Analyse von Roger Braun: Das WEF ist für die Schweiz auf jeden Fall ein Gewinn

Drucken
Teilen

Es mutet zweifellos absurd an. Ausgerechnet in jener Woche, in der Donald Trump sein Amt als US-Präsident antritt, beschwört die politische und wirtschaftliche Elite in Davos das grosse Miteinander. Der Kontrast könnte nicht grösser sein. In Washington wird ein Präsident eingesetzt, der den nationalen Alleingang predigt, den Welthandel als Nullsummenspiel ansieht und weder für die Nato noch die Europäische Union einen Verwendungszweck sieht. In Davos führt das Weltwirtschaftsforum (WEF) luftige Debatten über Globalisierung, multilaterale Konfliktlösung und das Friedensprojekt der Europäischen Union. Da stellt sich unweigerlich die Frage, was diese akademischen Debatten überhaupt bringen, wenn sich die grösste Macht der Welt sowieso um diese Prinzipien schert. Und waren die Wahlen in den USA nicht gerade Sinnbild dafür, dass die schöne Idee enger internationaler Zusammenarbeit sowieso längst gescheitert ist?

Eines kann man den Teilnehmern des WEF nicht vorwerfen: dass man den Ernst der Lage nicht erkannt habe. Das offizielle Motto mag dieses Jahr «Responsive and Responsible Leadership» gelautet haben, doch faktisch ging es vor allem um Trump und den Brexit – und die damit verbundenen Ideen von Nationalismus, Abschottung und frustrierten Wählern. Der Wille, sich und seine Ideen kritisch zu hinterfragen, war auf den Podien augenscheinlich. Nur: Macht das die Welt wirklich besser?

Auch wenn das WEF mit seiner marktschreierischen Werbesprache mitschuldig daran ist: Wer vom Forum verlangt, dass es die Welt verändert, erwartet zu viel. Genauso wenig wie Anfang der 2000er-Jahre die bösen Manager in Davos die Welt untereinander aufteilten, genauso wenig wird heute der wachsende Nationalismus gestoppt. Und doch sind solche Foren wichtig für den internationalen Austausch. Man muss nicht zwingend Multikulturalist sein, um das Anliegen des WEF prinzipiell zu unterstützen. Niemand kann etwas dagegen haben, dass Vertreter unterschiedlichster Staaten mehr Vertrauen zueinander entwickeln.

Davos bietet dafür als Bergdorf einen vorzüglichen Rahmen. Umschlossen von Bergen, in schönster Natur, wird das Bündner Tal zu einem Treffpunkt globaler Verantwortungsträger, der sich nicht mit anderen austauschbaren Kongressen in den Metropolen der Welt vergleichen lässt. Die Kleinräumigkeit und Naturnähe führt zu einer unvergleichbaren Stimmung unter den Teilnehmern. Die Wege sind kurz, und viele Kontakte ergeben sich informell: Es herrscht ein Wir-Gefühl im globalen Dorf. Das sind gute Voraussetzungen, um Vertrauen zwischen den Staaten zu schaffen.

Wem das noch immer zu nebulös klingt, kann die Sache auch pragmatisch sehen. Was in Davos passiert, geht in alle Welt. Das WEF ist eine grossartige Visitenkarte für die Eidgenossenschaft. Die Schweiz als Vermittler guter Dienste, die Schweiz als leistungsstarke Volkswirtschaft, die Schweiz als schöner Tourismusstandort: Ein besseres Schaufenster kann man sich abseits der Sportplätze dieser Welt kaum vorstellen. Für die Schweizer Politik bietet das Forum zudem eine einzigartige Möglichkeit, mit den Leadern dieser Welt zusammenzukommen; etwas, das für ein Land dieser Grösse alles andere als selbstverständlich ist.

Auch wenn das WEF keine Wunder bewirkt: Die Schweiz hat alles Interesse daran, dass es das Forum auch in Zukunft gibt – und dieses weiterhin hierzulande stattfindet.