AKTIEN: Kleine Aktien, grosses Potenzial

Grosse Firmen garantieren keine grossen Renditen. Das zeigen die Turbulenzen an den Börsen. Weniger Risiken bieten KMU-Titel. Sie ver- sprechen langfristige Gewinne.

Livio Brandenberg
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Ein stabiler Wert, auch als Aktie: die Bergbahnen auf den Titlis in Engelberg. (Bild: Roger Grütter)

Ein stabiler Wert, auch als Aktie: die Bergbahnen auf den Titlis in Engelberg. (Bild: Roger Grütter)

Livio Brandenberg

Starker Franken, unbeständiges Wetter, eine schwächelnde chinesische Wirtschaft, die einen Ausfall an Touristen vermuten liesse, und sogar einen internen Betrugsfall mussten die Titlis-Bergbahnen in den letzten Jahren verkraften. Und trotzdem hat die Aktie einen Höhenflug hingelegt, der seinesgleichen sucht (siehe Grafik). Der Titel hat in den letzten zehn Jahren besser abgeschnitten als beispielsweise die Papiere der hochgejubelten Tech-Firmen Google, Apple oder Amazon. Man muss als Anleger also gar nicht bis ins Silicon Valley, um sein Geld solide und Gewinn bringend zu investieren. Ein Vergleich der Titlis-Aktie mit den grossen Schweizer Aktientiteln wie Roche, Novartis, UBS oder ABB über die letzen fünf Jahre bringt die gleiche Erkenntnis.

Die Aktien der Bergbahnen Engelberg-Trübsee-Titlis AG, wie das Unternehmen offiziell heisst, werden zwar an der Schweizer Börse in Zürich gehandelt, doch das Unternehmen gilt als eher klein, solide und gut geführt. Diese Attribute treffen auch auf viele kleine und mittlere Schweizer Unternehmen zu, die ebenfalls in einer Aktiengesellschaft organisiert sind – über 200 000 sind es aktuell. Die Titel dieser Firmen können rein theoretisch gehandelt werden.

Viele Aktien nicht an der Börse

Viele Unternehmen wollen das aber nicht, da sie in Privatbesitz sind und das auch so beibehalten wollen. Deshalb sind nur wenige an den zwei offiziellen Schweizer Börsen – der SIX Swiss Exchange in Zürich und der Berne Exchange in Bern – kotiert. In Zürich sind rund 300 Firmen gelistet; in Bern sind es rund 30, deutlich kleinere.

Neben den beiden genannten Börsen existieren in der Schweiz aber mindestens noch weitere 500 Firmen, deren Aktien von verschiedenen Banken ausserbörslich gehandelt werden. Genannt wird das ein «OTC-Markt», für «over the counter», was so viel bedeutet wie «über den Tresen». Diese Aktien werden abseits der zwei offiziellen Börsenplätze gehandelt. Für sie gibt es nicht einen einzigen Marktplatz, sondern mehrere – etwa wie bei Gebrauchtwagen. Den OTC-Handel teilen sich vier Banken: die Zürcher Kantonalbank, die Berner Kantonalbank, die Privatbank Lienhardt & Partner aus Zürich sowie – mit einem geringen Handelsvolumen – die Bank Bondpartners in Lausanne.

«Solide Firmen»

Die OTC- und die an der Berner Börse kotierten Titel werden gemeinhin Nebenwerte genannt, weil sie auf dem Kapitalmarkt als nicht so gross und damit nicht so wichtig wahrgenommen werden.

«Nebenwerte können eine Alternative zu Aktien grosser, börsenkotierter Firmen sein», sagt Thomas Brunner, Aktienhändler und Spezialist für Nebenwerte bei Lienhardt & Partner. «Ein Vorteil von Nebenwerten ist, dass die Kurschwankungen dieser Titel unter normalen Umständen weniger gross sind. Das gilt für Verluste, heisst aber, man lässt auch mal allfällige kurzfristige Gewinne aus», so Brunner. Der Aktienspezialist sieht Nebenwerte weiter als geeignete Möglichkeit, Investitionen zu diversifizieren – und vor allem, um längerfristig Geld anzulegen. Ein Beispiel sei etwa die Aktie der Wasserwerke Zug (WWZ), deren Wert in den letzen Jahren stetig zugenommen hat.

