Allein der Kunde bestimmt das Angebot   

Analyse zur Land- und Ernährungswirtschaft anlässlich der Fachtagung «Brennpunkt Nahrung» in Luzern.

Raphael Bühlmann
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Viele Labels versprechen viel: Konsumenten blicken jedoch kaum hinter die Nachhaltigkeitsversprechen. (Bild: Dominik Wunderli, 13. November 2019)

Viele Labels versprechen viel: Konsumenten blicken jedoch kaum hinter die Nachhaltigkeitsversprechen. (Bild: Dominik Wunderli, 13. November 2019)

Es ging ein Raunen durchs Publikum. Ein Fachpublikum, das, halb ungläubig ob der Ehrlichkeit des Referenten, halb amüsiert ab dessen Nonchalance, zu reagieren schien. Auf der Bühne an der Tagung «Brennpunkt Nahrung», dem bedeutendsten Anlass der Schweizer Land- und Ernährungswirtschaft in Luzern, stand Christian Consoni, Leiter der Lebensmittelindustrie beim Agrarkonzern Fenaco. Sich wohl nur unter Branchenkollegen wähnend, sprach der Fenaco-Mann offen aus, was einem aus der Nahrungsmittelbranche sonst nicht mal hinter vorgehaltener Hand zu Ohren kommt.

«Das Produkt muss nicht nachhaltig sein, nur für den Konsumenten muss es das sein – das ist immer noch ein Unterschied».

Eine Aussage, für die der ehemalige Ramseier-Chef intern vielleicht kritisiert wurde, für die ihm an dieser Stelle aber ein Kränzchen gewunden sei. «Das Produkt muss nicht nachhaltig sein, nur für den Konsumenten muss es das sein». Oder etwas drastischer formuliert: «Ihr kauft nicht das, was ihr zu kaufen glaubt». Doch nein, es soll weder Herrn Consoni noch der Fenaco oder anderen Akteuren der Nahrungsmittelindustrie Arglist unterstellt werden. Doch scheint der Graben zwischen Vorstellung und Realität auf unseren Tellern tatsächlich immer grösser zu werden. Die Veranstalter von «Brennpunkt Nahrung» jedenfalls haben den Widerspruch zum Thema gemacht. «Konsumenten im Dilemma: Wünsche – Werte – Wirklichkeit», so der Titel der diesjährigen Ausgabe. Dabei wurde vor allem diskutiert, wie mit der Diskrepanz umzugehen ist, nicht aber wie sie entsteht – vielleicht aus gutem Grund. Denn diese Auseinandersetzung ist wenig populär.

Sie gründet in grundsätzlichen Fragen wie: Wieso ist der Konsument im Dilemma? Wieso klaffen Wünsche, Werte und Wirklichkeit immer weiter auseinander? Einem möglichen Ansatz kommt man näher, geht man in der Fragestellung einen Schritt zurück. Wer bestimmt überhaupt, was eingekauft wird? Der Konsument mit dem Griff ins Regal oder doch der Handel mit dem, was er ins Regal stellt? Eigentlich ein klarer Fall. Gemäss Lehrbuch ist der Lebensmittelmarkt ein klassischer Käufermarkt, indem die Nachfrage das Angebot bestimmt. Wer also nicht feilbietet, was der Konsument kauft, verschwindet langfristig vom Markt. «Das letzte Wort hat der Konsument», bestätigte bei «Brennpunkt Nahrung» auch Othmar Hofer von der Migros. Ohne Zweifel also, alle Macht dem Kunden? Fast. In Luzern wollten nicht alle den Konsumenten in der Verantwortung sehen. Sophie Michaud Gigon spielte den Ball zurück zum Detailhandel: «Hätte die Migros keine Erdbeeren im Februar im Angebot, würde ich sie auch nicht kaufen». Die Westschweizer Konsumentenschützerin rechtfertigt ihren Kauf von Erdbeeren im Winter also einzig und alleine damit, dass diese auch im Winter verfügbar sind – eine etwas gar einfache Rechtfertigung für eine handlungsfähige Person, jedoch nachvollziehbar.

Als Konsumentenschützerin und frischgebackene Nationalrätin (Grüne) scheint es eben populärer zu sein, mit dem Finger auf wenige Grosskonzerne zu zeigen als auf Konsumenten und (Stimm-)Bürger. Und genau das trifft den Kern der Sache. Nicht nur Gigon proklamiert damit, dass der Konsument zwar hohe Ansprüche an sein Essen stellen darf, die Verantwortung dafür aber gerne delegieren kann. Eine für ein gesundes Verantwortungsbewusstsein zwar nicht akzeptable - für den viel beschäftigten Konsumenten aber zu verlockende Offerte. Zumal der Handel äusserst bereitwillig das Nachhaltigkeitsdenken für seine Kundschaft übernimmt. Die Flut an Nachhaltigkeits-Labels der vergangenen Jahre ist nur ein Ausdruck davon. Und obschon der Konsument den Überblick längst verloren hat, überbietet sich der Handel noch immer fast wöchentlich mit neuen Tierschutz-, Öko- oder sonstigen Produkt-Auszeichnungen. In den in der Schweiz am weitesten verbreiteten Zeitungen – der Coop-Zeitung und dem Migros-Magazin – machen uns die Detailhändler die neuesten Versprechen, noch nachhaltiger zu werden. Bilder von glücklichen Schweinen, Kühen und Bauern sollen dabei vor allem noch mehr Kunden in den Laden locken.

Bilder, denen die moderne, auf Versorgungssicherheit ausgelegte Land- und Ernährungswirtschaft aber kaum mehr gerecht werden kann. Und genau hier entsteht der Graben zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Der Konsument kauft ein Label, weil er damit bestimmte Bilder assoziiert - die Wirklichkeit ist schwieriger zu verkaufen. Es ist eben effizienter, ein Produkt nachhaltig zu präsentieren als zu produzieren.