Zürcher Goldküste
Älteste Chemie-Fabrik der Schweiz schliesst – wird sie zu einer Schule am Strand?

Manchmal hat die Seele die Form einer Fabrik. Dann knüpfen Erinnerungen von sieben Generationen an den Traum der jüngsten. Wie in der ältesten Chemiefabrik der Schweiz, die sich in Uetikon befindet.

Max Dohner (Text), Chris Iseli (Fotos), Uetikon am See
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Älteste Chemie-Fabrik der Schweiz schliesst
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Die Chemische Fabrik Uetikon am See schliesst ihr riesiges Fabrikgelände nach 200 Jahren.
Alte Fabriken sind Zeitspiegel.
Einst arbeiteten Hunderte von Büezern hier. Heute steht manche Anlage still.
Plötzlich findet man, was hässlich war, schön.

Älteste Chemie-Fabrik der Schweiz schliesst

Chris Iseli

Wie wird Beton zu Gras? Das war mal der Titel einer Erzählung von Otto F. Walter. Wie wird eine Fabrik zum Strand? Das ist aktuell der Titel eines bemerkenswerten, fast wundersamen Vorgangs in Uetikon am See. Klingt auch nach Utopie, könnte hier aber Wirklichkeit werden. Bis zum Strand fehlt nicht mehr viel. Es macht Lust, davon zu erzählen; die Geschichte hat das Zeug zum Lehrstück.

Als die Röcke luftig wurden

Zunächst lenkte nur Erinnerung unser Augenmerk auf die Fabrik, ausgelöst durch eine Notiz in der «Zürichsee-Zeitung». Sie besagte, dass vierzig Laufmeter Schweizer Industriegeschichte, integral erhalten, von Uetikon ZH nach Basel wanderten, ans dortige Wirtschaftsarchiv. Rudolf Schnorf übergab das Material im Namen der Besitzerfamilie. «Nicht allen fiel das leicht», sagte er. Der Werdegang der Fabrik sei aber «wichtig für das Verständnis späterer Generationen».

Was genau sollen wir denn verstehen anhand der Geschichte gerade dieser Fabrik? Man kann sie lesen als Roman, der von vielem, wenn nicht gar von allem spricht. Mit Kapiteln, die etwa so heissen: «Schiffsleute haben eine Industrie-Idee» – «Noch vor dem Gleis trifft die Bahn per Fähre ein» – «Dünger absacken im Akkord» – «Erster Weltkrieg: Die Fabrikhalle aus der Landi» – «Zweiter Weltkrieg: Mit Tannzapfen heizen statt mit Kohle» – «Kosthaus neben Villa» – «Gang nach China und Amerika» – «Die Schule und der Strand» ... ein Happy End?

40 Prozent ...

... des heimischen Marktes wurde vor zehn Jahren von der heimischen Chemie bedient. Heute sind es noch neun Prozent.

Ein Kapitel muss dem Ende des Schweizer Büezers gewidmet sein. Heute, da wir androgyn alles «Mitarbeitende» sind, kann man sich nicht vorstellen, wie weit der Abstand einst gewesen war vom «Blaumann» zum «Weisskittel». Blau war das Übergwändli der Büezer gewesen. Weisse Kittel trugen die «Bürolisten» im Kontor. Oder die «Labormäuse». Dazwischen lagen Welten. Und waren dennoch nur einen Steinwurf entfernt. Die Kosthäuser der «Fabrikler» lagen in Hörweite der Fabriksirene. Und in Sichtweite schwammen auch die Villen der Fabrikanten in weitläufigen Parks.

Barfüssige Büezerrowdys auf dem Pausenhof verdroschen Mägerlimuckis in Halbschuhen, ahnungslos, dass deren Väter die Schule sponserten. Das Dorf besuchte gesponsertes Theater im gesponserten Wohlfahrtshaus. Die Fabrik bezahlte den Bau des Gemeindehauses und bestimmte darin natürlich die Politik mit: «Guter Vorschlag, Herr Direktor.» Wurde man alt, zählte man die müden Schwänze im Goldfisch-Teich einer «Abendruh», ebenfalls gestiftet von der Fabrik. So fugendicht herrschte Ordnung in der Schweiz, hundert Jahre lang.

Standorte der CPH Chemie + Papier Holding AG

Standorte der CPH Chemie + Papier Holding AG

cph.ch

Büezer der Chemischen öffneten «den Mund nicht für fünf Rappen». Sie jäteten nach der Frühschicht, während bei den Stangen die Frauen allen Staub aus dem monotonen Teppich klopften. Erst am Nachmittag wagten sie zu träumen, gestützt auf ein Kissen im Fenster: im Sommer endlich mal nach Rimini fahren! Die Strumpfhalter verschwanden in der Schublade, die Röcke wurden luftig, der Hundeblick Xaverios feucht, des ersten Gastarbeiters in der Baracke gegenüber.