Nebenwerte sind laut Experte Thomas Brunner attraktiv, weil die Firmen, die die Papiere herausgeben, «in der Regel solide, bodenständige Geschäftsmodelle verfolgen, oft verbunden mit einer schönen Dividende». Diese Unternehmen würden sich nicht nur an kurzfristigen Quartalszahlen orientieren, so Brunner, sondern verfolgten eine langfristige Strategie.

Dies bestätigt Marc Possa, Partner der Zuger VV Vorsorge Vermögensverwaltung AG und Manager des Aktienfonds Saraselect: «Bei kleineren Gesellschaften hat es häufiger Ankeraktionäre, welche über Generationen als Eigentümer verantwortungsvoll und langfristig denken.» Für Possa sind Nebenwerte darum «auf alle Fälle» eine Alternative zu grossen, viel gehandelten SIX-Aktientiteln, sogenannten «Blue Chips». Die Titel rentieren laut dem Fondsmanager «langfristig durchschnittlich pro Jahr 4 Prozent mehr als Blue Chips».

Warum sind Nebenwerte nicht so stark von börslichen Turbulenzen betroffen? «Investoren in Nebenwerte sind ganz andere Leute als Personen, die in grosse, viel gehandelte Börsentitel investieren. Anleger in Nebenwerte sind langfristige Investoren, die von einem Geschäftsmodell, einem Produkt und den involvierten Führungspersonen überzeugt sind und das Geld auch mal liegen lassen», sagt Thomas Brunner. Ein weiterer Grund sei, dass viele dieser Titel in festen Händen sind, so Brunner. «Oft gehört mehr als die Hälfte der Aktien Familien, und diese kümmern sich nicht allzu sehr um den Kurs, sondern die wollen ein gesundes Unternehmen», erklärt Brunner. Marc Possa ergänzt: «Mangels der für institutionelle Anleger erforderlichen Liquidität werden viele dieser kleineren Werte vernachlässigt, somit kommt es auch nicht zu extremen ‹Hü-Hott›-Bewegungen wie bei Blue Chips.»

Liquidität als Knackpunkt

Ein Nachteil der Nebenwerte ist die von Possa angesprochene fehlende Liquidität. Um Nebenwerte kaufen zu können, muss immer ein Verkaufsangebot bestehen – momentan würde ein solches auf der Handelsplattform von Lienhardt & Partner etwa bei der Aktie der Lurag Luzerner Raststätte fehlen. «In der Regel besteht für private Investoren genügend Liquidität», sagt Marc Possa. Laut Thomas Brunner sind regionale Titel etwa der Rigi-Bahnen, der Pilatus-Bahnen oder der Auto AG Rothenburg weiter attraktiv, auch wenn sie inzwischen nicht mehr günstig zu haben sind.

In Willisau startete die «Ausserbörse»

rom. Der Handel mit nichtkotierten Aktien in der Schweiz hat eine historische Verbindung mit der Zentralschweiz. Dass der Handel mit Nebenwerten überhaupt eine Bedeutung besitzt, ist das Verdienst des früheren Börsenhändlers Meinrad Schnellmann aus Luzern. In den Siebzigerjahren riet dieser der Volksbank Willisau (die spätere Luzerner Regiobank), in den sogenannten «Over the counter»-Markt (OTC) einzusteigen. Bis zur Übernahme der Regiobank durch die Bank Valiant 2002 etablierte Schnellmann die «Ausserbörse» als sein Lebenswerk. Die Valiant wiederum wickelt seit Ende 2005 den OTC-Handel über die Internetplattform der Berner Kantonalbank (BEKB) ab. Heute teilt sich die BEKB das OTC-Geschäft mit drei anderen Anbietern.

Bild: Grafik Lea Siegwart / Neue LZ

Bild: Grafik Lea Siegwart / Neue LZ