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ALTERSZENTREN: «Organisation ist heute starr»

Private Betreiberketten investieren in der Region. Was bedeutet das für die Heime der Gemeinden? Ein erfahrener Sozialpolitiker sieht Handlungsbedarf.
Interview Rainer Rickenbach
Ein Paar verlässt den Speisesaal der Altersresidenz Tertianum Huob im Kanton Schwyz. (Bild: Keystone / Geatan Bally)

Ein Paar verlässt den Speisesaal der Altersresidenz Tertianum Huob im Kanton Schwyz. (Bild: Keystone / Geatan Bally)

Ruedi Meier, würden Sie Ihre betagte Mutter dem Alters- und Pflegeheim einer privaten Betreiberkette anvertrauen?

Ruedi Meier*: Nun, meine Mutter traf die Auswahl selber. Ich würde ihr aber sicher nicht von einer privaten Betreiberkette abraten, denn ihre Angebote sind gut, wertvoll und unterscheiden sich nur im Bereich des Pensionsangebots von den andern. Meine Mutter wohnt allerdings in einem städtischen Heim.

Mit Senevita kommt die zweite grosse private Betreiberkette von Alterszentren in die Zentralschweiz. Was bedeutet das für die stark wachsende Altersgruppe von 80 plus?

Meier: Für sie bedeutet es zusätzliche Wohn- und Pflegeangebote. Aus Sicht der Bevölkerung und der für die Pflegeversorgung zuständigen Kantone und Gemeinden ist das zu begrüssen. Zudem rücken das selbstständige Wohnen und die Dienstleistungen unkompliziert zusammen: Die Bewohnerinnen und Bewohner können von Betreuung, Gastronomie, sozialen Anlässen und vor allem von der Pflege Gebrauch machen, wenn sie das wünschen oder wenn es nötig ist. Dieses Konzept ist die Richtschnur für die künftige Alters- und Pflegepolitik.

Den älteren Menschen bietet sich eine steigende Heim-Auswahl. Wie unterscheiden sich die privaten und öffentlich-rechtlichen Alterswohnungen?

Meier: Eines ist sicher: Die alten Menschen begrüssen es, wenn sie eine Auswahl haben. Es gibt private Angebote, die setzen einen starken Akzent im Servicebereich und schaffen eine sogenannte Residenzkultur. Ihr Preissegment ist für den grössten Teil der Bevölkerung unerschwinglich. Doch die Entwicklung der bestehenden öffentlichen und privaten Alterswohnungen und Pflegeheime muss in diese Richtung gehen. Denn das Bedürfnis nach selbstständigem Wohnen mit Zugang zu Dienstleistungen steigt.

Wie unterscheiden sich die privaten Betreiberketten in der Pflegeabteilung von der anderen Pflegebetreuung?

Meier: Es sind vor allem die Gemeinden oder Kantone und die Krankenversicherungen, welche die Pflege finanzieren. Was die Pflegequalität anbelangt, so haben die Betreiber den gesetzlichen Auftrag, für eine gute Qualität zu sorgen und sie auch zu kontrollieren. Das gilt für die privaten Heime genauso wie für die öffentlichen.

Der Luzerner Stadtrat hat vor, die städtischen Heime in eine Aktiengesellschaft zu überführen. Warum?

Meier: Die Organisation als städtische Dienstabteilung ist zu starr. Für ein grösseres Projekt etwa braucht es allein drei Durchgänge beim Stadtrat, der Parlamentskommission und dem Grossen Stadtrat, bis es realisiert ist.

So geraten die städtischen Heime bei den Investitionen in Rückstand?

Meier: Zwar sind die städtischen Heime momentan in einem guten Zustand. Es braucht aber in Zukunft zusätzliche und schnelle Investitionen. Und dieses Geld hat die Stadt nicht. Darum besteht die Gefahr, dass zu zögerlich und zu wenig investiert wird. Die Folge wäre, dass das städtische Angebot sehr bescheiden wird und nur noch von jenen alten Menschen genutzt würde, die sich nichts anderes leisten können.

