Analyse
Die Migros hat ihre Hausaufgaben bei der neuen Nachhaltigkeits-Skala gemacht

Die grösste Detailhändlerin unterzieht ihre Produkte in den Bereichen Tierwohl und Klima einem Rating. Dabei verteilt sie auch schlechte Noten – und beweist, dass es ihr mit dem Anliegen ernst ist.

Gabriela Jordan
Gabriela Jordan
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Die Migros gibt sich ein neues Label.

Die Migros gibt sich ein neues Label.

zvg

Unsere Ernährung verursacht einen Drittel der Treibhausgase und belastet die Umwelt ähnlich stark wie die Bereiche Wohnen und Mobilität. Wer weniger Fleisch oder exotische Importprodukte und dafür mehr saisonales Gemüse aus der Region isst, schadet der Umwelt bekanntlich weniger.

Geht es nach der Migros, sollen Konsumentinnen und Konsumenten in diesem Thema jetzt noch fitter werden. Seit Montag druckt die grösste Detailhändlerin der Schweiz eine Nachhaltigkeits-Skala auf ihre Produkte, die nebst der Klimabelastung auch das Tierwohl bewertet. Je mehr Sterne, desto tier- und umweltfreundlicher ist das Produkt. Das Ziel des «M-Checks»: Den Kundinnen und Kunden eine Orientierungshilfe bieten und so das nachhaltige Konsumieren fördern.

M-Check? Da war doch schon mal was? Richtig, vor knapp drei Jahren führte die Migros den M-Check schon einmal ein, damals ging es jedoch darum, Ordnung in den Label-Dschungel zu bringen und unbekannte Label zu ersetzen. Die Kritik kam nicht zu kurz: Die Stiftung für Konsumentenschutz etwa befürchtete das Gegenteil von Ordnung und monierte, dass die Migros eigenmächtig bestimme, was nachhaltig sei und was nicht – und den Leuten damit etwas vorgaukle.

Die Migros hat nun aus ihren Fehlern gelernt: Statt weiter auf eine Art Konkurrenz-Label zu setzen, hat sie M-Check zu einer Skala weiterentwickelt und mit Partnern wie Myclimate oder der Fachhochschule der Land-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften relevante Faktoren bestimmt und gewichtet, darunter Stallhaltung, Dünger, Transport oder Verpackung. In den nächsten zwei Jahren sollen alle Eigenmarkenprodukte – und damit 80 Prozent des Sortiments – danach bewertet werden. Später sollen weitere Nachhaltigkeitsaspekte dazukommen, etwa Arbeitsbedingungen in den Herkunftsländern.

Die wichtigste Neuerung aber ist: Die Migros schreckt nicht davor zurück, ihren Produkten auch schlechte Noten zu verteilen. So werden nicht mehr bloss «gute» Produkte angepriesen, sondern auch «schlechte» transparent ausgewiesen. Tierische Produkte wie Fleisch und Milch kommen zum Beispiel nie über drei Sterne hinaus (maximal sind fünf möglich). Das zeigt, dass es der Migros wirklich ernst ist mit dem Anliegen. Denn je nachdem könnte sie Teilen des Unternehmens mit dem Sternen-System sogar schaden – allen voran den hauseigenen Produktionsbetrieben Micarna (Fleisch, Geflügel und Fisch) und Elsa-Mifroma (Milch und Käse).

In der Öffentlichkeit wird das neue System denn auch mehrheitlich positiv quittiert: «Die Migros übernimmt eine Pionierrolle, welche hoffentlich rasch Nachahmer findet», findet der Konsumentenschutz. Auch Greenpeace lobt die Bemühungen, kritisiert aber, dass für Konsumenten unklar bliebe, wie das Rating genau entstehe. Die Migros verweist jedoch darauf, dass die Kriterien online transparent einsehbar seien.

Was die Gratwanderung zwischen Information und Bevormundung angeht, handelt die Migros ebenfalls geschickt. Nach Bekanntgabe des neuen M-Checks meldeten sich nämlich auch Stimmen zu Wort, die eine offensivere Verkaufsförderung nachhaltiger Produkte fordern. So wäre der Check nicht bloss gut gemeint, sondern richtig gut. Bei einem Gros der Konsumenten käme das aber vermutlich nicht gut an. Das weiss auch die Migros: Man wolle nicht dogmatisch sein und niemandem etwas verbieten, sondern den Kunden ein Werkzeug in die Hand legen, betont sie.

Will man die Leute wirklich bewegen, muss man allerdings nicht nur informieren, sondern richtige Anreize setzen, argumentierte ETH-Klimaforscher Reto Knutti gegenüber SRF zu Recht. Um das Ziel Netto-Null-2050 zu erreichen, bestehe auch im Ernährungssektor Handlungsbedarf. Dass auf manchen Lebensmitteln wie beim Heizöl eine Klimaabgabe erhoben wird oder andere Preisanreize eingeführt werden, scheint aus heutiger Sicht und angesichts der starken Bauernlobby aber noch sehr unrealistisch. Letztlich wäre dies zudem eine politische Entscheidung und nicht Aufgabe eines einzelnen Marktakteurs.

Wünschenswert wäre aber, dass die Migros die digitale Dimension schneller vorantreiben würde. Angedacht ist, dass bei Online-Käufen die gewünschte Anzahl Sterne als Filter gesetzt werden kann. Wer also nur Fünf-Sterne-Produkte kaufen will, dem wird vor allem Regionales und Saisonales angeboten. Laut der Migros ist dies erst Zukunftsmusik. Mit dieser Funktion wäre es aber wirklich spannend, zu messen, ob und wie sich die neue Notenskala auf das Konsumentenverhalten auswirkt.