Jenseits des Bahndamms blinkten die Sheddächer der Fabrik. Direkt am Ufer lagen die Halden von Schwefel, Wasserglas und Pyrit (Katzengold), unbehelligt vom Umweltschutz, überragt vom Maschinenhaus aus ockerroten Ziegeln und viereckigen Kaminen. Eins steht noch, inzwischen ein Architektur-Juwel. Ertönte die Mittagssirene, quollen blaue Ameisen heraus. Zu Hause musste die Suppe dampfen, sonst setzte es Zetermordio ab. Und immer drosch eine Schar Bengel einen Fussball durch die Strasse.

CPH Chemie + Papier Holding AG

Die CPH Chemie + Papier Holding AG ist eine international tätige, mittelständische Industriegruppe mit Hauptsitz und Börsenkotierung in der Schweiz.

Ihre Aktivitäten umfassen die Entwicklung, die Produktion und den Vertrieb von Chemischen Produkten ( Molekularsiebe, Chromatographiegele, Dünger, deuterierte
Lösungsmittel), Papieren (Zeitungsdruckpapiere, Magazinpapiere) und Verpackungsfolien (PVC-Monofolien, beschichtete Folien).

Dann tat es einen Chlapf, zirka Mitte der Siebzigerjahre. Hätte es schon damals Fixkameras gegeben, wie sie heute in Zeitraffer etwa den Bau eines «Primetower» dokumentieren, der Film hätte eine Explosion gezeigt. Die Einwohnerzahl sprang aufs Doppelte, das Ortsbusnetz auf das Dreifache. Aus Bauernwiesen schossen Spekulantenhütten, deren blitzende Fassaden alle Front zum See machen. Die barfüssigen Horden auf dem Schulhof verschwanden. Heute verstopfen SUV-Karossen die Plätze, wenn Dynamite Mommies ihre bleichen, aber wettbewerbsgedrillten Bälger abholen...

Am Ort wechselte nur die Zeit

Die drei Herren haben aufmerksam zugehört. Jetzt schauen sie sich an im Sitzungsbüro: Peter Schaub, Verwaltungsrats-Präsident der CPH Chemie + Papier Holding AG, Alois Waldburg-Zeil, Leiter Bereich Chemie, und der Kommunikationsleiter, Christian R. Weber.

Sie hatten gleich gefragt, weswegen wir gekommen sind. Dass wir nicht Geschäftszahlen durchforsten würden, wussten sie sofort, aus Instinkt. Warum aber sonst? Es sind erst 198 Jahre, noch nicht 200 des Bestehens. Die Übergabe des Archivs war eine Geschichte am Rande. Und der Deal mit dem Kanton? Höchst bemerkenswert, gewiss, aber auch schon einen Monat her (siehe Artikel unten). «Eigentlich», vermutet Peter Schaub, der VR-Präsident, und lächelt unmerklich, «sind Sie allein wegen der Erinnerungen hier.»

Stimmt. Minuten später aber stehen wir alle dort, wo ich als Knabe gestanden war, in der Hand zwei Töpfe und ein Aluminiumbesteck. Im ersten Topf Ghackts mit Hörnli, im anderen Erbs und Rüebli. Das immer gleiche Gericht für den Vater am Sonntag, in seine Zwölf-Stunden-Schicht. Da sass er jeweils an einem wackligen Holztisch zwischen Gleisen, neben sich am Bremsschuh einen Mittelbord-Kohlewagen, über sich als Scheinwerfer tief zwischen Backsteinwänden: Trost in Form von Sonnenlicht.

An der Szenerie hat sich nichts geändert, an der Zeit alles. Die Schatten von damals sind weg: die Männer mit der Ölflasche an den schiffshohen Treibrädern, mit der Schaufel im Kohlebunker. Neben uns steht Alois Waldburg-Zeil, auf ersten Blick ein «globalisierter» Manager, wie er im Buche steht. Die Fabrik aber ist auch Teil von ihm. An der unter Schutz stehenden Landihalle 1914, die durch absackendes Erdreich auseinanderzubrechen droht, sagt er: «Mein Sorgenkind.»

Peter Schaub hat, in siebter Generation, natürlich überreich eigene Erinnerungen. Sein Bruder arbeitet heute noch in der Chemie. Sie hätten, sagt Schaub, hier weiter Unternehmer bleiben wollen. «Aber Sie müssen sich ständig neu erfinden. Vor zehn Jahren bediente die Chemie zu vierzig Prozent den heimischen Markt. Jetzt sind es noch neun Prozent.» Für ihre Hightech-Siebe zur Gasreinigung bezieht die Firma Rohstoff aus der ganzen Welt und exportiert sie nach Fern- und Nahost. Man habe eine Fabrik in China gekauft und müsse, auch nach 200 Jahren, weg vom Gründungsort (der Sitz der CPH heute liegt in Perlen LU, Standort der riesigen Papierfabrik).

