ALTERSVORSORGE: Flexibler Rententeil soll Kassen helfen

Für die Pensionskassen war 2012 ein gutes Jahr. Doch weil das ihre Probleme nicht löst, gehen grössere Kassen neue Wege.

Rainer Rickenbach
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Die Rentenbezüger der Pensionskassen werden von den jüngeren Beitragszahlern mitfinanziert. (Bild: Themenbild Philipp Schmidli / Neue LZ)

Die Rentenbezüger der Pensionskassen werden von den jüngeren Beitragszahlern mitfinanziert. (Bild: Themenbild Philipp Schmidli / Neue LZ)

So viel Geld haben die Pensionskassen an den Märkten schon lange nicht mehr erwirtschaftet. Durchschnittlich 7,2 Prozent Rendite fuhren die Vorsorgeeinrichtungen im guten Börsenjahr 2012 ein. Das spülte Geld in ihre Kassen: Der Deckungsgrad bei den privatrechtlichen schnellte gemäss Berechnungen von Swisscanto von 103 auf 109 Prozent in die Höhe. Bei den staatsnahen erhöhte er sich von 95 punktgenau auf 100 Prozent (siehe Box).

Zu früh für eine Entwarnung

Ist das endlich die Wende? «Man sollte sich von einem einzigen Börsenjahr nicht täuschen lassen. Auf den Pensionskassen lastet nach wie vor ein starker Druck», sagt Othmar Simeon, Leiter Personalvorsorgeberatung bei der Swisscanto-Gruppe. «Da der Umwandlungssatz politisch blockiert ist, müssen sich viele Kassen etwas einfallen lassen, um finanziell gesund zu bleiben.»

Mehr und mehr lassen sich etwas einfallen. Die Schockstarre nach dem überwältigendem Nein der Stimmberechtigten zu einem tieferen Umwandlungssatz vor drei Jahren hat sich gelöst, die grösseren Kassen bewegen sich. Die meisten haben den Umwandlungssatz, der für die Höhe der Rente massgebend ist, über den überobligatorischen Bereich gesenkt. Dort haben sie die Freiheit, diesen Satz nach eigenem Gutdünken festzulegen. Die 6,8 Prozent, um die vor drei Jahren gefeilscht wurde, sind nur für den obligatorischen Bereich – den Minimalstandard – massgebend.

SBB prüfen flexiblen Rententeil

Bei der SBB-Pensionskasse liegt der Umwandlungssatz für Neurentner seit dem vergangenen Jahr bei tiefen 5,848 Prozent. Doch das reicht noch immer nicht, um die Vorsorgeeinrichtung mit ihren 56 000 Mitgliedern finanziell abzusichern. Der Stiftungsrat überlegt sich darum, einen variablen Rententeil einzuführen. Der funktioniert so: Ein kleiner Teil der Rente (Zusatzrente) richtet sich danach, wie es der Kasse finanziell geht. Geht es ihr gut, erhalten die Pensionierten die Zusatzrente voll ausbezahlt. Geht es ihr blendend, gibt es sogar einen Rentenzustupf. Geht es ihr aber schlecht, erhalten sie nur einen Teil der Zusatzrente oder gar nichts davon. Der grösste Teil der Rente bleibt indes unantastbar und wird als Sockelrente ausbezahlt (siehe Grafik).

Umverteilung von Jung zu Alt

«Wir können nicht genügend Erträge aus unserem Anlagevermögen erwirtschaften, um die heutigen Renten zu finanzieren. Als Folge davon erhalten die jüngeren Beitragszahler nicht die Verzinsung, die ihnen eigentlich zusteht. Krass ausgedrückt, wird die junge Generation heute kalt enteignet», sagt Markus Hübscher, Geschäftsleiter der SBB-Pensionskasse.

