Flugverkehr
Airlines wollen die Bordkarte komplett abschaffen und durch das Gesicht ersetzen

Neue Identitätskontrolle, die Risiken birgt. Aktuell testet die amerikanische Billigfluglinie JetBlue in einem Pilotprojekt ein Gesichtserkennungssystem. Passagiere müssen am Gate nicht mehr ihren Pass und ihre Bordkarte vorzeigen, sondern vor eine Kamera treten, die ein Foto von ihnen macht.

Adrian Lobe, Washington
Merken
Drucken
Teilen
Naoki Iseki fotografiert vor dem Flug nach Tokio ein Gesichtserkennungsgerät am Flughafen von Houston. MICHAEL WYKE/Key

Naoki Iseki fotografiert vor dem Flug nach Tokio ein Gesichtserkennungsgerät am Flughafen von Houston. MICHAEL WYKE/Key

KEYSTONE

In der Vergangenheit war es für Touristen oder Geschäftsreisende häufig eine zähe Prozedur, bis sie am Flughafen ihre Bordkarte hatten. Lange Schlangen am Schalter, Probleme mit dem Drucker, gestresstes Personal – schon bevor der Flieger abhob, wurden die Nerven öfters arg strapaziert. Zwar kann man heute fast überall online einchecken und den Boarding-Pass auf sein Smartphone laden. Doch das geht den Airlines offenbar nicht weit genug: Sie wollen die Bordkarte komplett abschaffen und durch das Gesicht ersetzen.

Pilotprojekt in Boston

Aktuell testet die amerikanische Billigfluglinie JetBlue in einem Pilotprojekt für Flüge von Boston nach Aruba ein Gesichtserkennungssystem. Passagiere müssen am Gate nicht mehr ihren Pass und ihre Bordkarte vorzeigen, sondern vor eine Kamera treten, die ein Foto von ihnen macht. Eine Software überprüft die biometrischen Merkmale im Gesicht und gleicht sie mit einer Datenbank ab. Stimmen die Merkmale überein, gibt das System grünes Licht und der Passagier darf die Maschine boarden. JetBlue kooperiert dazu mit dem in Genf ansässigen IT-Unternehmen Sita.

Auch Delta erprobt die biometrische Bordkarte: Flugreisende am Flughafen Minneapolis-St. Paul können sich per Gesichtsscan authentifizieren, Passagiere am Reagan Washington National Airport per Fingerabdruck. Die chinesische Fluggesellschaft China Southern Airlines hat derweil am Flughafen Nanyang ein automatisiertes Gesichtserkennungssystem in Betrieb genommen. Der Passagier lädt auf der China-Southern-App ein Foto hoch, das an der Sicherheitskontrolle von einer Software abgeglichen wird. Die Airline KLM testet an ihrem Heimatflughafen Amsterdam Schiphol bereits seit Februar ein Gesichtserkennungssystem, allerdings (noch) auf freiwilliger Basis. Die technologische Aufrüstung korrespondiert mit Bestrebungen der Einreise- und Grenzschutzbehörden, Passkontrollen durch Gesichtsscans zu ersetzen.

Das Gesicht soll zum Pass werden

Die australische Regierung plant die Einführung eines Systems namens «World First», bei dem Passagiere ohne Vorzeigen ihrer Papiere «kontaktlos» einreisen können. Reisepass-Scanner und Antragsformulare sollen der Vergangenheit angehören. Parallel dazu verspricht das biometrische Boarding, die Flugreise zu beschleunigen. Datenschützer sind alarmiert. Sie befürchten, dass Flugreisende auch ausserhalb von Flughäfen – etwa durch Überwachungskameras im öffentlichen Raum – getrackt werden können.

Am Berliner Bahnhof Südkreuz startete vor wenigen Wochen ein Pilotprojekt zur automatischen Gesichtserkennung, das Kriminelle, Terroristen und Gefährder erkennen soll. In Grossbritannien, wo rund sechs Millionen Überwachungskameras installiert sind, wird jeder Bürger im Durchschnitt 70 Mal am Tag gefilmt. «Wenn ich auf dem Gehweg laufe, kann man ohne mein Wissen und Einverständnis keinen Fingerabdruck von mir nehmen, wohl aber ein Foto von mir machen», kritisierte der Aktivist Jay Stanley von der Bürgerrechtsorganisation American Civil Liberties Union (Aclu) gegenüber dem Portal «Fast Company». Was mehr Bequemlichkeit verspreche, berge erhebliche Risiken für die Privatsphäre.

Viele offene Fragen

Die Frage ist auch, aus welchen Bildquellen sich die Datenbanken speisen. Woher kommen die Daten? Werden Daten im Austauschverfahren mit anderen Staaten geteilt? Haben Geheimdienste und Grenzschützer Zugriff auf soziale Netzwerke wie Facebook, wo täglich 350 Millionen Fotos hochgeladen werden? Was passiert, wenn die Datenbank kompromittiert wird? Einen verloren gegangenen Pass kann man ersetzen, biometrische Daten nicht.

Neben datenschutzrechtlichen Bedenken gibt es auch Zweifel an der Reliabilität. Wie verlässlich operieren diese Systeme? Können Algorithmen eineiige Zwillinge voneinander unterschieden oder Kopftuchträgerinnen erkennen? Laut Aclu kann schon eine neue Frisur, Alterung oder eine Veränderung des Gewichts die Software vor erhebliche Probleme stellen.

Wie erratisch automatisierte Gesichtserkennung ist, zeigt ein Fall aus Neuseeland: Dort wollte der 22-jährige Student Richard Lee online einen Reisepass beantragen. Als er ein Foto bei der zuständigen Passbehörde hochlud, lehnte die Software seinen Antrag ab. Der Grund: Das Foto erfülle die Kriterien nicht, weil die Augen geschlossen seien. Doch der Algorithmus irrte. Lees Augen sind auf dem Foto deutlich geöffnet. Sie sind nur schmaler, weil Lees Eltern aus Taiwan und Malaysia stammen. Was beweist: Auch Maschinen können diskriminieren.

Vor einem technologischen Rassismus sind auch die Gesichtserkennungssysteme der Airlines nicht gefeit. Wenn der Datenbankabgleich fälschlicherweise fehlschlägt, könnte es für den Passagier bald heissen: «Tut uns leid. Sie dürfen leider nicht an Bord!»