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AIRLINES: Wenn der Flieger nicht abhebt

Jedes Jahr fallen zahlreiche Flüge aus. Oft sind betroffene Reisende hilflos. Dabei regelt das Gesetz klar, wer entschädigt wird.
Ein Blick auf die Anzeigetafel des Flughafens München: Wegen des Streiks bei der Lufthansa fielen 2014 Hunderte Flüge aus. (Bild: EPA/Nicolas Armer)

Ein Blick auf die Anzeigetafel des Flughafens München: Wegen des Streiks bei der Lufthansa fielen 2014 Hunderte Flüge aus. (Bild: EPA/Nicolas Armer)

Andreas Lorenz-Meyer

Der Flughafen Zürich zählte 2014 264 970 Flugbewegungen. 2084 Flüge des Linien- und Charterverkehrs wurden in dem Jahr annulliert, also 0,8 Prozent der Gesamtflugbewegungen. Die meisten Absagen, 290, gab es im Dezember wegen des starken Wintereinbruchs. Auch im September lag die Zahl mit 254 recht hoch. Hier war der Grund der Lufthansa-Streik.

Die EU-Verordnung 261/2004 sollte deshalb jeder kennen, der ab und an im Flugzeug sitzt. Sie regelt auch in der Schweiz die Ansprüche von Passagieren, die am Flughafen gestrandet sind. Durften Sie wegen Überbuchung nicht einsteigen, wurde der Flug annulliert, oder gab es eine «grosse Verspätung»? Dann haben Sie ein Recht auf Entschädigung oder andere Leistungen. Immer vorausgesetzt, der Flughafen lag zum Beispiel nicht in dichtem Nebel. Bei «ausser­ordentlichen Umständen» wie diesem gibt es keine Entschädigungspflicht.

Die Kilometer entscheiden

Bei Überbuchung und Annullierung sieht die Verordnung eine Ausgleichszahlung vor. Deren Höhe richtet sich nach der Flugdistanz. 250 Euro werden bei Flügen bis 1500 Kilometer fällig, 400 Euro bei Flügen über 1500 Kilometer innerhalb der EU und bei anderen Flügen zwischen 1500 und 3500 Kilometern, 600 Euro bei Flügen über 3500 Kilometer ausserhalb der EU. Ein Flugausfall bei der Strecke ZürichWarschau (1000 Kilometer) kann eine Airline also 250 Euro kosten. Beim Flug von Genf nach Johannesburg (8300 Kilometer) käme sie schon locker auf den Höchstbetrag von 600 Euro. Bei Verspätungen sieht es anders aus. Da haben Fluggäste nach der Verordnung keinen Anspruch auf Entschädigung. Die Airline muss jedoch andere Leistungen erbringen. Mahlzeiten und Getränke bereitstellen. Oder eine Unterkunft, falls eine Übernachtung erforderlich ist. Ob Passagiere einen Anspruch auf diese Betreuungsleistungen haben, hängt von Flugdistanz und Verspätung ab. Bei einem Flug über 1500 Kilometer innerhalb der EU müssen es mehr als 3 Stunden sein. Bei mehr als 5 Stunden haben Fluggäste auch Anspruch darauf, den Ticketpreis rückerstattet zu bekommen.

Gericht stärkt Fluggastrechte

Kein Geld bei Verspätung also. Zumindest nach dem Wortlaut der Verordnung. Doch gibt es anders lautende Gerichtsentscheide ausserhalb der Schweiz. Der Europäische Gerichtshof stärkte die Fluggastrechte mehrfach. Er stellte zum einen fest, dass bei Verspätungen ab 3 Stunden die gleiche Ausgleichszahlung wie bei Annullierungen zu leisten ist, also zum Beispiel 400 Euro bei einem Mittelstreckenflug. Zum anderen muss beim Abflug gar keine Verspätung vorliegen. Entscheidend ist allein die Verspätung am Zielort. Die kann sich auch durch einen verpassten Anschlussflug ergeben haben. Auch ein «technisches Problem» reicht laut EU-Urteil nicht unbedingt als Begründung. Es sei denn, das Problem geht auf Vorkommnisse zurück, die von der Airline nicht zu beherrschen sind, etwa ein Herstellungsfehler.

Sind EU-Urteile, etwa die vom Europäischen Gerichtshof, in der Schweiz relevant? Gerichtsverfahren im Zusammenhang mit der Verordnung scheint es hierzulande selten zu geben. Bekannt ist besonders ein über zwei Jahre altes Urteil aus Basel. Bei dem Verfahren ging es aber nicht um den Nachweis aussergewöhnlicher Umstände, sondern um den Geltungsbereich der Verordnung. Hier entschied das Gericht zu Gunsten der Airline (siehe Kasten).

Was aber nicht heisst, dass Schweizer keine Chance haben, bei Verspätung eine Entschädigung zu erhalten. Der Schweizer Reiserechtsexperte Rolf Metz fasst die rechtliche Lage so zusammen: «Schweizer Gerichte entscheiden in eigener Verantwortung. Die Urteile des Europäischen Gerichtshofs sind nicht bindend. Die Gerichte werden jedoch der EU-Gerichtspraxis folgen, solange diese mit dem Schweizer Recht übereinstimmt und keine entscheidenden Argumente dagegensprechen.»

Ein Recht auf Beschwerde

Weigert sich die Airline zu zahlen, können Passagiere auch beim Bundesamt für zivile Luftfahrt (Bazl) eine Meldung einreichen. Das allerdings nur bei Überbuchung oder Annullierung, nicht bei Verspätungen. Die Meldung besteht aus vier Seiten, in denen genaue Angaben über den Hergang gemacht werden müssen. 2014 gingen 3600 Meldungen ein, so viele wie im Vorjahr. «Die Beschwerden, die zu uns gelangen, betreffen ausschliesslich die Fälle, bei denen die Passagiere mit der Antwort der Airline nicht zufrieden sind», so Anton Kohler vom Bazl.

Das Meldeformular wird zuerst geprüft, die beschuldigte Airline anschliessend um eine Stellungnahme gebeten. Sie bekommt im Rahmen der Voruntersuchung die Gelegenheit, die Entschädigungs- und Ausgleichsleistung noch zu zahlen. «In den meisten Fällen einigt man sich», sagt Kohler. Fast alle Passagiere hätten in den bald 20 000 beim Bazl eingereichten Fällen die geschuldeten Beträge, welche die EU-Verordnung vorsieht, zu 100 Prozent ausbezahlt bekommen.

Welche Entschädigungssummen in der Schweiz zusammenkämen, darüber gibt es keine Zahlen. Schätzungen gehen von einigen Millionen bis zu dreistelligen Millionensummen aus. Mehrere Online-Portale bieten an, das Geld im Namen der Passagiere einzutreiben. Die Namen sind Programm: Fairplane, Flightright, Airhelp. Ein Honorar muss nur im Erfolgsfall gezahlt werden. 25 bis 30 Prozent der Entschädigungssumme streichen die Anbieter meist ein, bei 250 Euro etwas über 70 Euro.

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