Bâloise-Präsident
Andreas Burckhardt: «Wir müssen denen, die jetzt in Rente gehen, zu viel bezahlen»

Der Verwaltungsratspräsident der Bâloise-Gruppe über Kunst, Wirtschaft und Politik. Und natürlich hat Andreas Burckhardt eine Meinung dazu, wie die Altersvorsorge zu retten ist.

Andreas Schaffner
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«Basel ist für uns nach wie vor zentral», sagt Andreas Burckhardt, Verwaltungsratspräsident der Bâloise-Gruppe am Hauptsitz am Aeschengraben.

«Basel ist für uns nach wie vor zentral», sagt Andreas Burckhardt, Verwaltungsratspräsident der Bâloise-Gruppe am Hauptsitz am Aeschengraben.

Chris Iseli

Wir treffen den Verwaltungsratspräsidenten der Bâloise-Gruppe, Andreas Burckhardt, in Frankfurt. Die Werke der Preisträgerin des Bâloise-Kunstpreises, Sara Cwynar, wurden dem Museum für Moderne Kunst geschenkt, und in diesem Rahmen hat der Bâloise- Präsident die Ausstellung eröffnet. Sara Cwynars Kunst handelt von der heutigen Konsumwelt. Die Künstlerin sammelt, ordnet und archiviert etwa ihre auf Ebay gekauften Objekte und präsentiert sie der Öffentlichkeit. Für die Bâloise ist der Anlass in Frankfurt eine Möglichkeit, deutsche Kunden, Geschäftspartner und Politiker einzuladen.

Herr Burckhardt, wieso arbeiten Sie eigentlich als Basler Versicherung mit dem Museum für Moderne Kunst in Frankfurt zusammen? In Basel gäbe es doch auch die eine oder andere kulturelle Institution ...

Andreas Burckhardt: Seitdem wir den Kunstpreis vergeben, haben wir unsere Schenkungen, die mit dem Kunstpreis verbunden sind, Institutionen in den Ländern zukommen lassen, in denen wir tätig sind. Etwa in Belgien oder wie jetzt in Deutschland. Basel ist aber für uns nach wie vor zentral. Wir vergeben ja den Kunstpreis an der Art Basel und unsere Kunstsammlung ist auch in Basel zu Hause. Übrigens: Im Neubau unseres Hauptsitzes in Basel, der 2020 fertiggestellt werden soll, werden wir unsere Kunstsammlung der breiten Öffentlichkeit zugänglich machen. Es wird also ein kleines Museum geben.

Wie stark beschäftigen Sie sich selber mit zeitgenössischer Kunst?

Ich selber hatte lange nur wenig Zugang zur zeitgenössischen Kunst. Ich habe die Art Basel besucht, seit es sie gibt. Aber intensiv beschäftige ich mich mit der zeitgenössischen Kunst erst, seitdem ich Verwaltungsratspräsident der Bâloise bin, also seit 2011.

Was bringt die Kunst der Wirtschaftswelt?

Es ist auf der einen Seite wichtig, mit welcher Kunst, mit welchen Bildern wir uns im Alltag umgeben. Es geht also um die Gestaltung des Arbeitsplatzes. Bei der Bâloise sitzen deshalb auch Vertreter der Mitarbeiter in der Kunstkommission. Mit der Unterstützung von Künstlern nehmen wir als Unterneh- men auch eine gesellschaftliche Verantwortung wahr, eine Art Mäzenatentum.

In Deutschland geht es ja vor allem auch darum, Kunden und Geschäftspartner einzuladen, Networking zu betreiben?

Nicht nur, aber auch. Auch an der Art Basel ist das ein wichtiger Teil.

Ein Basler für die Bâloise

Andreas Burckhardt sitzt seit 1999 im Verwaltungsrat der Bâloise Gruppe, seit 2011 ist er dessen Präsident. Der promovierte Jurist war zuvor Vollblutpolitiker: Von 1997 bis 2011 vertrat er die Liberal-Demokratischen Partei im Grossen Rat des Kantons Basel-Stadt, 2006/07 war er Grossratspräsident. Von 1994 bis 2011 war Burckhardt Direktor der Handelskammer beider Basel. Burckhardt ist verheiratet und hat drei Kinder.

Die vergangene Woche war auch politisch sehr spannend in Deutschland. Was erwarten Sie vom Wahlausgang?

