Berufsbildung
Amerika bildet wieder «Stifte» aus: Comeback der Berufslehre in den USA

Eine nationale Kampagne soll in den USA das schlechte Image der Berufslehre verbessern. Die «Apprenticeship» erfährt in den USA im Gegensatz zur Schweiz keine grosse Wertschätzung und ist mit negativen Vorurteilen belastet.

Renzo Ruf, Washington
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Treibende Kraft: Die US-Ableger europäischer Firmen wie BMW oder Michelin forcieren die Wiederbelebung des Lehrlingswesens. Keystone

Treibende Kraft: Die US-Ableger europäischer Firmen wie BMW oder Michelin forcieren die Wiederbelebung des Lehrlingswesens. Keystone

Niemand weiss mehr genau, warum das amerikanische Pendant zur Schweizer Berufslehre in den Siebziger- und Achtzigerjahren in Ungnade fiel. Greg Jones, der für den Branchenverband AMT (Association for Manufacturing Technology) arbeitet und sich seit mehr als zehn Jahren der Aus- und Weiterbildung in der produzierenden Industrie widmet, nennt im Gespräch weitverbreitete Vorurteile über niedrige Löhne, schmutzige Arbeitsplätze und eintönige Arbeit unter der Kuratel von Gewerkschaftsfunktionären.

Er beklagt, dass führende Unternehmen der Branche jahrelang nichts getan hätten, um diese falschen Vorstellungen zu entkräften. Tatsache ist: Heute besitzt das Wort «apprenticeship» im amerikanischen Sprachgebrauch einen negativen Beigeschmack. Gemäss einem aktuellen Bericht der Denkfabrik Center for American Progress gab es im vorigen Jahr bloss 358 000 Lehrkräfte in den USA, bei einer Gesamtbevölkerung von 314 Millionen.

Zum Vergleich: Die Schweiz zählte 2012 fast 70 000 Lehrlinge. Für die USA rächt sich das nun, da sich die produzierende Industrie wieder im Aufschwung befindet und «Made in USA» als Gütesiegel gilt. Denn die Rekrutierung von qualifizierten Arbeitskräften fällt den betroffenen Unternehmen zunehmend schwer.

1000 Dollar pro Lehrkraft

Ein Beispiel unter vielen: der deutsche Motorenhersteller Tognum, der seit 2010 im Bundesstaat South Carolina – unweit der Fabrik des Autobauers BMW – eine Produktionsstätte besitzt. Die Rekrutierung der ersten 60 Arbeitskräfte sei einfach gewesen, erinnerte sich Jörg Klisch jüngst im Gespräch mit der «New York Times». Die Suche nach den nächsten 60 Angestellten aber habe sich als äusserst harzig erwiesen. «Es war, als hätten wir alle aufgesaugt, die Grundkenntnisse über Dieselmotoren besassen.»

In seiner Not griff Klisch auf ein Modell zurück, das sich in seiner deutschen Heimat bewährt hat: Tognum stampfte ein Berufslehrprogramm aus dem Boden, das mittlerweile auch im Weissen Haus in Washington auf Interesse gestossen ist. Neun Lehrlinge bildet der Motorenhersteller derzeit aus, in enger Zusammenarbeit mit Sekundarschulen und Community Colleges, lokalen Fachhochschulen.

Unterstützung erhielt der deutsche Konzern, der im Frühjahr 2013 durch ein Joint Venture von Daimler und Rolls-Royce übernommen wurde, dabei von der Regierung South Carolinas. Seit 2007 wird die Schaffung von Lehrstellen mit Steuergutschriften – 1000 Dollar pro Lehrkraft – unterstützt. Dieser Anreiz sorgte im Süden Amerikas für einen Mini-Boom auf dem Lehrstellenmarkt.

Mehr als 600 Firmen bilden derzeit 4500 Lehrlinge aus, meldet die quasi-staatliche Agentur «Apprenticeship Carolina». Stolz wird darauf verwiesen, dass zu den Partnern auch führende Konzerne wie Coca-Cola und General Electric gehören. Die eigentliche Treibkraft seien aber die US-Ableger europäischer Firmen wie BMW oder Michelin, sagt Direktor Brad Neese. «Das sind unsere stärksten Partner.»

Schweiz wirbt für duale Ausbildung

Eins zu eins lassen sich europäische Ausbildungsmodelle allerdings nicht in die USA exportieren. Viele amerikanische Manager zeigen sich skeptisch darüber, dass sich Investitionen in die Ausbildung eines Teenagers rentieren – aus Angst davor, aufgrund der hohen Ausgaben Wettbewerbsvorteile gegenüber der nimmermüden Konkurrenz zu verlieren.

Auch deshalb sind viele amerikanische Lehrlinge deutlich älter als ihre deutschsprachigen Gegenstücke. In der BMW-Fabrik in Spartanburg in South Carolina, rund 100 Meilen von der Tognum-Produktionsstätte entfernt, zählen die so genannten «BMW Scholars» 20 oder gar 30 Lenze. Sie arbeiten wöchentlich 20 Stunden in der hochmodernen Fabrik und drücken in der restlichen Zeit die Schulbank in einer lokalen Fachhochschule.

Zudem gilt es, die hartnäckigen Vorurteile gegen Lehrstellen zu überwinden. Eine nationale Offensive, wie sie Präsident Barack Obama und seinem neuen Arbeitsminister Tom Perez vorschwebt, könnte helfen. Ihren Teil beitragen wollen auch die Botschaften der Schweiz und Deutschlands in den USA. Unabhängig voneinander weisen die diplomatischen Vertretungen regelmässig darauf hin, wie sich das duale Ausbildungsmodell im alten Europa bewährt habe. Die Deutschen widmen der «Skills Initiative» gar eine ganze Abteilung ihrer Washingtoner Internetseite.