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AKTIEN: «Anleger sollen sich informieren»

Der Handel mit Aktien wird in New York dominiert. Einer, der sich an der Wall Street auskennt, ist Jens Korte (44). Im Interview berichtet er über den Wandel an der wichtigsten Börse der Welt.
Interview Ernst Meier
Der aus dem Schweizer Fernsehen bekannte Journalist Jens Korte berichtet schon seit 15 Jahren vom Börsenhandel an der Wall Street in New York. (Bild: Remo Naegeli / Neue LZ)

Der aus dem Schweizer Fernsehen bekannte Journalist Jens Korte berichtet schon seit 15 Jahren vom Börsenhandel an der Wall Street in New York. (Bild: Remo Naegeli / Neue LZ)

Jens Korte, vor 15 Jahren begannen Sie als freier Journalist, von der Wall Street zu berichten. Wie hat sich Ihr Arbeitsplatz seither verändert?

Jens Korte*: Komplett. Rund 50 Prozent des Handels laufen elektronisch. Da braucht man keine Händler mehr. Dennoch ist Wall Street bis heute der Finanzplatz Nummer eins. Das physische Parkett der Börse hat aber an Bedeutung verloren.

Was wird denn auf dem legendären Parkett überhaupt noch gehandelt?

Korte: Nur noch die ganz grossen Orders.

In der «Tagesschau» sieht man Sie immer mitten im Parkett, im Hintergrund hat es Bildschirme, Trader an der Arbeit. Ist das denn nur Fassade?

Korte: Der Parketthandel hat nach wie vor eine grosse Tradition und durchaus etwas Folkloristisches. Für mich ist es spannend, mit Menschen zu reden, die seit 50 Jahren dabei sind. Und solche Typen gibt es dort noch.

Was erzählen Ihnen die «Senioren» denn so?

Korte: Keine Insidertipps ... Sie erzählen mir aber allerhand, zum Beispiel wie das früher so war. Bei dem grossen Crash von 1987 etwa. Wir reden über Baseball. Wie sie den Film «Wolf Of Wall Street» fanden. Wie die Zukunft der Börse aussieht. Wie ernst die Krise in der Ukraine für uns ist. Also eigentlich über so ziemlich alles.

Werden die «Parkett-Trader» dereinst ganz verschwinden?

Korte: Ja, ich denke, wir werden in Zukunft kein physisches Parkett mehr an der Wall Street haben. Ich bin aber der Meinung, dass wir starke Börsen brauchen. Mein Buch heisst aber nicht «Super Wall Street» oder «Weiter so Wall Street». Es gibt heute dringenden Reformbedarf.

War früher denn alles besser?

Korte: Besser, schlechter ... Es ist heute halt einfach anders. Für mich ist die Wall Street immer noch faszinierend – mit allen Stärken, Schwächen, Skandalen, Gewinnen und Verlusten.

Sie fordern Reformen. Welche?

Korte: Ich habe keine perfekte Lösung, aber es ist wichtig, die Debatte anzustossen. Ich wünsche mir, dass die Märkte wieder demokratischer werden und keine Spielwiese für Grossinvestoren sind.

Ihr Buch trägt den Titel «Rettet die Wall Street». Woran leidet der weltgrösste Börsenplatz?

Korte: Handelsmärkte – und dazu zählt auch die Börse – werden leider immer exklusiver und sind heute nicht mehr allen Menschen im gleichen Ausmass zugänglich. Ich halte in unserem Wirtschaftssystem transparente Märkte für etwas Wesentliches. Wir müssen die Börsen auch vor sich selbst schützen.

Im Untertitel schreiben Sie «Warum wir die Zocker brauchen» – meinen Sie das ernst, oder ist es bloss eine verkaufsfördernde Provokation?

Korte: Natürlich will ich damit provozieren. Aber im Kern meine ich das ernst. Auf der einen Seite gibt es Ideen, Innovationen und Unternehmen, die Geld brauchen. Auf der anderen Seite stehen die Investoren. Das können auch Kleinanleger sein, die letztlich von dem Wachstum profitieren können. Wollen wir lieber ein Komitee haben, das über die Mittelverteilung entscheidet? Das ist meiner Ansicht nach in der jüngeren Geschichte nicht so gut gelaufen. Deshalb braucht es auch «Zocker».

Braucht es mehr Transparenz, verstärkte Regulatoren?

Korte: Ach ja, der Ruf nach der Politik ist allgegenwärtig ... Ja, Regulierung braucht es. Die Finanzindustrie ist immer weiter gewachsen, aber die Budgets für die Behörden nicht in gleichem Masse. Was die Politik derzeit bekämpft, sind Symptome der alten Krise, das ist keine richtige Vorbereitung auf die nächste. Für mich spielt der Populismus in den politischen Forderungen aber eine zu grosse Rolle – das erlebt man auch in Bern oder in Berlin. Ich denke, es ist unser Geld. Jeder Anleger sollte sich selbst informieren. Das tun wir doch auch beim Kauf eines Joghurts oder beim Metzger.

