überleben von Airlines wie der Swiss zu sichern», sagt William Agius, Luftfahrt-Experte und Aviatik-Dozent an der ZHAW Winterthur.

Das vom Bundesrat letzten Frühling geschnürte Swiss-Hilfspaket (Staatsgarantien für Banken-Kredite in der Höhe von 1,5 Milliarden Franken) sei als Überbrückungshilfe bis Ende 2020 gedacht gewesen. «Nun zeichnet sich kein rasches Ende der Krise ab. Viele Staaten in Europa müssen sich nun Gedanken machen, zu welchen Bedingungen sie weitere Staatsgelder sprechen», so Agius.

«Die Liquidität ist nicht gefährdet. Wir haben bisher erst einen kleinen Teil des Kredits gezogen und noch rund eine Milliarde Franken zur Verfügung.»

Swiss-Sprecherin Fuhlrott sagt dazu: Die Liquidität von der Swiss sei nicht gefährdet. «Wir haben bisher erst einen kleinen Teil des Kredits gezogen und noch rund eine Milliarde Franken zur Verfügung (inkl. Edelweiss).» Detailliert über die finanzielle Gesamtsituation will die Swiss an der Bilanzmedienkonferenz vom 4. März informieren.

Business-Reisende fallen weg

Zoom-Session statt Business-Trip: Die Zukunftsaussichten für die Airlines sind alles andere als rosig. Denn Corona dürfte insbesondere die Reisegewohnheiten der Geschäftsleute umkrempeln, welche für die Fluggesellschaften das lukrativste Klientel darstellen. Der Chef der Star Alliance, zu der auch die Swiss gehört geht davon aus, dass künftig 30 Prozent des Businessverkehrs wegfällt.

Geschäftsreisen können jedoch laut dem Beratungsunternehmen PWC bei einigen internationalen Flügen bis zu 75 Prozent der Einnahmen ausmachen, wie die «Financial Times» kürzlich berichtete. Die Swiss hat vor Corona mit den Boeing 777 grössere Langstrecken-Jets beschafft und neue Destinationen wie Osaka ins Netz aufgenommen.

Ob solche Flüge in Zukunft noch rentieren, ist offen. «Das Hub-Modell der Swiss muss wegen Corona infrage gestellt werden», sagt Aviatik-Experte Agius weiter. Denn die Swiss kann das Drehkreuz in Zürich-Kloten nur mit Umsteigepassagieren wirtschaftlich betreiben. «Wegen den Reise-Restriktionen werden Direktflüge gefragter als Umsteigeverbindungen», so Agius.

So oder so geht der Branchenverband IATA davon aus, dass sich der Flugverkehr erst 2024/2025 wieder auf dem früheren Niveau einpendle. Wenn überhaupt. «Es ist illusorisch zu glauben, dass diesen Sommer alles wieder normal ist», so Agius.

Ungewissheit zermürbt Piloten

Die Ungewissheit bleibt gross. Das ist insbesondere für Piloten zermürbend. «Es gibt Leute, die seit einem Jahr nicht im Cockpit gesessen sind. Um dies durchzustehen, braucht man einen stabilen Charakter», sagt Thomas Steffen, Sprecher der Aeropers und Swiss-Pilot. Die Piloten-Gewerkschaft verhandelt derzeit mit der Swiss über temporäre Kostensenkungen.

«Es gibt Leute, die seit einem Jahr nicht im Cockpit gesessen sind.»

Die Edelweiss kann dank den Zugeständnissen der Piloten bis 20 Prozent Lohnkosten sparen. «Wir sind bereit, unserer Beitrag zu leisten. Und versuchen, Entlassungen zum Beispiel durch innovative Teilzeitmodelle möglichst zu verhindern», so Steffen.