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ANALYSE: Bitcoin: Geniales Währungssystem oder nur Schall und Rauch?

Ernst Meier, Wirtschafts- Redaktor über Kryptowährungen
Das Zentrum der Pariser Finanzindustrie «La Defense». Unter anderem hierhin will die Regierung weitere Finanzdienstleister locken. (Bild: Getty)

Das Zentrum der Pariser Finanzindustrie «La Defense». Unter anderem hierhin will die Regierung weitere Finanzdienstleister locken. (Bild: Getty)

Die Meldung verbreitete sich weltweit: Mit der Stadt Zug akzeptiert seit dem 1. Juli erstmals eine staatliche Behörde Bitcoin als Zahlungsmittel. Ist das der Durchbruch für das neue Geld? Bis anhin galt Bitcoin als Währung für Internetfreaks, ihr haftet aber auch etwas Anrüchiges an. Durch die Anonymität und den grenzüberschreitenden Handel – fernab von Banken und Behörden – wird Bitcoin immer wieder mit Geldwäscherei, Drogen- und Waffenhandel in Verbindung gebracht. Hinzu kommt, dass niemand weiss, wie verlässlich und glaubwürdig das System Bitcoin wirklich ist. Es fehlt an Transparenz.

Eine verschworene Gemeinde glaubt trotzdem an die heilsbringende Zukunft des Internetgeldes – darunter Technikfreaks, Verschwörungstheoretiker, Idealisten und Weltverbesserer. Um Bitcoin zu verstehen, muss man die Währung in Verbindung mit dem Zeitgeist setzen, in den sie hineingeboren wurde. Entwickelt wurde die Kryptowährung 2008 von einem unbekannten Programmierer, der sich Satoshi Nakamoto nennt. In Umlauf ist Bitcoin seit 2009. Die Geburtsstunde fällt also ziemlich genau mit dem drohenden Kollaps des weltweiten Finanzsystems nach dem Aus der Bank Lehman Brothers zusammen. Die totale Katastrophe konnte damals verhindert werden. Doch seither laufen die Notenbanken auf beiden Seiten des Atlantiks auf Hochtouren. In noch nie da gewesenem Ausmass werden die Märkte mit Dollars und Euros überflutet, um die Wirtschaft in Fahrt zu halten. Kein Mensch weiss, wie diese Geldflut einmal endet. «Papiergeld kehrt früher oder später zu seinem inneren Wert zurück – null», sagte der französische Philosoph Voltaire (1694–1778). Bekommt er Recht?

Kein Wunder, finden gerade in solch kritischen Zeiten neue Währungen mit revolutionären Konzepten Anklang. Kryptogeld soll unabhängig sein; von Notenbanken, der Politik, Grossbanken, einem einzelnen Land – eine globale Währung, geschaffen durch Computerleistung, jedem Menschen zugängig. Bitcoin war nur der Anfang. Seither spriessen immer neue Kryptowährungen wie Pilze aus dem Boden: One­coin, Ethereum, Ripple, Litecoin etc. Über 100 Bitcoin-Alternativen buhlen täglich um Käufer.

Das Misstrauen in Papiergeld ist der eine Grund für den Boom. Es liegt aber auch daran, dass es verhältnismässig einfach ist, eine Kryptowährung zu kreieren und weltweit zu verbreiten. Das Internet bietet den «privaten Online-Notenbanken» eine praktisch unregulierte Spielwiese. Das Gesetz hinkt der Praxis nach. Nüchtern betrachtet sind Kryptowährungen nichts anderes als digitales Fiatgeld, also «ein mögliches Tauschmittel ohne inneren Wert».

Schauplatzwechsel. In Bellinzona wird gerade Dieter Behring (61) der Prozess gemacht. Vor 15 Jahren galt dieser als Finanzgenie. Es war unmittelbar nach dem Platzen der Internetblase im Frühling 2001. Die Aktienkurse spielten verrückt. Der Glaube an die Börse war am Boden. Behring hatte das Gegenrezept: Er verfüge «über ein Computersystem, mit dem er das Auf und Ab an den Börsen antizipieren kann», gab er an. Wer bei Behring Geld anlegte, der erhoffte sich hohe Renditen. Kundengelder von 1,2 Milliarden Franken flossen Behring zu. Doch die Wertvermehrung blieb aus. 2004 folgte der Katzenjammer: 800 Millionen Franken Anlagegelder von 2000 Geschädigten waren verschwunden. Ob Behring auch kriminell handelte, müssen nun die Richter in Bellinzona beurteilen. Klar ist: Wer Behring vertraute, ist selber schuld. Gier, kombiniert mit Naivität, führte ins Verderben.

Gleich ging es auch den Anlegern von Bernard Madoff. Während Jahrzehnten flossen dem hoch angesehenen Betreiber eines Investmentfonds die Millionen nur so zu. Auch Madoff lockte mit überdurchschnittlichen Renditen. In Tat und Wahrheit zahlte er mit immer neuen Kundengeldern die Renditen der früheren Kunden. 2008 fiel das Schneeballsystem in sich zusammen. Der Schaden soll gegen 65 Milliarden Dollar betragen haben. Weltweit meldeten sich um die 5000 Geschädigte, darunter beste Bankadressen – sogar aus Luzern.