Hat mich interessiert. Aber entscheidender ist vielmehr das Ergebnis der Abstimmung vom 24. September, das Nein zur Altersreform also.

Waren Sie überrascht?

Zunächst gilt es natürlich festzuhalten, dass das Volk in einer Demokratie das letzte Wort hat. Insofern gilt es dieses Ergebnis erst einmal hinzunehmen. Aber nein, überrascht war ich nicht.

Warum?

Man hat viel zu viel in die Vorlage hineingepackt: Reformvorschläge der ersten und zweiten Säule sowie finanzpolitische Überlegungen. Das Paket war ganz einfach zu überladen. Die einen haben aus finanzpolitischen Überlegungen Nein gesagt, die anderen aus Neid, weil sie nicht von den Übergangsbestimmungen profitieren würden. Abgesehen davon, dass ich auch selber Nein gestimmt habe, finde ich es auch gut, dass wir jetzt umgehend einen Neuanfang machen müssen. Es eilt.

Inwiefern?

Wir müssen die Fragen einzeln klären. Zum Beispiel das Rentenalter 65 für Frauen. Wir müssen mit einer Vorlage kommen, die das Rentenalter für Frauen auf 65 anhebt, und diese auch verteidigen. Natürlich wird es hier Gegner geben, aber ich behaupte einmal hier, dass wir eine Mehrheit überzeugen können. Vielleicht schaffen wir auch eine Mehrheit bei der Senkung des Umwandlungssatzes. Hier wächst in der Bevölkerung auch das Bewusstsein, dass das unumgänglich ist. Und dann die finanzielle Sicherung der AHV!

Ja, wie ist es mit der AHV: Soll die zuerst reformiert werden, wie es bürgerliche Politiker derzeit wünschen?

Ich glaube, dass das Volk in der Abstimmung auch zum Ausdruck gebracht hat, dass es einer Finanzierung der AHV mittels Mehrwertsteuer-Erhöhung zustimmen würde.

Aber auch in dieser Frage gab es ein Nein.

Das äusserst knappe Nein, in dieser Frage war es eher ein Zufalls-Nein. Das heisst für mich, dass es möglich ist, über zusätzliche Mittel für die erste Säule zu reden.

Zurück auf Feld eins also?

Nicht nur. Die Lösung, die zur Abstimmung gekommen ist, hätte sowieso nicht genügt, um etwa die AHV längerfristig zu sanieren oder für die Pensionskassen bessere Bedingungen zu schaffen. Wir waren uns im Versicherungsverband deshalb nie ganz einig bei der Altersreform 2020. Die einen haben gesagt, dass es ein wichtiger erster Schritt sei auf dem Weg. Die anderen, dazu gehörte auch ich, sagten, dass dieser Entscheid eher weitere Schritte blockieren würde. Insofern bin ich gar nicht so unglücklich darüber, dass es jetzt so herausgekommen ist. Wir wussten aber, dass die Arbeit unabhängig vom Entscheid weitergehen wird.

Was heisst weitere Schritte? Braucht es ein höheres Rentenalter?

Ich glaube nicht. Wir sind auch in der Schweiz gar nicht auf diesem Weg. Während man früher ein fixes Rentenalter hatte, ist das heute flexibilisiert. Man spricht ja bewusst von einem Referenz-Alter 65. Diese Flexibilisierung soll man weiterhin ermöglichen. Man muss jetzt nicht über die Anhebung des Referenzalters sprechen. Übrigens: Sie reden übrigens mit einem, der selber im Alter von 66 «flexibilisiert».

Sie erhalten schon die AHV?

Nein, ich habe die Auszahlung der AHV verschoben.

Natürlich werden Sie als Versicherer sagen: Jetzt muss jeder für sich selber schauen und privat vorsorgen. Viele können das nicht. Was sagen Sie denen?

Wieso sagen Sie denn «jetzt»? Das war doch vorher schon so. (lacht) Nein, Scherz beiseite: Was jetzt, nach dem Nein weiterhin bleibt, ist die grosse Umverteilung: Wir müssen denjenigen, die jetzt in Rente gehen, zu viel bezahlen. Das bekommen die Jungen zu spüren. Ich gehe auch davon aus, dass sich vor allem jüngere Leute ernsthaft Gedanken machen, wie sie ihre Vorsorge lösen. Aber ich gehe nicht davon aus, dass das System auf einmal zusammenkracht, nur weil wir jetzt die Reform nicht durchgebracht haben.

