ALTERSVORSORGE: Neue Wege gegen leere Kassen

Die Pensionskassen ziehen die Handbremse. Neurentner müssen sich mit einem tiefen Umwandlungssatz zufriedengeben. Das müsste nicht sein.

Rainer Rickenbach
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Obwohl der gesetzliche Mindestsatz von 6,8 Prozent gilt, finden viele Versicherte auf ihren Pensionskassenausweisen tiefere Umwandlungssätze. Das spürt man im Portemonnaie. (Bild: Archiv LZ)

Obwohl der gesetzliche Mindestsatz von 6,8 Prozent gilt, finden viele Versicherte auf ihren Pensionskassenausweisen tiefere Umwandlungssätze. Das spürt man im Portemonnaie. (Bild: Archiv LZ)

Rentner finanzieren die AHV auch ohne Lohnprozente mit. Denn fast jeder fünfte Franken der AHV-Einnahmen stammt aus Steuereinnahmen des Bundes. Die rund zwei Millionen Pensionierten leisten über die direkte Bundessteuer und die Mehrwertsteuer einen respektablen Beitrag zum eigenen Ruhestandsgehalt. Anders sieht es hingegen bei der Pensionskasse aus: Wer bei ihnen einmal das Rentenalter erreicht hat, dem droht höchstens die Streichung des Teuerungsausgleiches. Eine Massnahme, die in Zeiten der Negativteuerung ohnehin nicht von Belang ist.

Rentner helfen bei der Sanierung

Selbst wenn die Pensionskassen noch so sehr in finanzielle Schieflage geraten – Sanierungsbeiträge sind Sache der berufstätigen Versicherten. Die Renten anzutasten ist ein Tabu. Diese Ausgangslage trägt wesentlich zur Umverteilung von den Betragszahlern in Richtung der Pensionierten in der zweiten Säule bei. Die Altersvorsorge-Spezialisten der Credit Suisse rechneten aus, 2010 sei so in der Schweiz 1 Milliarde Franken umverteilt worden. In einer Einrichtung, in der anders als bei der AHV eigentlich jeder für sich selbst vorsorgen sollte. Das eigene angesparte Kapital – und nur das – müsste nach dem letzten Arbeitstag einen festen Bestandteil des Renteneinkommens bilden.

«Wir plädieren dafür, die Rente in einen Sockelbetrag und einen variablen Teil zu unterteilen. Ist die Rendite an der Börse ungenügend, wird der variable Teil gekürzt. So leisten auch die Rentner einen Beitrag zu einer finanziell gesunden Kasse und die unergiebige Diskussion um den Umwandlungssatz liesse sich wesentlich entschärfen», sagt Jérôme Cosandey, Rentenspezialist bei der Denkfabrik Avenir Suisse. Die vor Jahren freigiebig zugestandenen, zu hohen Umwandlungssätze sind für die Pensionskassen heute ein Problem. Sie zahlen drauf. Bloss: Ist ein Rentenopfer zumutbar? Bei der Pensionskasse der PricewaterhouseCoopers (PwC) kennt man bereits seit acht Jahren ein Rentenmodell, das die Pensionierten an Erfolgen und Misserfolgen der Pensionskasse beteiligt. Ein Sturm der Entrüstung unter den Neurentnern blieb bei dessen Einführung aus. «Klar ist niemand begeistert, wenn er auf einen Teil der Rente verzichten muss. Doch es herrscht viel Verständnis. Alle sahen ein, dass auch sie einen Beitrag für eine finanziell gesunde Pensionskasse leisten sollten. Man fand, das sei fair», sagt Josef Bachmann, Pensionskassengeschäftsführer beim Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen.