An ein weiteres Beispiel, das eine Alternative zum herkömmlichen Finanzsystem hätte sein sollen und gleichzeitig eine wunderbare Geldvermeh-rung versprach, wird man in dieser Region nicht gerne erinnert. Damara Bertges und ihr European Kings Club (EKC) tauchten 1991 auf. Auch damals herrschte Verunsicherung, denn kurz zuvor platzte die Immobilienblase. Milliarden lösten sich in Luft auf, Banken gerieten in die Klemme. Die Spar- und Leihkasse Thun ging sogar pleite. Das Misstrauen gegenüber «den noblen Herren in Bern und am Zürcher Paradeplatz» stieg. Idealer Nährboden für den EKC, zumal seine ersten Investoren sich über eine Jahresrendite von 70 Prozent freuten. Der EKC war letztlich aber nur ein simples Schneeballsystem, das im Herbst 1994 zusammenbrach. In der Schweiz verloren 20 000 Anleger ihr Geld. Einige von ihnen ihr gesamtes Erspartes.

Behring, Madoff, Bertges– sie alle liessen die Enttäuschten und Gierigen träumen. Trotz deutlichen Warnsignalen fanden angesehene und als vernünftig geltende Zeitgenossen keinen Anstoss an den Versprechen der «magischen Geldvermehrer». Behring wurde vom «Tages-Anzeiger» einst als «genial erfolgreicher Anlagespezialist» gerühmt. Die SP-Politiker Anita Fetz und Roberto Zanetti liessen sich von ihm die Wahlkämpfe mitfinanzieren. Madoff verkehrte in den besten Kreisen New Yorks. Auf Damara Bertges fielen auch Prominente aus der Schweiz rein. An einem EKC-Anlass trat sogar der frühere Sowjetpräsident Michail Gor­batschow auf. Das machte Eindruck.

Zurück zu Bitcoin. Ist Bitcoin nun die Lösung auf die Währungskrise? Ist es weise, seine Franken, Dollars oder Euros in Bit­coins zu wechseln? Die Banken bleiben den Kryptowährungen gegenüber auf jeden Fall skeptisch. Weder die UBS noch die Credit Suisse investieren in Bitcoin und Co. Was die Banken jedoch interessiert, ist die Technologie dahinter. Bitcoin beruht auf dem Blockchain-Prinzip: Jede Transaktion der Währung wird in einem elektronischen Logbuch festhalten – unveränderbar, verschlüsselt und weltweit dezentral bei den Marktteilnehmern gespeichert. Diese Technologie kann dereinst Bankzahlungen oder die Überschreibung von Wert­sachen unabhängig von Drittstellen ermöglichen (siehe dazu unsere Ausgabe vom 2. Juli 2016).

Blockchain ist die revolutionäre Entwicklung von Satoshi Nakamoto. Bitcoin ist sein Feldversuch. Dieser mag faszinieren, könnte sich dereinst aber als Blase entpuppen. Tatsache ist, dass der Wert von Bitcoins steigt, solange immer mehr Menschen am System teilnehmen und der Währung vertrauen. Satoshi Nakamoto – wer auch immer dies ist – dürfte sich irgendwo auf der Welt freuen. Was ist, wenn die USA Bitcoin verbieten? Geht das Vertrauen in das Onlinegeld verloren, wird es wertlos. Eine Blase platzt! Für Satoshi Nakamoto kein Problem. Weil seine Identität nicht bekannt ist, muss er nicht fürchten, eines Tages vor Gericht gestellt zu werden. Er hat aus den Beispielen Madoff, Behring und Bertges gelernt.

Wie ist unter dieser Betrachtungsweise zu beurteilen, dass die Stadt Zug für Beträge von maximal 200 Franken Bitcoins akzeptiert? Stadtpräsident Dolfi Müller gibt selber zu, dass man einen Test gestartet habe. Zug wird kaum mehr als maximal 10 000 Franken in Bitcoins einnehmen. Ein Totalverlust wäre also überblick- und verkraftbar. Bei der Stadt Zug will man ein Zeichen setzen: In der Region haben sich zahlreiche Unternehmen niedergelassen, die sich mit Kryptowährungen und der Blockchain-Technologie beschäftigen.

Heikel ist das «halbherzige Ja» der Stadt Zug zu Bitcoin trotzdem. Stadtpräsident Dolfi Müller setzt nämlich ein gefährliches Zeichen in der Öffentlichkeit. Manch einer denkt sich: «Wenn die Stadt Zug Bitcoins akzeptiert, dann wird das schon okay sein.» Ähnlich tönte es, als sich Michail Gorbatschow vom European Kings Club einspannen liess oder eine ehrenwerte Luzerner Privatbank bei Bernard Madoff investierte.

Wem sein Geld lieb ist, dem sei weiterhin geraten: «Hände weg von Bitcoins!»

Ernst Meier

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