Nach der Unternehmenssteuerreform III scheiterte der Bundesrat auch bei der Altersreform. Ist die Schweiz noch reformfähig?

Ja. Ich glaube die Schweiz ist und bleibt reformfähig. Das Problem der politischen Vorlagen, die Sie ansprechen, lag eher in ihrer Komplexität. Es wurden Pakete geschnürt, die alle halbwegs zufrieden stimmen sollten. Das geht heute nicht mehr, da sich die negativen Stimmen kumulieren. Ich bin kein Fan von Lösungen, die den Ausgleich suchen und in welche deshalb alles mit hineingepackt wird.

Glauben Sie, dass die bürgerlichen Parteien ohne Einbezug der SP ein Paket schnüren können?

Ich glaube, man kann durchaus eine Lösung finden ohne die SP, und man kann aber auch eine Lösung finden ohne die SVP. Keine der Parteien hat einen Wähleranteil von mehr als 30 Prozent. Ich gehe aber nicht per se auf Konfrontation. Auch ich als bürgerlicher und liberaler Politiker setze mich mit den Anliegen der SP auseinander und versuche, sie zu verstehen. Auch mit den Anliegen der SVP mache ich das. Aber man muss nicht um jeden Preis alle immer einbinden, sondern Lösungen präsentieren, die klar und verständlich sind. Das Volk kann dann entscheiden, ob es den Vorteil und den Nachteil in Kauf nehmen möchte.

Umgebaut wird zurzeit auch die Bâloise. Sie haben vergangenes Jahr eine Wachstumsstrategie bekannt gegeben.

Das ist richtig, wir haben eine ambitionierte Strategie mit drei Hauptzielen gestartet. Eine Million mehr Kunden bis 2021 und kumuliert zwei Milliarden Franken, die zur Holding hochfliessen, das ist machbar. Zudem wollen wir zu einem der besten Arbeitgeber der Branche avancieren. Mir ist klar, dass es alles nicht einfach wird. Um es in den Worten des Sports zu sprechen: Wir müssen trainieren, dann schaffen wir den Sprung über die Latte.

Wo wollen Sie denn genau wachsen?In den meisten europäischen Ländern hat es doch zu viele Versicherungen. Der Markt ist also gesättigt.

Das trifft sicher für die Schweiz oder auch für Deutschland zu. Grundsätzlich wollen wir in allen Ländern wachsen, in denen wir heute tätig sind, auch dank neuen Produkten. Die Digitalisierung bietet hier ganz neue Chancen, an die wir bis jetzt noch gar nicht gedacht haben. So haben wir in Berlin ein Startup Friday gegründet, das Autoversicherungen voll digitalisiert anbietet. Oder in der Schweiz haben wir die Umzugsplattform Movu gekauft. Wir helfen den Kunden also, umzuziehen und alle damit zusammenhängenden Probleme zu lösen, auch eine Hausrats- und Transportversicherung abzuschliessen.

Solche Plattformen kaufen andere Versicherungsgesellschaften jetzt auch. Fintech – oder im Bereich Versicherungen Insuretech – ist in aller Munde. Haben Versicherungen den Trend verschlafen?

Nein. Denn wie lange sprechen wir wirklich vom Trend Digitalisierung? Das sind doch nicht einmal zehn Jahre, würde ich sagen. Vielleicht waren wir als Bâloise nicht die Ersten, die hier gesehen haben, wo es langgeht. Aber mittlerweile gehören wir sicher mit zu den Führenden. Ich glaube, wir sind auf dem richtigen Weg. Entscheidend ist aber, dass wir einen Kulturwandel durchführen. Denn Digitalisierung bedeutet auch eine Veränderung in der Unternehmenskultur, in der Art und Weise, wie wir zusammenarbeiten. Das ist nicht einfach. Und wir müssen uns bewusst sein, dass wir auch mal – etwa bei einer Investition in ein Start-up – falsch liegen können. Das Scheitern in Kauf nehmen. Das sind wir, die aus einem sehr klar definierten Geschäft kommen, noch zu wenig gewohnt.

«Zukunft braucht Herkunft» thematisieren Sie Ihre neue Strategie. Wie begreift sich die Bâloise heute? Sieht sich das Unternehmen heutevor allem als eine international tätige Versicherung oder eher doch vor allem eine schweizerische?