So funktioniert der Renten-Splitt von PwC: 12 Prozent des Renteneinkommens sind variabel. Sie richten sich danach, wie gut oder schlecht die Pensionskasse dran ist. Die übrigen 88 Prozent sind fix. Gegenwärtig verzichten die Ruheständler auf 2 der variablen 12 Prozent. Bei einer Jahresrente von insgesamt 25 600 Franken macht das 457 Franken aus, die ihnen entgehen. Damit sich die Rentner auf Veränderungen einstellen können, fallen Bewegungen im variablen Teil höchstens in 2-Prozent-Schritten aus, und neu festgelegt werden sie nur alle drei Jahre. Da sich der variable Teil nur über den überobligatorischen Bereich erstreckt, sind dazu keine neuen Regeln nötig. Allen Kassen mit einer umhüllenden Leistung – das sind die meisten – bietet sich die Möglichkeit, ein solches Modell einzuführen.

Besser variabel als immer weniger

Geschäftsführer Bachmann hat das Modell dem Bundesamt für Sozialversicherungen erläutert, als die Beamten Ideen für die Zukunft der zweiten Säule sammelten. Dort stiess das Modell auf Anklang, doch die BVG-Kommission verwarf es, ohne sich darüber richtig zu informieren. «Ich würde es gerne Bundesrat Alain Berset vorstellen. Denn der variable Rententeil ist nicht nur ein geeignetes Schlecht-Wetter-, sondern auch ein Gut-Wetter-Modell. Irgend einmal steigen die Zinsen wieder», sagt Bachmann. In der Tat: Auch wenn im Moment gute Renditen für die Kassen noch Jahre entfernt zu sein scheinen, stellt sich Frage, ob die Neurentner der nächsten Jahre mit ihren gestutzten Umwandlungsquoten nicht zu den Verlierern zählen. Denn die Rentenhöhe gilt grundsätzlich bis ans Lebensende, egal ob die Pensionskassen schlecht oder gut rentieren.

Obwohl der gesetzliche Mindest-Umwandlungssatz von 6,8 Prozent gilt, finden viele Versicherte auf ihren Pensionskassenausweisen tiefere Umwandlungssätze. Wie ist das möglich? Für den obligatorischen Versicherungsteil (versicherter Lohn bis 84 240 Franken abzüglich dem Koordinationsabzug von 24 570 Franken) gelten zwar die politisch heiss umstrittenen 6,8 Prozent. Für den überobligatorischen Versicherungsteil (versicherte Einkommen, die darüber liegen) aber kann die Kasse den Umwandlungssatz auch darunter festlegen.

Die Umwandlungssätze purzeln

Von dieser Möglichkeit machen die meisten Kassen Gebrauch. Die Luzerner Sammelstiftung PKG etwa senkt ihren Satz in den nächsten paar Jahren schrittweise von 6,8 auf 6,4 Prozent – und steht damit immer noch vergleichsweise passabel da. Die NZZ-Pensionskasse ist schon heute bei einem Umwandlungssatz von nur 5,9 Prozent angelangt. Die SBB senkten sogar auf 5,8 Prozent. Und vor wenigen Tagen meldete die Publica, die grösste Pensionskasse der Bundesangestellten, sie gehe mit dem Umwandlungssatz in einem Jahr auf 5,65 Prozent. Bei Publica sind über 100 000 Beitragszahler und Rentner angeschlossen, diese Vorsorgeeinrichtung gilt vor allem bei den öffentlich-rechtlichen Kassen als Trendsetterin. Der Umwandlungssatz-Durchschnitt beträgt gemäss einer Swisscanto-Studie immerhin noch 6,6 Prozent (Männer).

Erfolgsbeteiligung für die Rentner

«Wer nun mit einem tiefen Umwandlungssatz in Rente geht, verlangt verständlicherweise eine höhere Rente, sobald die Zinsen wieder steigen und für die Pensionskassen bessere Renditen abwerfen», sagt Bachmann. Mit einem variablen Rententeil wäre vorgesorgt, er ist nämlich nicht nur gegen unten flexibel, sondern auch gegen oben. Bei der PwC etwa erhielten die Neurentner ab 2008 drei Jahre lang einen Zustupf von 2 Prozent auf ihre volle Rente. Ihre Pensionskasse war in den Vorjahren in blendender Verfassung.