Alstom
Alstom: Da waren es noch 190 Stellen

Die Salami-Taktik der Alstom-Spitze scheint aufzugehen. Im letzten Oktober verkündete der Industriekonzern den Abbau von 760 Stellen an den Standorten in Baden und Birr AG. Nun sollen nur noch 190 Mitarbeiter betroffen sein.

Sven Millischer
Merken
Drucken
Teilen

Keystone

Was folgte, war ein Aufschrei der Gewerkschaften und ein Braindrain im Betrieb: Firmen wie der Stromversorger Axpo bedienten sich im Heer der unzufriedenen Fachkräfte. Begehrte Ingenieure stimmten so flugs mit ihren Füssen ab, während anderen der Austritt mehr oder minder subtil nahegelegt wurde.

Mit der Konsequenz, dass Alstom im Frühling verkünden konnte: Statt 760 würden «nur» 445 Stellen abgebaut. Dies dank bereits eingeleiteten Massnahmen wie «internem Stellenwechsel, Kurzarbeit, Nutzung der natürlichen Fluktuation und vorzeitiger Pensionierung». Damals hiess es, die vom Abbau betroffenen Mitarbeiter würden bis im April informiert. Doch einmal mehr kam alles anders.

Anfang Monat berichtete Radio DRS, dass nur noch 350 Entlassungen geplant seien. Man habe dies «intern» so kommuniziert, bestätigt Alstom-Sprecher Daniel Schmid den Radiobericht. Nun zeigt sich, dass die Zahl abermals nach unten korrigiert werden muss. Gemäss dem internen Personalvertreter Martin Leeser sind lediglich 190 Mitarbeiter «at risk», müssten also möglicherweise mit dem blauen Brief rechnen. Davon unterliegen 165 Angestellte dem Gesamtarbeitsvertrag (GAV) und 25 gehören dem Kader an. Die Differenz zu den bislang kommunizierten 350 Stellen erklärt sich Leeser ebenfalls mit Massnahmen wie natürlicher Fluktuation, internen Stellenwechseln und Frühpensionierungen. Allerdings sei es für eine endgültige Abbauzahl zu früh: «Wir haben noch nicht alle Kündigungslisten erhalten», so Leeser.

Weiterhin 85 offene Stellen

Alstom-Sprecher Schmid bekräftigt indes, dass die ersten Kündigungen Ende Monat ausgesprochen würden: «In den kommenden Wochen werden mit allen betroffenen Mitarbeitenden Gespräche geführt.»

Wie viele Alstom-Mitarbeiter werden also letztlich den blauen Brief erhalten? Darüber mochten weder Schmid noch Arbeitnehmervertreter Leeser spekulieren. Fest steht jedoch, dass bei Alstom Schweiz nach wie vor 85 offene Stellen zu besetzen sind, hauptsächlich in der Hydro-Sparte und im Service-Geschäft.

Spürt der französische Industriekonzern die Energiewende nach Fukushima also bereits in seinen Auftragsbüchern? Der zukünftige Energiemix werde – wie man den Medien entnehmen könne – in vielen Ländern auf politischer Ebene diskutiert, erklärt Alstom-Sprecher Schmid sibyllinisch. Mit anderen Worten: Ein Nachfrageschub für Turbinen aus Schweizer Produktion lässt weiter auf sich warten. Dennoch versprüht die Führungsspitze in Paris bereits wieder Optimismus – auch in der von der Rezession besonders gebeutelten Energiesparte. So verbuchte der französische Industriekonzern im zweiten Halbjahr 2010/11 deutlich mehr Neuaufträge (plus 5 Prozent), insbesondere auch aus aufstrebenden Schwellenländern wie China. Dort also spielt die Musik, sodass Alstom alleine im letzten Jahr über 500 Millionen Euro in den BRIC-Staaten investiert hat. Vornehmlich zur Modernisierung der dortigen Standorte und zur Weiterentwicklung der industriellen Anlagen.

Ob von dieser Entwicklung Alstom Schweiz profitieren wird, ist offen. Aufschluss gibt wohl die Reorganisation der Kraftwerksparte. Sie wird in gut einem Jahr abgeschlossen sein und sieht vor, dass sich
die hiesige Ländergesellschaft auf das Gas-Kombi-Geschäft beschränkt, während die Deutschen auf konventionelle Kraftwerke und die Franzosen auf die Nuklearsparte fokussieren. Gleichzeitig werden die Märkte in Verkauf und Vertrieb geografisch neu definiert. Pure Reissbrettplanung, heisst es dazu hinter vorgehaltener Hand.