Wie nehmen Sie es wahr?

Für mich ist es immer noch in erster Linie eine schweizerische Versicherung.

Ich würde uns als eine europäische Versicherungsgruppe sehen, mit einem starken Schweizer Bezug. Wir haben uns in den letzten Jahren stark konzentriert, auf Belgien, Luxemburg und Deutschland. Diese internationale Ausrichtung macht aus Risikoüberlegungen Sinn. Doch es braucht auch hier kulturelle Anpassungen in jedem Land. Wir haben etwa be- wusst auch in den Verwaltungsrat Vertreter aus den verschiedenen Ländern hineingewählt.

Wie sieht es in Deutschland aus? Dort ist man nie richtig auf einen grünen Zweig gekommen, die Konkurrenz ist gewaltig. Warum halten Sie an diesem Geschäft fest?

In Deutschland haben wir ein Prozent Marktanteil. Und in der Vergangenheit hatten wir in der Tat nicht einfache Situationen. Wir sind hier immer noch am Kämpfen, doch wenn Sie das letzte Halbjahr nehmen, zeigt sich, dass wir hier wieder wachsen.

Ist der Ausstieg aus dem schwierigen Markt in Deutschland für die Bâloise denn kein Thema?

Nein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir uns aus Deutschland zurückziehen.

Wenn wir schon beim Wachstum sind: Wollen Sie dann noch Firmen dazukaufen?

Wir wollen in erster Linie organisch wachsen. Wenn sich eine Gelegenheit für eine Akquisition gibt, werden wir sie uns sicher anschauen. Aber in erster Linie ist es uns wichtig, das Wachstum aus eigener Kraft zu schaffen. Es ist wirklich wichtig, dass Sie das Gesamtbild sehen: Wir können nur wachsen, wenn wir zufriedene Mitarbeiter haben, wir also ein guter Arbeitgeber sind. Deshalb haben wir in unseren Zielen auch definiert, zu einem der besten Arbeitgeber der Branche zu werden.

Das Umfeld für Versicherungen ist derzeit alles andere als gut. Die tiefen Zinsen lassen keine grossen Sprünge im Bereich Anlagen zu. Wie können Sie hier wachsen?

Tatsächlich. Es ist vor allem ein Problem im Bereich der Lebensversicherungen und der beruflichen Vorsorge bei den KMU. Es wird immer schwerer, die garantierten Zinsen zu erwirtschaften. Wir entwickeln deshalb hier neue Produkte, die dem Rechnung tragen, unser Kapital also weniger stark angreifen.

Seit Jahren wird davon geredet, dass die Bankeinheit, Baloise Bank SoBa, das Geschäft beflügeln soll. Nun reden Sie von einem Potenzial von 1,8 Milliarden Franken potenziellem Neugeschäft. Wie soll das entwickelt werden?

Wir sind sehr zufrieden mit der Entwicklung der Baloise Bank SoBa. Wir haben nie eine Allfinanzstrategie verfolgt wie andere Versicherungsunternehmen. Wir haben also nicht Versicherungsmitarbeiter Bankprodukte verkaufen lassen und umgekehrt. In den vergangenen Jahren hat uns die Baloise Bank SoBa aber ermöglicht, stärker zu werden bei der Vergabe von Hypothekarkrediten.

Die Banken, die das Geschäft jahrelang geprägt haben, monieren, dass Sie als Versicherung weniger stark reguliert seien.

Das ist in unserem Fall sicher nicht der Fall. Wir wickeln die Kredite über unsere eigene Bank ab.

Zehn Jahre ist es her, seit die Finanzkrise auch die Schweiz erschüttert hat. Schon sprechen viele, etwa in den USA, von einem Zurückschrauben von Regulierungen. Hat man so schnell vergessen, wie es war?

Sie reden von Finanzkrise. Kennen Sie eine Versicherung in der Schweiz, die darunter nachhaltig gelitten hat? Im Gegenteil. Die Versicherungen haben sich gut geschlagen. Was wir bemängeln in unserem Bereich, sind die viel strengeren Anforderungen, die wir im Vergleich zu den Konkurrenten im Ausland haben. Bei der schweizerischen Variante des Solvenztests sind die Kapitalanforderungen strenger und im Vergleich zu Europa sind die Umsetzungsfristen kürzer. Hier sind wir mit der Finanzaufsicht im Kontakt.