Eine Art Zweiklassengesellschaft in den Alters- und Pflegeheimen?

Meier: Genau. Eine Aktiengesellschaft ist in der Lage, selber Investitionsgelder zu beschaffen. Sie ist nicht mehr von der Verschuldung der Stadt abhängig. Es würde eine gemeinnützige Aktiengesellschaft entstehen, wenn die Stimmberechtigten am 18. Mai grünes Licht dafür geben. Betriebsgewinne bleiben so bei den Heimen und deren Bewohnerinnen und Bewohnern. Es fliessen keine Gewinne an die Stadt. Und die Personalfragen werden in einem sehr guten Gesamtarbeitsvertrag geregelt, der für die ganze deutschsprachige Schweiz wegleitend sein wird.

Wem gehören die Heime, wenn sie in einer Aktiengesellschaft organisiert sind?

Meier: Die Aktiengesellschaft gehört zu 100 Prozent der Stadt Luzern. Daran ändert sich nichts.

Senevita-Chef Hannes Wittwer sagt, seine Gruppe verdränge keine bestehenden Alterszentren. Beide würden wachsen. Einverstanden?

Meier: Für den Moment stimmt das. Aber die öffentlichen Heime brauchen die finanziellen Möglichkeiten, um sich zu entwickeln. Sie müssen den heutigen und vor allem den zu erwartenden Bedürfnissen der Stadtbevölkerung gerecht werden – auch für diejenigen mit einem bescheidenen Portemonnaie.

Bei den privaten Betreiberketten brauchen die Heimbewohner nicht mehr zu zügeln. Die Wohnphase geht bei ihnen nahtlos in die Pflegephase über. Sind die öffentlichen Alters- und Pflegeheime dazu auch in der Lage?

Meier: Genau darum geht es. Zwar bieten viele Betagtenzentren – auch die städtischen – Wohnen und Pflege. Bei steigendem Pflegebedarf brauchen die Bewohner also nicht zu zügeln.

Aber?

Meier: Das Alterswohnen muss individueller werden. Die Pflege sollte unkompliziert und wie selbstverständlich daran angeschlossen sein. Zwischen den klassischen Pflegeheimen und dem ambulanten System von Wohnen mit Spitex-Hilfe entsteht so ein neues Angebot, das sehr gefragt ist. In dieser Kategorie benötigen die herkömmlichen Betagtenzentren eine gute Chance. Das klappt aber nur mit einem zusammenhängenden Versorgungskonzept und schnellen sowie angemessenen Investitionen.

In Erlenbach ZH betreibt ab 2017 nicht mehr die Gemeinde, sondern eine Betreiberkette das Alters- und Pflegeheim. Können Sie sich so etwas in der Zentralschweiz vorstellen?

Meier: Die Finanznot kann eine Gemeinde zu einer Lösung mit einem gewinnorientierten Unternehmen treiben. Aber die Heimlandschaft in der Innerschweiz ist sehr vielfältig. Das gilt besonders für die Stadt Luzern. Es gibt aus Tradition private Heime, hinter denen die öffentliche Hand und auch christliche oder andere soziale Trägerschaften stehen. Sie sind nicht im klassischen Sinne gewinnorientiert. Ihre Gewinne fliessen in die Institution zurück. Doch im Wettbewerb ist ihre Flexibilität entscheidend. Und da sind heute die von Städten und Gemeinden geführten Heime klar im Nachteil. Sie müssen sich darum besser organisieren, damit sie auch auf lange Sicht den Erwartungen der betagten Menschen und ihrer Angehörigen gerecht werden.

Hinweis

* Der Sozialpolitiker Ruedi Meier (62) war von 2000 bis 2012 als Luzerner Stadtrat der Grünen für das Sozial­wesen und die städtischen Heime zuständig.

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