Analyse
Altlasten und neue Probleme: Raiffeisen verpasst den Neuanfang

Raiffeisen macht weiter wie früher. Dabei braucht die Bank dringend einen Neuanfang – eine Analyse.

Beat Schmid
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Patrik Gisel, CEO Raiffeisen Gruppe, an der Bilanzmedienkonferenz in Zürich am Freitag, 2. März 2018.

Patrik Gisel, CEO Raiffeisen Gruppe, an der Bilanzmedienkonferenz in Zürich am Freitag, 2. März 2018.

KEYSTONE

Raiffeisen-Banken stecken im Morast fest. Dort hineingeritten wurden die 255 unabhängigen Genossenschaftsbanken, die der Verbund in der Schweiz zählt, durch die Zentrale in St. Gallen, die Raiffeisen Schweiz. Deren Führung um CEO versucht seit Monaten, den Karren aus dem Dreck zu ziehen und die Ära Pierin Vincenz hinter sich zu lassen. Doch gelingen will ihr das nicht. Die Bank ist weit von einem Neuanfang entfernt. Das liegt auch daran, dass das Führungspersonal weitgehend das alte geblieben ist. CEO Patrik Gisel ist selbst Teil der Vergangenheit, die er beseitigen will. Die Leitung der Bank vergisst, dass es für einen echten Neuanfang neue Köpfe braucht.

Sündenfall

Die Bank hat durch das Verfahren gegen den früheren CEO Pierin Vincenz einen immensen Imageschaden erlitten. Während Jahren ist der einst übermächtige Banker neben seiner Tätigkeit als CEO privaten Geschäften nachgegangen. Vincenz ging so weit, dass er sich mit einem Partner im Geheimen an Firmen beteiligte, die später an Raiffeisen oder eine Beteiligung verkauft wurden. Seit vier Wochen sitzen Vincenz und sein Partner wegen Verdachts auf ungetreue Geschäftsbesorgung in Untersuchungshaft. Es ist nur sehr schwer vorstellbar, dass Vincenz ohne Wissen seiner nächsten Umgebung – insbesondere seines Stellvertreters Patrik Gisel, diesen Geschäften nachgehen konnte. Wer was und wann gewusst hat, soll nun eine externe Untersuchung klären. Fakt ist, dass Gisel bereits 2010 von den fraglichen Geschäften bei Aduno erfuhr. Wie er dieser Zeitung am Rande einer Pressekonferenz Anfang März bestätigte, zirkulierten damals bankintern E-Mails eines Journalisten, der konkrete Fragen zum dubiosen Kauf von Commtrain Card Solutions stellte, an der Vincenz über eine Zuger Gesellschaft (I-Finance) verdeckt beteiligt war.

Doch ob die Vergangenheit wirklich restlos aufgeklärt wird, ist fraglich. Diese Woche gab die Genossenschaftsbank bekannt, dass der bekannte Wirtschaftsmann Bruno Gehrig die vor über einem Monat in Aussicht gestellte externe Untersuchung leiten wird. So richtig «extern» wird die Untersuchung aber nicht sein, denn Gehrig gehört zum engsten Zirkel des CVP-Wirtschaftsestablishments. So ist er eng verbunden mit Franz Marty, dem früheren Präsidenten der Raiffeisen Schweiz, und damit mit einem der Männer, die Gehrigs Karriere bei der Nationalbank förderten. Als Präsident der Raiffeisen war es Marty, der 2010 drei Gutachten in Auftrag gab, die Vincenz von sämtlichen Vorwürfen reinwaschen sollten. Jetzt also soll Gehrig die Vergangenheit lückenlos aufklären. Wie der Verwaltungsrat ausgerechnet auf Gehrig als Leiter der Untersuchung kam, ist nur schwer nachzuvollziehen.

Verschwiegenheit

Bei Raiffeisen haben Verschwiegenheit und Intransparenz System. Als nicht börsenkotiertes Unternehmen muss die Gesellschaft nicht wie die UBS oder Credit Suisse detailliert Rechenschaft ablegen. Als Bank, die auf das Vertrauen der Kunden angewiesen ist, ist sie gemäss Bankengesetz aber verpflichtet, wichtige Veränderungen und Geschäftszahlen der Öffentlichkeit mitzuteilen. Jahrelang beschränkte sich Raiffeisen darauf, nur das Nötigste zu kommunizieren. So weigerte sich die Bank, die Löhne des Topmanagements offenzulegen, auch dasjenige des CEO war streng geheim. Als vor bald zehn Jahren das Millionensalär von Pierin Vincenz trotzdem öffentlich wurde und damit die Welt der Genossenschafter in Aufruhr geriert, sah sich die Führung – mit Marty als Präsident – gezwungen, das Gehalt des CEO bei zwei Millionen Franken zu deckeln.