Seit Jahren ist bei der beruflichen Vorsorge eine Umverteilung von Jung zu Alt im grossen Stile im Gang. Experten nennen Zahlen von 3 bis 8 Milliarden Franken, die in der Schweiz jährlich den Arbeitstätigen entgehen und den mit zu hohen Rentenversprechen in Pension geschickten Rentnern zugute- kommen. Die Zusammensetzung der SBB-Pensionskasse zwingt die Kassenverantwortlichen, den Stiftungsrat, geradezu zum Handeln: Die Hälfte der Mitglieder ist bereits in Rente. Ihnen gehören 60 Prozent des Kassenvermögens in der Höhe von 15 Milliarden Franken.

Ein Beitrag der Rentenbezüger

Die Erwerbstätigen sehen sich nicht nur um einen Teil der Zinsen gebracht, sie müssen nebst dem ordentlichen Kassenbeitrag auch noch 2,5 Lohnprozente Sanierungsbeiträge für die vor ein paar Jahren ins Schlingern geratene SBB-Kasse aufbringen. «Es ist nicht fair, wenn die Jüngeren alle Sanierungslasten tragen, während die Rentner höchstens auf die Teuerung zu verzichten haben. Mit einem variablen Rententeil würden auch sie zur finanziellen Gesundung einer Kasse beitragen», sagt Hübscher.Noch ist der variable Rententeil bei der SBB-Vorsorgeeinrichtung nicht beschlossene Sache. Die Details sind noch nicht bekannt. Gelten würde er ohnehin nur für diejenigen, die neu in Rente gehen. Für die heutigen Rentner ändert sich nichts. Der Stiftungsrat entscheidet voraussichtlich im Juni.

Swisscom, Post und Publica

Zusatzrentenmodell-Pionierin ist die Pensionskasse von PricewaterhouseCoo­pers. Die Kasse führte das System vor acht Jahren ein, die variable Zusatzrente macht dort 12 Prozent der Gesamtrente aus (Grafik). Zurzeit steuern die über 50 Pensionierten des Unternehmens 2 Prozent ihrer Kassenrente zur Stabilität der Pensionskasse bei.

Als unsere Zeitung das Modell des Unternehmens für Wirtschaftsprüfung, Steuer- und Unternehmensberatung im vergangenen Jahr vorstellte, war es noch allein auf weiter Flur. Heute jedoch ist ihr Kassen-Geschäftsführer Josef Bachmann ein gefragter Ratgeber. Denn nicht nur die SBB, sondern auch viele andere grosse Kassen mit hohem Rentneranteil machen sich Gedanken über die Einführung eines flexiblen Rententeils. Die Vorsorgestiftung PKE der Energiebranche hat die Einführung für das kommende Jahr bereits beschlossen. Bei der Swisscom, der Post und der Publica (Bundesangestellte) ist das Modell im Stiftungsrat zumindest ein Thema. Im überobligatorischen Bereich braucht es dafür keine Gesetzesänderung.

Sammelkassen: Wenig Spielraum

Die grossen Kassen mit so genannten umhüllenden Leistungen sind in der Lage, über ihren ausgebauten überobligatorischen Teil Umwandlungssätze zu senken oder variable Rententeile einzuführen. Den Sammelstiftungen, die zahlreiche KMU ohne eigene Pensionskasse versichern, bietet sich dafür hingegen wenig Spielraum. Denn deren gewählte Altersvorsorge deckt oft nur das BVG-Obligatorium ab. «Da müssen wir die Minimalvorgaben des Gesetzes zur beruflichen Vorsorge einhalten. Uns sind in diesen Fällen trotz guten Leistungsangeboten die Hände gebunden», sagt Jean Wey. Er ist Geschäftsleiter der Sammelstiftung PKG, der 1400 KMU mit 25 000 Beitragszahlern und 2500 Rentnern angeschlossen sind. Wey: «Solange die Politik die längst erkannten strukturellen Probleme der beruflichen Vorsorge nicht anpackt, ändert sich daran nichts.»