Analyse
Gasstreit zwischen Russland und Europa eskaliert: Guckt die Schweiz am Ende in die Röhre?

Die Energiewende kommt nur schleppend voran. Gas als strategische Ressource wird daher noch wichtiger. Für Importländer wie die Schweiz sind das keine guten Aussichten. Das zeigt sich bereits in diesem Winter.

Gregory Remez
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Eine 2500 Kilometer lange Röhre spaltet den alten Kontinent. An der Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 entladen sich gegenwärtig nicht nur geopolitische Spannungen. Stichwort: Ukrainekonflikt. Das von Beginn an umstrittene Projekt, das in diesem Jahr erstmals Erdgas von Russland nach Norddeutschland befördern soll, offenbart auch die zahlreichen Herausforderungen, mit denen sich Europa sowie der Rest der Welt angesichts des dringlichen Umstiegs von fossilen auf alternative Energieformen konfrontiert sieht. Die Röhre ist zu einer Art Symbol für das grosse Dilemma der Energiewende geworden.

Röhren für die Gaspipeline Nord Stream 2 bei einer Zwischenlagerung im deutschen Sassnitz.

Röhren für die Gaspipeline Nord Stream 2 bei einer Zwischenlagerung im deutschen Sassnitz.

Bild: Jens Büttner/AP (6. Dezember 2016)

So herrscht einerseits weitgehend Konsens darüber, dass ein weiteres Hinauszögern der Wende fatale Folgen für das Weltklima hätte. Andererseits dürfte inzwischen allen klar sein, dass es aufgrund der unzähligen Interessengruppen eine gehörige Portion Geduld und Pragmatismus braucht, um die gesteckten Klimaziele zu erreichen – oder zumindest nicht gänzlich zu verfehlen.

Wenige Projekte stehen so sinnbildlich für diesen stoischen Pragmatismus wie die gegen viele Widerstände gebaute Gaspipeline Nord Stream 2, deren Betreiber in Zug sitzen. So ist seit dem Beschluss zum Kernkraftausstieg in Ländern wie Deutschland, Italien, Belgien und der Schweiz – eine direkte Folge der Nuklearkatastrophe von Fukushima 2011 – klar, dass die Energiewende ohne Gaskraft als Zwischenlösung nicht zu realisieren ist.

Kleine Gaskraftwerke sollen Blackouts verhindern

Insbesondere in der Schweiz, wo das Potenzial der Wasserkraft weitgehend ausgeschöpft ist und der Ausbau der Wind- und Sonnenenergie nur schleppend vorankommt, wird der Bau von Gaskraftwerken inzwischen von vielen als notwendiges Übel angesehen. Irgendwie muss der Wegfall der Bandenergie aus den Kernkraftwerken schliesslich kompensiert werden.

Weil es wegen des gescheiterten Rahmenabkommens noch immer kein Stromabkommen zwischen der Schweiz und der EU gibt, hat der Schweizer Fachverband Powerloop jüngst etwa den Bau von rund 2000 weiteren kleinen Gaskraftwerken über weite Teile der Schweiz propagiert, um drohenden Blackouts vorzubeugen.

Der Vorschlag geniesst breite Unterstützung aus Politik und Wirtschaft, nicht zuletzt weil er auf eine altbekannte Technologie setzt. Die kleinen Gaskraftwerke existieren bereits, in der Schweiz sind 950 Stück im Betrieb. Im für 2050 geplanten Vollausbau soll das System eine ähnliche Spitzenleistung erreichen wie die heutigen Kernkraftwerke.

Das Problem dabei: Gaskraftwerke, egal welcher Grösse, sind nicht zwingend besser für die Umwelt. So musste Powerloop einräumen, dass ein grosser Teil der Anlagen zu Beginn mit konventionellem Erdgas, also fossiler Energie betrieben werden müsste. Auch die bestehenden Anlagen in der Schweiz laufen nur zum Teil mit der klimaverträglichen Alternative Biogas. Laut aktuellen Berechnungen der Denkfabrik Ember hat Gas der altgedienten Kohle inzwischen den Rang als grösste Treibhausquelle abgelaufen. Da hilft es auch nicht, wenn die EU-Kommission Gaskraftwerke plötzlich als «klimafreundliche Übergangstechnologie» einstuft.

Gasförderung in Europa sinkt seit Jahren

Insbesondere Russland dürfte daran interessiert sein, diese «Übergangstechnologie» so lange wie möglich am Laufen zu halten. Heute überziehen Gaspipelines Europa wie ein dichtes Netz. Die neue Röhre Nord Stream 2 hat sich der Energiekonzern Gazprom, an dem der russische Staat 50 Prozent und eine Aktie hält, satte 10 Milliarden Dollar kosten lassen – eine riskante Wette angesichts der unsicheren Zukunftsaussichten und politischen Widerstände.

In die Karten spielt Gazprom, dass die Gasförderung in Europa selbst seit Jahren sinkt. Für Importstaaten wie die Schweiz bedeutet das, dass sich ihre Abhängigkeiten weiter nach Osten verschieben werden, wenn sie die erneuerbaren Energien nicht schneller ausbauen. Denn als Alternative bleibt nur Gas von externen Anbietern. Sollte die Energiewende nicht endlich in Fahrt kommen, dürfte sich das Importproblem gar akzentuieren – nicht nur wegen des Atomausstiegs, sondern auch wegen der Elektrifizierung etwa des Verkehrs sowie der Wärmeproduktion.

Europaweit verlassen sich heute Millionen Haushalte und Tausende Unternehmen auf Erdgas; in der Schweiz heizt noch immer jeder fünfte Haushalt mit Gas. Rund 40 Prozent des importierten Gases bezieht Europa dabei aus Russland. Und der Anteil dürfte weiter steigen, mit der Inbetriebnahme von Nord Stream 2 werden die Lieferkapazitäten auf einen Schlag verdoppelt. Schon heute hat kein anderes Land eine solche Bedeutung für den europäischen Gasmarkt. Da kann sich der russische Präsident Wladimir Putin sogar ein paar Scharmützel an der ukrainischen Grenze erlauben.

Europa und die Schweiz sitzen am kürzeren Hebel

Eines ist gewiss: Die Energiewende wird sich nicht über Nacht vollziehen. Folglich wird Gas, das von Moskau schon heute gerne als politisches Druckmittel eingesetzt wird, künftig noch wichtiger als strategische Ressource. In Ansätzen zeigt sich das bereits in diesem Winter: Weil viele europäische Erdgasanbieter wegen der hohen Preise damit gezögert haben, ihre Vorräte aufzufüllen, sind sie aktuell so abhängig wie selten von russischen Lieferungen. Energieintensive Industrieriesen wie der grösste Aluminiumhersteller Europas, Aluminium Dunkerque, der rumänische Düngemittelhersteller Azomures und der weltgrösste Zinkhersteller Nyrstar, dessen operative Zentrale in Zürich liegt, klagen bereits über Schwierigkeiten.

Zu Recht mahnen Fachleute daher an, dass Europa in der Gasfrage aktuell am kürzeren Hebel sitzt – und sich besonders Länder wie Deutschland «dem heissesten Thema des Winters» schnell annehmen sollten. Die Schweiz könnte ohne Absprachen mit der EU am Ende gar ganz aussen vor bleiben. Es droht ein kalter Winter zu werden.

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