AKTIEN: Die Börse urteilt unerbittlich

Wertpapiere von mittelgrossen Unternehmen entwickeln sich gut. Gestern veröffentlichte Geschäfts- zahlen zeigen aber grosse Unterschiede auf.

Daniel Zulauf
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Wie gut sich eine Aktie entwickelt, hängt nicht nur mit guten oder schlechten Geschäftszahlen zusammen. Das Bild zeigt eine Apotheke, die von Galenica beliefert wird. (Bild: PD)

Wie gut sich eine Aktie entwickelt, hängt nicht nur mit guten oder schlechten Geschäftszahlen zusammen. Das Bild zeigt eine Apotheke, die von Galenica beliefert wird. (Bild: PD)

Daniel Zulauf

«Die Stimmung ist deutlich schlechter als die Lage», sagt Isabelle de Gavoty, Investmentspezialistin für Aktien kleiner und mittelgrosser Firmen beim französischen Versicherungskonzern Axa. Seit dem vergangenen Sommer, als das erste chinesische Börsenbeben die globale Anlegergemeinde aufgeschreckt hatte, laufen diese sogenannten Small- und Mid-Cap-Aktien auch hierzulande deutlich besser als die grossen Werte im Swiss Market Index.

Heftige Reaktionen

Dieser Small-Cap-Boom hat einigen Aktien im vergangenen Jahr besonders viel Schub gegeben. Zu diesen gehörte allen voran das Berner Pharma- und Handelsunternehmen Galenica, das sich im laufenden Jahr in zwei unabhängige Firmen aufspalten will. Allerdings: Obwohl die Gruppe gestern eine weitere Steigerung des Umsatzes um 11 Prozent auf 3,8 Milliarden Franken sowie eine Verbesserung von Gewinn und Dividende für die Aktionäre vermelden konnte, tauchten die Aktien um mehr als 10 Prozent. Eine für den Geschmack der Anleger etwas zu konservative Gewinnprognose für das Pharmageschäft war ausreichend für den heftigen Kursrückschlag.

Nicht besser erging es dem Zürcher Laborausrüster Tecan. Dieser glänzte ebenfalls gestern mit der Meldung eines Umsatzanstieges um 20 Prozent auf 440 Millionen Franken bei gleichzeitiger Gewinnexpansion um 20 Prozent auf 57 Millionen Franken. Die Investoren reagierten ungnädig und schickten die Titel in den Keller (–12 Prozent). Galenica und Tecan haben eine auffällige Gemeinsamkeit: Die Aktien legten im vergangenen Jahr in beiden Fällen weit überdurchschnittlich zu (+ 84 Prozent beziehungsweise + 33 Prozent). Nach solchen Phasen steigt die Wahrscheinlichkeit heftiger Kursreaktionen naturgemäss an. Doch an der Börse folgt das Prinzip der Schwerkraft keiner klaren Gesetzmässigkeit. Die Aktien des Winterthurer Textilmaschinenbauers Rieter hatten in den vergangen zwölf Monaten fast 40 Prozent zugelegt, und gestern hielten sich die Papiere recht gut in dieser luftigen Höhe (–2 Prozent), obschon die vom Unternehmen präsentierten Zahlen (Umsatz –10 Prozent auf 1037 Millionen Franken, Gewinn –6 Prozent auf 50 Millionen Franken) auch eine andere Reaktion hätte erwarten lassen können.

Bewertung wichtiger als Zahlen

Dasselbe liesse sich auch vom Werkzeugmaschinenhersteller Tornos sagen, für den 2015 alles andere als ein einfaches Jahr gewesen ist, wie der um 7 Prozent gesunkene Umsatz (164 Millionen Franken) und der um fast 70 Prozent eingebrochene Gewinn (900 000 Franken) mehr als deutlich zeigen. Die Investoren reagierten gestern kaum, hatten die Aktien im Jahresverlauf aber um 23 Prozent zurückgestuft. Dies zeigt: Börsenreaktionen ergeben sich oft nur aus der Bewertung einer Aktie (Kurs im Verhältnis zum erwarteten Gewinn) und weniger aus aktuellen Geschäftszahlen. So wie im Fall von Tornos indiziert die Börse auch beim Bodenbelagshersteller Forbo (siehe Text unten) eine «faire Bewertung».

Kuoni kaum mehr relevant

Unter die Räder gerieten dagegen die Titel des Sanitärtechnikkonzerns Geberit, der mit Hilfe einer Grossübernahme in Skandinavien zwar 24 Prozent mehr Umsatz (2,6 Milliarden Franken), aber auch 15 Prozent weniger Gewinn (422 Millionen Franken) zeigen konnte. Geberit ist ein interessantes Beispiel für ein Unternehmen, das vom Small Cap zum Blue Chip mutierte, was den Aktien sukzessive ein anderes Profil verlieh. Seit Geberit im Juni 2012 in den SMI aufgestiegen ist, muss die Gesellschaft das Umsatzwachstum stärker forcieren, was letztlich das Motiv für die Übernahme war. Die Geberit-Aktien waren während vieler Jahre absolute Überflieger an der Börse. Seit einem Jahr bewegen sich die Papiere in einem Seitwärtskanal, und gestern büssten sie gar mehr als 4 Prozent ein.

In einer Aufwärtsbewegung steht dagegen die Ostschweizer Werkstoffspezialistin Gurit, die mit einem deutlich über den Erwartungen liegenden Gewinn von 23 Millionen Franken punkten konnte. Die Gurit-Titel haben im Zwölfmonatsvergleich 34 Prozent zugelegt und gestern einen weiteren Schritt nach vorne gemacht.

Börsenmässig kaum mehr relevant sind die voraussichtlich letzten Jahreszahlen von Kuoni als kotierte Gesellschaft. Seit gestern läuft das Übernahmeangebot der Investmentgesellschaft EQT, die 370 Franken pro Kuoni-Titel zu zahlen bereit ist. Derweil vermeldet Kuoni für 2015 noch einen Umsatz von 3,35 Milliarden Franken, bei einem Verlust von 294 Millionen Franken, der allerdings zum grössten Teil das Ergebnis von Wertberichtigungen im Zusammenhang mit dem Verkauf des Reisegeschäftes war.