Dem verschwiegenen Kommunikationsstil ist die Genossenschaftsbank bis heute treu geblieben. So war das Ausscheiden von Nadja Ceregato, Mitglied der erweiterten Geschäftsleitung und Ehepartnerin von Pierin Vincenz, der Bank keine Nachricht wert. Auch als die Bank entschieden hat, die Publikation des Geschäftsberichts um drei Wochen zu verschieben, verschickte sie dazu keine Meldung, wie dies börsenkotierte Firmen machen müssten. Und selbst als Raiffeisen-Verwaltungsrat Franco Taisch in den Ausstand trat, vermeldete die Bank dies nicht. Als Mitglied des Risikokomitees hat er eine wichtige Rolle, die jedes börsenkotierte Unternehmen sofort mit einer sogenannten Ad-hoc-Meldung hätte vermelden müssen.

Der Entscheid, Taischs Ausstand zu verschweigen, war aber auch für Raiffeisen heikel. Denn die Bank ist zwar nicht börsenkotiert, aber sie ist mit Anleihen im Kapitalmarkt aktiv, die ähnlich wie Aktien gehandelt werden. Auf die Frage, ob Raiffeisen die Personalie nicht hätte vermelden müssen, schreibt die Bank: «Aus Sicht von Raiffeisen» sei die «Situation von Professor Franco Taisch» als Mitglied des Verwaltungsrates von Raiffeisen nicht von «erheblicher Kursrelevanz». Raiffeisen habe daher «pflichtgemäss» von einer Bekanntgabe abgesehen. Man muss kein Hellseher sein: Aber mit dieser Art von Kommunikation wird es der Bank schwerfallen, das verlorene Vertrauen wiederherzustellen.

Pikantes Detail: Vincenz verliess sich in Kommunikationsfragen stets auf den Rat des bekannten Zürcher PR-Beraters Christoph Richterich, mit dem er auch persönlich befreundet ist. Trotz dessen Nähe zu Vincenz berät Richterich noch heute Raiffeisen, wie die Bank bestätigt. «Richterich ist als externer Kommunikationsberater für Raiffeisen Schweiz tätig. Stand heute ändert sich daran nichts.»

Software-GAU

Die jüngste Baustelle der Raiffeisen-Banken ist die Informatik. Sie ist veraltet und muss dringend erneuert werden. Schon vor Jahren hat die Führung deshalb entschieden, das Altsystem (Dialba) durch die Schweizer Standardsoftware Avaloq zu ersetzen. Ursprünglich hatten sich die Raiffeisen-Chefs für die Software entschieden, weil man die Wertschriftenabwicklung von der Privatbank Vontobel ins eigene Haus holen wollte. Einmal im Haus drin, sollte Avaloq dann auch als neues Gesamtsystem eingeführt werden. Dass dies ein riskanter Entscheid war, war man sich von Anfang an bewusst. Denn Avaloq war weitgehend unerprobt in einer grossen Retailbank, und bereits die Einführung der Wertschriftenlösung machte Probleme. Nichtsdestotrotz setzte CEO Pierin Vincenz auf die Software. Treibende Kraft hinter dem Projekt war Patrik Gisel, der in jungen Jahren bei der UBS im Bereich Informatik gearbeitet hatte. Von der Grossbank warb er einen alten Kollegen und Triathlon-Freund für das Projekt ab, obschon dieser weder mit den Anforderungen einer Retailbank noch mit einer Grossmigration von Avaloq vertraut ist.

Nach einer langen Planungsphase gingen die ersten von insgesamt 255 Genossenschaftsbanken Anfang Jahr auf das neue System. Bei den wenigen Banken, die bereits migriert wurden, tauchten bald grössere Probleme wie falsche Zinsberechnungen auf. Diese Woche zog die Bank die Reissleine und sistierte die Einführung der neuen Software bei weiteren Banken auf unbestimmte Zeit. Ein Stopp eines IT-Projekts auf unbestimmte Zeit ist ein GAU und ein Indiz dafür, dass man den bei der Fehlerbehebung im Dunklen tappt. Man muss davon ausgehen, dass es grundlegende Bedenken an der Architektur des neuen Systems gibt. Die Kosten laufen derweil aus dem Ruder. Das Projekt, für das 500 Millionen Franken budgetiert wurden und an dem mehrere hundert Spezialisten arbeiten, wird durch den Marschhalt deutlich teurer. Insider rechnen mit zusätzlichen Kosten in der Höhe von 10 bis 13 Millionen Franken pro Monat. Die Bank will sich zu konkreten Mehrkosten nicht äussern, bestätigt aber, dass es teurer wird. «Die Neugestaltung des Migrationsablaufs führt je nach Dauer des Migrationsfensters zu zusätzlichen Kosten.» Das bisherige Projekt-Budget würde noch Reserven aufweisen, so Raiffeisen. Die gravierenden IT-Probleme sind ein Schlag für CEO Patrik Gisel. Die Einführung der neuen Software sollte zu seinem Gesellenstück werden, jetzt droht ihm ein Fiasko.