Amerika
Der Konzernchef, der in der politischen Arena auch heisse Eisen anpackt

James Quincey, Konzernchef der Coca-Cola Company seit vier Jahren, verkörpert den modernen amerikanischen Manager-Typus. Nötigenfalls mischt sich der gebürtige Brite auch in politische Debatten ein, auch wenn er damit Konsumentinnen und Konsumenten vor den Kopf stösst.

Renzo Ruf aus Washington
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James Quincey betont, dass Coca-Cola keinen Menschen aufgrund Hautfarbe oder Sexualität ausgrenzen möchte.

James Quincey betont, dass Coca-Cola keinen Menschen aufgrund Hautfarbe oder Sexualität ausgrenzen möchte.

Keystone

James Quincey weiss, dass sein Unternehmen die Welt nicht verändern kann. «Es ist schlicht unmöglich», sagte der Konzernchef von Coca-Cola kürzlich im Gespräch mit der «New York Times», sich in jede politische Debatte einzumischen. Jede Firma aber habe gewisse Anliegen, die dem Management und der Belegschaft besonders am Herzen lägen, sagte er. Für Coke seien dies «diversity» und «inclusion» – zwei beliebte Schlagwörter, mit denen der Chef von mehr als 700'000 Angestellten ausdrücken will, dass der Getränkehersteller keinen Menschen aufgrund Hautfarbe oder Sexualität ausgrenzen möchte.

Natürlich sind diese Prioritäten nicht zufällig gewählt. Die Coca-Cola Company hat ihre Wurzeln im Süden Amerikas. Und im «Deep South» wurden Menschen mit dunkler Hautfarbe bis weit in die Sechziger- und Siebzigerjahre offen diskriminiert und schikaniert. Auch galt Coke lange als das Süssgetränk der Weissen, während Konkurrent Pepsi auch um afroamerikanische Konsumenten warb.

Delta-Chef greift zu klaren Worten

Quincey mag von diesem düsteren Kapitel nur aus zweiter Hand Kenntnis haben, wuchs der heute 56-Jährige doch in Grossbritannien auf. Die Geschäftswelt der Millionen-Metropole Atlantas allerdings, in der seit seinem Aufstieg zum Konzernchef im Frühjahr 2017 eine führende Rolle spielt, sieht sich schon lange als Speerspitze des gesellschaftlichen Fortschrittes. Deshalb war es eigentlich nicht weiter überraschend, dass der Konzernchef vor einigen Tagen in die emotional geführte Debatte um eine Reform des Wahlrechts eingriff. Quincey verurteilte die Bemühungen der Lokalpolitiker in Georgia, nach den Erfahrungen des letzten Urnengangs die Wahlgesetze anzupassen. «Die Coca-Cola Company unterstützt dieses Gesetz nicht», sagte er, «weil es die Stimmabgabe erschwert und nicht erleichtert.»

Ganz freiwillig erfolgte auch diese Stellungnahme nicht. Linke Aktivisten und dunkelhäutige Geschäftsleute hatten zuvor Druck auf Firmen wie Coca-Cola ausgeübt. Im Raum steht der Vorwurf, die Wahlrechtsreform verfolge einzig das Ziel, den Republikanern zu helfen und demokratische Wähler zu schikanieren. Auch preschten einige Manager-Kollegen Quinceys vor, mit noch schärferer Kritik oder augenfälligeren Massnahmen. So zog Rob Manfred, Chef der Baseball-Liga MLB kurzerhand das «All-Star Game», ein jährliches Treffen der besten Spieler, aus Atlanta ab. Und Ed Bastian, Konzernchef der in Atlanta beheimateten Fluggesellschaft Delta, sagte in einer Stellungnahme: Das neue Gesetz beruhe auf der Lüge, dass es in der Präsidenten- und Senatswahl in Georgia zu Wahlfälschungen gekommen sei. «Das stimmt ganz einfach nicht.»

Im rechten Amerika allerdings machten sich Quincey & Company mit diesen Aussagen keine neuen Freunde. Republikanische Aushängeschilder wie Donald Trump riefen umgehend zum Boykott der Unternehmen auf, die sich kritisch über die Wahlrechtsreform geäussert hatten. (Wiewohl: Offensichtlich tut sich Trump noch schwer damit, die Finger von seinem Lieblingsgetränke Coke zu lassen.)

Gemässigtere Parteigänger wie Senator Mitch McConnell riefen den Grosskonzernen zudem in Erinnerung, dass auch konservative Amerikaner Konsumentinnen und Konsumenten seien. «Republikaner trinken Coca-Cola, und wir fliegen und wir lieben Baseball», sagte McConnell. Will heissen: Während Nischenunternehmen wie der Bekleidungshersteller Patagonia es sich leisten können, politisch klare Kante zu zeigen, sollten Unternehmen, die Konsumartikel oder Dienstleistungen für die Massen verkauften, zurückhaltend sein.