ALTERSVORSORGE: Die Börse hat Nebenwirkungen

Über ein Viertel des Pensionskassen-kapitals ist in Aktien angelegt. An den Börsen häufen sich indes die Taucher. Kann das die künftigen Renten nach unten ziehen?

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Sicher im Ruhestand: Wie wirkt sich die 
Entwicklung an den Börsen auf die Rente aus? (Bild: Getty)

Sicher im Ruhestand: Wie wirkt sich die Entwicklung an den Börsen auf die Rente aus? (Bild: Getty)

RAINER RICKENBACH

Der Publizist und Buchautor Werner Vontobel liess diese Woche in seiner Kolumne auf «Cash online» so richtig Dampf ab. «Die Rente wird zur Lotterie», schreibt er. «Wer zur richtigen Zeit pensioniert wird, gewinnt. Ist das der Sinn der Sache?» Mit «der Sache» meint er die kapitalgedeckte Altersvorsorge der Pensionskassen. Und die Sinnfrage ist wohl eher dem gelungenen Text­ende als einer schlüssigen Antwort geschuldet.

Was ist, wenn die Börse taucht?

Vontobel meint zwar mit der Lotterie das Zusammenspiel der Generationen bei der kapitalgedeckten Vorsorge. Er kritisiert allerdings auch die unschönen Nebenwirkungen der nach Rendite lechzenden Sparsummen rund um den Globus, die in die Billionen gehen. Allein in der Schweiz verwalten die Pensionskassen zusammen mehr als 700 Milliarden Franken.

Trotzdem: Wirken sich die schwer berechenbaren Kapitalströme auch kurzfristig auf die Renten aus? Hatte zum Beispiel ein Neurentner im Jahr 2008 demnach einfach Pech, als er mitten in der Finanzkrise seinen Arbeitsplatz räumte? Als die geplatzte Immobilienblase in den USA eine atemberaubende Talfahrt an den Börsen rund um den Globus auslöste und die Aktien Ende des Jahres fast 16 Prozent weniger wert waren?

Die Neurentner trifft es nicht

Diese Frage ist ein Dauerbrenner. Schliesslich haben die Schweizer Pensionskassen mehr als einen Viertel ihres gesamten Sparkapitals in Aktien angelegt (siehe Grafik) die Tendenz ist wegen des momentan grassierenden Anlagenotstandes weiter steigend. Die Börsen geraten aber seit dem vergangenen Herbst immer öfter wieder ins Wanken.

André Wyss ist Geschäftsführer für die berufliche Vorsorge bei der un­abhängigen Beratungsfirma S&P Life and Pension in Kriens und gibt Entwarnung, was die einzelnen Versicherten angeht. «Eine allfällige Finanzkrise hat keinen direkten Einfluss auf die in Aussicht gestellten Rentenleistungen», sagt der Pensionskassenfachmann. «Dem Altersrentner stehen ab seinem Pen­sionierungsdatum unabhängig von Börsenturbulenzen seine gesamten Ersparnisse zur Verfügung. Entweder als Rente, Kapitalbezug oder in einer Kombination von beidem.»

Mindestzins hat mehr Einfluss

Wyss hat es am Beispiel der Finanzkrise von 2008 nachgerechnet. Die Ausgangslage: 500 000 Franken Sparkapital, ein Viertel davon in Aktien angelegt und ein Umwandlungssatz von 6 Prozent. Im Jahr vor der Finanzkrise, als die Börse noch boomte, kam ein Neurentner der gleichen Voraussetzung auf eine Pensionskassenjahresrente von 30 750 Franken. Im Krisenjahr 2008 waren es 30 825 Franken. Und zwei Jahre später, als sich die Aktien schon wieder erholt hatten, waren es 30 600 Franken.

Selbst die geringen Abweichungen haben ihre Ursache nicht in den Börsenkursen, sondern im obligatorischen Mindestzinssatz, den der Bundesrat Jahr für Jahr neu festlegt. Dieser Wert lag auf dem Höhepunkt der Finanzkrise bei 2,75 Prozent. Heute ist er 1 Prozent tiefer. «Die Leistungen der Vorsorgeeinrichtungen an die Neurentner werden jeweils bis zur effektiven Pensionierung mit dem vorgegebenen Zinssatz verzinst», erläutert Wyss.

Wer in ein paar Monaten seinem Arbeitsplatz für den Rest des Lebens den Rücken kehrt, kann also Kapriolen an den Börsen mit Gelassenheit mitverfolgen. Selbst wenn der Aktienanteil bei seiner Pensionskasse über 25 Prozent liegt (bis zu 50 Prozent sind erlaubt). Viel wichtiger für die Höhe künftiger Renten ist der Mindestzinssatz von heute 1,75 Prozent.

Vermögen und Leistung

Das mag sich anhören, als kämen die Einrichtungen der beruflichen Vorsorge einer eierlegenden Wollmilchsau gleich. Das sind sie aber selbstverständlich nicht. Wenn sich an den Finanzmärkten wieder einmal Milliarden einfach in Luft auflösen, haben zwar nicht die Einzelversicherten, wohl aber die Pensionskassen als kollektive Spareinrichtung den Schaden zumindest kurzfristig. Denn ihr Gesamtkapital schrumpft und mit ihm auch die Fähigkeit, den künftigen Versprechungen nachzukommen. Man spricht dann von einem zu tiefen Deckungsgrad.

Bei diesem handelt es sich indes um einen rein theoretischen Wert: Sackt dieser zum Beispiel auf 90 Prozent ab, wäre die Kasse nicht mehr in der Lage, für 10 Prozent ihrer sämtlichen künftigen Renten- und Kapitalauszahlungspflichten nachzukommen. Eine Situation, in der sich eine Pensionskasse allerdings nur in einer extremen Ausnahmesituation befindet.

Von entscheidender Bedeutung ist viel mehr das Verhältnis zwischen Kapitalisierung (Deckungsgrad) und den zu erwartenden Verpflichtungen (technischer Zinssatz). Dank der zurückliegenden drei, vier Boomjahre an den Börsen gelang es den meisten Pensionskassen der Privatunternehmen, sich ein kleines Polster von 10 bis teilweise 20 Prozent zuzulegen (Schwankungsreserven).

Berufstätige zahlen Sanierung

Ist der Deckungsgrad indes zu tief, müssen die Versicherten, die arbeiten und Beiträge entrichten, die eingebrockte Suppe auslöffeln. Sie zahlen dann nebst den ordentlichen Kassenabgaben Sanierungs- und Reservenbeiträge obendrauf. Und weil die durchschnittliche Lebensdauer nach wie vor am Wachsen ist, müssen die heutigen Beitragszahler später mit weniger Kassenrente auskommen (tieferer Umwandlungssatz).

So betrachtet, macht Vontobels Feststellung durchaus Sinn: Wer zur richtigen Zeit in Rente geht, ist der Gewinner. Denn die heutigen Pensionäre werden in der Regel bei Kassensanierungen nicht mehr zur Kasse gebeten. Sie dürfen sich aber auch keine Hoffnungen auf Rentenerhöhungen machen.

So legen die Pensionskassen die Sparvermögen an. (Bild: Grafik: Janina Noser)

So legen die Pensionskassen die Sparvermögen an. (Bild: Grafik: Janina Noser)