Was war für Sie das prägendste Erlebnis?

Korte: 9/11 eindeutig aus emotionaler Sicht. Ich war an dem Tag in meinem Büro, zirka 200 Meter Luftlinie vom World Trade Center entfernt. Als das zweite Flugzeug einschlug, stand ich direkt vor den Türmen. Danach bin ich um mein Leben gerannt. Prägend war auch der Herbst 2008, weil wir beobachten konnten, wie die globale Finanzindustrie vor dem Kollaps stand. Das war erschreckend, aber als Journalist auch sehr spannend.

Experten befürchteten damals tatsächlich den Zusammenbruch des internationalen Finanzsystems. Herrschte an der Wall Street so etwas wie «Todesangst»?

Korte: (überlegt länger) Es war wild. Das ist keine Frage. Ich kenne Leute, die seit den 70er-Jahren dort arbeiten. Die haben zwar auch gesagt, so was hätten sie noch nie erlebt. Gleichzeitig überwog da aber doch der Glaube, dass das System nicht zusammenbricht.

Ist seither die goldene Zeit der Investmentbanker vorbei?

Korte: Ja, die klassischen Investmentbanken gibt es nicht mehr. Merrill Lynch wurde notverkauft. Lehman ist pleite. Bear Stearns wurde «gerettet». Morgan Stanley und Goldman Sachs haben den Status geändert. Die Art des Banking und auch die Protagonisten, die das Sagen haben, haben sich stark verändert.

Inwiefern?

Korte: In den 1980er-Jahren haben die klassischen Investmentbanker das Geschäft bestimmt. Nach dem Platzen der Internetblase folgten die Trader. Heute sind es immer stärker die «Quants», eine Kurzbezeichnung für Quantenphysiker. Also einfach gesagt: Informatiker, die in der Lage sind, die gewaltigen Datenmengen und Geschwindigkeit zu koordinieren.

Die Börsen boomen erneut – bereits das fünfte Jahr in Folge. Facebook, Twitter sind dazugestossen. Whats­App wurde für 19 Milliarden gekauft. Erleben wir die Dotcom-Blase 2.0?

Korte: Nein. Ich halte Aktien zwar derzeit auch für recht hoch bewertet. Und es wird auch mal wieder eine Krise geben. Das ist übrigens auch volkswirtschaftlich völlig natürlich. Schon mein Vater hat mir als Jugendlichem immer vom Schweinezyklus erzählt. Ich halte das für gefährlich, wenn etwa die Notenbanker krampfhaft versuchen, brutal kleinste Unebenheiten zu bekämpfen. Dadurch entstehen überhaupt erst die Blasen.

New York ist weiterhin das Zentrum der internationalen Finanzszene. Schanghai oder Mumbai haben aber stark an Bedeutung gewonnen. Kommt es zu einer Wachtablösung?

Korte: Fragen Sie sich selbst: Haben Sie ein besseres Gefühl, wenn New York oder Schangai Ihr Geld kontrolliert? Ich fühle mich mit der Wall Street da noch besser. Aber natürlich steigt die Bedeutung von Asien. Ich bin übrigens auch der Meinung, dass wir etwa die Finanzplätze in Frankfurt oder Zürich stärken sollten.

Wie sieht die Wall Street in 10 bis 20 Jahren aus?

Korte: Es wird noch mehr von chinesischen Touristen wimmeln. (lacht) Sie ist heute ja schon eine Sehenswürdigkeit wie das Kolosseum in Rom – auch fast so verstaubt. Im Ernst: Ich denke schon, dass die Wall Street im weiteren, wenn auch nicht im physischen Sinn einer der wichtigsten Finanzplätze der Welt bleibt.

Sie sind ein bekanntes Gesicht für die Schweizer TV-Zuschauer. Werden Sie in den USA erkannt und auch mal für ein «Selfie» angefragt?

Korte: Letzte Woche hat mich in New York jemand aus Milwaukee angesprochen. Er wollte gerne ein gemeinsames Foto haben. Er kannte mich von der Deutschen Welle (TV-Kanal für Auslanddeutsche, Anm. der Red.). In der Schweiz werde ich aber wegen der Auftritte im SRF schon häufiger angesprochen, was ich übrigens immer sehr nett und schmeichelhaft finde.

* Jens Korte zog Ende der 90er-Jahre nach New York. Seit über 13 Jahren arbeitet Korte fürs Fernsehen (SRF, n-tv), Radio (SRF 4, Hessischer Rundfunk) und Zeitung («NZZ am Sonntag»).

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