Mit Blick auf das einst fugendichte Dreieck Fabrikler-Fabrik-Fabrikant sagt Schaub: «Jenes System hatte seine Vorzüge, auch fürs Gemeinwohl, keine Frage. Vor Sentimentalität oder Nostalgie aber sollte man sich hüten. Vor dem Vorurteil, früher habe heile Patronalwelt geherrscht, während heute seelenlose Manager die Geschicke bestimmen. Das ist einfach nicht so.» Schaub, der Küsnachter, münzt das wohl auf Herrliberg.

Am Ende des riesigen Areals lächelt der See. Gleich hinter dem Zaun beginnt ein Naturschutzgebiet. Jeder weiss, was der Boden hier kostet – für Wohnungen. Die Gemeinde war dagegen. Jetzt kommt der Kanton, mit einer Mittelschule. «Wir ziehen uns zurück, peu à peu», sagt Schaub, «und räumen gleich noch auf. Wir hinterlassen eine bessere Welt, als wir angetroffen hatten.» Möglich sei das geworden dank langer Gespräche mit allen Seiten, «von Mensch zu Mensch». In den USA wäre solcher Wandel mit der Brechstange erzwungen worden. Wohl wahr. Aber was genau macht am Ende den Unterschied in der Schweiz?
Dass ein namhafter Teil der Leute hier wohl aus Erinnerung die Dinge pflegt.

Jahrhundert-Chance oder Jahrhundert-Schildbürgerstreich?

Immer lag der See so nah. Am Ufer aber stand eine Chinesische Fabrikmauer. Jetzt fällt sie weg. Was tun die Dörfler mit der Riviera?

Freie Sicht aufs Mittelmeer! Stets lächelte man über die Forderung der Zürcher 80er-Bewegten – Kindsköpfe. In Uetikon lächelte man bitter. Freie Sicht auf den See! Uetikern hätte schon das genügt. Wollen sie schwimmen gehen, werden sie an den äussersten Rand gedrängt, in ein – allerdings intimes – Strandbad.

Nun steht ihnen etwas wie eine Fata Morgana vor Augen. Eine Riviera, die sich nahezu über das ganze Dorfgebiet am See erstreckt. Jetzt, da die Chemische Fabrik nach 200 Jahren ihren Standort räumt. Nicht bloss räumt, sondern auch noch aufräumt. Indem sie Areal und See von Altlasten gesäubert hinterlässt. Der Kanton saniert. Ein langjähriger Uetiker Gemeinderat sagt, über den weniger belasteten Boden werde ein Deckel geschoben.

Das alles erfolgt nicht ganz freiwillig, wie man sich denken kann. Sondern ist Teil eines Package. Wie das freilich geschnürt worden ist während mehrjähriger Gespräche zwischen den Beteiligten – Unternehmen, Kanton, Gemeinde –, nötigt dem Beobachter Erstaunen ab, wenn nicht Respekt.

Ein Fabrikveteran wetterte

Freies Land am See – da glänzen die Augen voll goldenen Kalküls! 2000 Franken sei der Quadratmeter wert am See, heisst es von berufener Seite aus Uetikon. Wie kann dann ein Unternehmer den Quadratmeter für 800 Franken losschlagen? Scheint von allen guten Geistern verlassen, nicht wahr? Gerade in Zeiten, wo rechnen das einzige Vernunftskriterium sein soll.

Die CPH Chemie + Papier Holding erklärte sich trotzdem einverstanden mit insgesamt 52 Millionen; ein mittlerer zweistelliger Millionenbetrag für die Sanierung ist eingerechnet. Sie erklärte sich zusätzlich einverstanden, 20 Millionen zu beziehen und auf die restlichen 32 zu warten – bis auch der See von Altlasten befreit ist. Die Fabrik übernimmt 80 Prozent der Kosten. Die 32 Millionen sind eine Art Kaution.
Der Kanton Zürich hat entschieden, eine Mittelschule für über tausend Jugendliche zu bauen, auf der Hälfte des Areals der Chemischen. Weil diese kurzfristig weiterproduzieren will, mietet die Firma für zwei Jahre den Boden zurück. Die andere Hälfte will die Gemeinde Uetikon kaufen, für 26 Millionen.

In einer denkwürdigen Gemeindeversammlung hatte sich das Dorf 2007 gegen Pläne der Fabrik gewandt, am See Lofts zu bauen. Wieder wäre der See zugemauert worden. Selbst ein mit über vierzig Dienstjahren über jeden Tagesnutzen erhabener Fabrikveteran war dagegen: Toni Sutter, damals 81-jährig. Sutter war als Student noch von der Fabrik gefördert worden. «Wir brauchen Arbeitsplätze, Erholungsräume», wetterte der Alte.

Nun ist es so weit. Uetikons Kasse ist ebbe; zu lange wurde der Steuerfuss runtergeschraubt. Diese Jahrhundertchance aber zu vergeben, wäre auch ein Jahrhundert-Schildbürgerstreich. Alle finden, besser könne die Ausgangslage gar nicht sein. Wirklich alle. Eine Plakette am neuen Strand für die Leute der Fabrik müsste drinliegen. (MAD.)