Industrie
Alstom Schweiz fehlt es an Rückhalt in Paris

Ohne Schweizer in der Geschäftsleitung gerät der hiesige Werkplatz im französischen Konzern zunehmend ins Hintertreffen.

Sven Millischer
Merken
Drucken
Teilen

Bereits im Sommer warnte Alstom-Schweiz-Chef Andreas Koopmann im Interview mit der az: «Meine grösste Sorge ist nach wie vor, dass der Abschwung so tief ausfällt, dass wir doch noch Mitarbeiter entlassen müssen.» Nun also ist der Worst Case für den französischen Spätzykliker eingetreten.

Im Gegensatz zum klassischen Maschinenbauer spürt Alstoms Power-Sparte – also das Geschäft mit Kraftwerken und Anlagen – erst mit 12 bis 18 Monaten Verzögerung die Krise. Und dabei handelt es sich um einen Abschwung, der 2009 zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg den weltweiten Stromverbrauch hat sinken lassen.

Energieversorger lassen sich Zeit

Gleichzeitig wurden in den Boomjahren zuvor Kraftwerkskapazitäten aufgebaut, die nun mit Unterlast fahren. In der Konsequenz schubladisieren die Elektrizitätsunternehmen in den Industriestaaten ihre neuen Projekte oder zögern diese möglichst lange hinaus: Der Druck auf die Energieversorger, jetzt zu investieren, sei gering, sagt CS-Analyst Reto Hess. «Wir sprechen hier von sehr langen Zyklen: Ein Kraftwerk hat eine durchschnittliche Lebensdauer von 40 bis 60 Jahren.» Da sei eine Verschiebung um ein, zwei Jahre eben nicht matchentscheidend. Alstom dagegen trifft diese Bestellflaute empfindlich: So sind die Aufträge beim französischen Industriekonzern im abgelaufenen Geschäftsjahr 2009/10 um knapp 40 Prozent eingebrochen.

Mit der sinkenden Nachfrage nimmt auch der Preisdruck zu. Alstom rechnet deshalb damit, dass in den nächsten zwei Jahren die Mar-gen um ein bis zwei Prozentpunkte sinken werden. Nicht zuletzt, weil Alstom aus Asien neue Konkurrenz erwächst. Dort, wo der Nachholbedarf in der Energieinfrastruktur am höchsten ist.

Scharfer Wettbewerb in Asien

In China geht zwar praktisch jede Woche ein neues Kohlekraftwerk ans Netz, aber zunehmend aus einheimischer Fabrikation. Auch plant Harbin Power, der grösste chinesische Hersteller von Kraftwerken, offenbar den Markteintritt in Indien. In den Schwellenländern öffnet sich für Alstom so zunehmend die Kostenschere, da der Industriekonzern für jene Märkte noch immer relativ viel in Europa fertigt.

Gleichzeitig hat Alstom Zukunftstechnologien wie Windkraftturbinen verschlafen, die dank kräftiger Subventionen auch auf dem Alten Kontinent gefragt sind. Dies beweist Konkurrent Siemens eindrücklich, während Alstom nun mit viel Aufwand den Rückstand aufzuholen versucht. All diese Faktoren führten dazu, dass die Franzosen schon im letzten Jahr auf die Sparbremse treten mussten und über den Abbau von Temporärjobs und natürliche Fluktuation 5000 Stellen strichen. Nun also folgt ein weiterer Aderlass, mit dem der französische Konzern gemäss Analystenmeinungen zwischen 200 und 250 Millionen Euro einsparen dürfte.
Bis März 2012 sollen konzernweit 4000 Jobs wegfallen, davon 750 in der Schweiz. Damit trägt die hiesige Landesgesellschaft in der laufenden Restrukturierung die Hauptlast.

Schweiz trägt Hauptlast

Was sind die Gründe? Erstens ist da der starke Franken. Über 90 Prozent der Produkte von Alstom Schweiz gehen in den Export. Damit haben sich die Kraftwerkturbinen – fabriqué en Suisse – in den letzten Monaten gegenüber den Leitwährungen massiv verteuert. Gleichzeitig muss Alstom Schweiz gegenüber dem Konzern höhere interne Kosten ausweisen, denn dieser rechnet in Euro ab. Zweitens kennt die Schweiz einen vergleichsweise liberalen Kündigungsschutz: Während sich in Frankreich oder Deutschland die Betriebsräte gegen einen drohenden Abbau stemmen können, sind die Gewerkschaften hierzulande vor allem um die soziale Abfederung besorgt. Dies dürfte den Abbau-Entscheid ebenfalls beeinflusst haben.

Und drittens hat der Werkplatz Schweiz innerhalb des Konzerns an Rückhalt verloren und gerät zunehmend ins Hintertreffen. Zwar ist die Kraftwerksparte in Baden situiert und steuert als Alstom Power zwei Drittel zum Gesamtumsatz bei, doch fehlt der direkte Draht nach Paris. Mit der Reorganisation im letzten Frühjahr wurden die beiden Bereiche Power Systems und Power Service zur Power-Sector-Sparte verschmolzen. Und damit verlor der damalige Schweiz-Chef und heutige Verwaltungsratspräsident der Schlatter Group, Walter Gränicher, auch seinen Posten in der Konzernleitung.

Landeschef als Teilzeitjob

Auf ihn folgte als Chef des neuen Power Sector der Franzose Philippe Joubert. Ein klassischer Alstom-Konzern-Mann, bei dem der obligate Abschluss einer französischen Eliteschule nicht fehlt, der aber null Bezug zur Schweiz hat. Die Rolle des neuen Landes-Chefs kommt seither Andreas Koopmann zu – aber eben nur im Teilzeitmandat. Schliesslich sitzt der joviale Koopmann noch
in den Verwaltungsräten von Nestlé, Credit Suisse und im Industrieverband Swissmem. Da bleibt wenig Zeit für Alstom Schweiz.