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Ankara zaubert die Wirtschaftskrise weg

Entgegen vorheriger Prognosen scheint sich die türkische Währung von ihrem Absturz zu erholen. Doch die vermeintliche Lösung der Krise sind vor allem finanzpolitische Taschenspielertricks.
Susanne Güsten, Istanbul
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan. (Bild: Burhan Ozbilici/AP (Ankara, 6. November 2018))

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan. (Bild: Burhan Ozbilici/AP (Ankara, 6. November 2018))

Nach dem dramatischen Absturz der Lira im Sommer sagten viele Experten eine schwere Wirtschaftskrise in der Türkei voraus – doch nun erholt sich die Lira, die Inflation sinkt, und die Regierung verkündet das Ende aller Probleme. Der positive Trend werde sich in den kommenden Monaten fortsetzen, sagt Finanzminister Berat Albayrak.

Skeptiker sehen in Ankara jedoch vor allem politische Strohfeuer und Taschenspieler-Tricks, mit denen die nach wie vor schweren Probleme verschleiert und bis nach den Kommunalwahlen im März verschoben werden sollen. Viele Normalverbraucher müssen den Gürtel enger schnallen.

Regierung sieht Verschwörung

Die jüngsten Inflationszahlen gaben der Regierung diese Woche einen Grund zum Jubeln: Die Verbraucherpreise im November fielen im Monatsvergleich um 1,44 Prozent. Das ergibt eine Jahres-Inflationsrate von 21,6 Prozent, deutlich niedriger als der 15-Jahres-Rekord von über 25 Prozent im Oktober. Die Währung hat sich auf rund sechs Lira zu einem Euro verbessert – im August mussten die Türken für einen Euro fast acht Lira bezahlen. Albayrak, ein Schwiegersohn von Präsident Recep Tayyip Erdogan, bekämpft die Teuerungsrate unter anderem mit Steuererleichterungen für Möbel, Hausgeräte und Neuwagen sowie mit einem Appell an türkische Unternehmen, ihre Preise um zehn Prozent zu senken. Auch eine kräftige Zinsanhebung durch die Zentralbank hat geholfen.

Damit habe die Regierung die «Angriffe» auf die türkische Wirtschaft erfolgreich zurückgeschlagen, sagen Albayrak und Erdogan. Die Schwierigkeiten werden in Ankara nicht als Folge eigener Fehler verstanden, sondern als Verschwörung dunkler Kräfte gegen die Türkei. Vor allem die USA wurden in den vergangenen Monaten als Übeltäter ausgemacht. Doch ganz so einfach können Albayrak und Erdogan die Krise nicht wegzaubern. Die zuletzt relativ günstige Entwicklung bei Inflation und Lira-Kurs wecke «falsche Hoffnungen», sagte der unabhängige Wirtschaftsexperte Emre Deliveli unserer Zeitung in Istanbul.

Selbst nach dem jüngsten Rückgang der Inflation ist die Teuerung mehr als viermal so hoch wie von der Zentralbank für dieses Jahr prognostiziert. Die Lira ist trotz der Kurserholung rund 25 Prozent weniger wert als zu Beginn des Jahres. Die Ratingagentur S&P erwartet, dass sich das Volumen nicht zurückgezahlter Kredite bei den türkischen Banken verdoppelt. Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet damit, dass die türkische Wirtschaft im kommenden Jahr nur noch um 0,4 Prozent wachsen wird – im vergangenen Jahr waren es noch 7,4 Prozent.

2019 werden Milliarden fällig

Auch Albayraks Methoden der Inflationsbekämpfung überzeugen nicht jeden. Die Unternehmen könnten die zehnprozentige Preissenkung auf Wunsch der Regierung nicht ewig durchhalten, sagt Deliveli. «Nach ein paar Monaten müssen die Firmen die Preise wieder anheben.» Der Oppositionsjournalist Mustafa Balbay schrieb in der Zeitung «Cumhuriyet», die offiziellen Inflationszahlen fielen positiver aus, seit der zuständige Beamte beim Statistikamt in Ankara gefeuert und durch einen Regierungsanhänger ersetzt worden sei.

Bei den Normalbürgern ist von einer Erholung jedenfalls nichts zu spüren. «Wir haben echte Geldprobleme», sagt ein Istanbuler Lehrer. Viele Türken verzichten auf grössere Anschaffungen. Die Zahl der Neuzulassungen von Personenwagen ist im Jahresvergleich um 71,5 Prozent eingebrochen, der Verkauf von Haushaltsgeräten ging um ein Drittel zurück. Das Land müsse sich auf schwere Zeiten einstellen, meint Wirtschaftsexperte Deliveli: «Es sieht schlecht aus.» Bis zu den Wahlen im März dürfte die Erdogan-Regierung alles tun, um die Inflation mit Steuersenkungen und anderen vorübergehenden Massnahmen zu zähmen – weitere Zinsanhebungen durch die Zentralbank lehnt Erdogan ab, weil er die Inlandsnachfrage vor den Wahlen nicht abwürgen will. Doch nach dem Wahltag wird die Türkei möglicherweise Hilfe vom IWF erbitten müssen.

Offiziell lehnt Erdogan einen solchen Schritt zwar ab: Dieses Kapitel sei ein für allemal abgeschlossen, sagte er vor kurzem. Doch das ist nicht unbedingt das letzte Wort. Der Staat muss im kommenden Jahr mehr als 40 Milliarden Dollar an Anleihen zurückzahlen, bei türkischen Unternehmen steht sogar die Rückzahlung von rund 200 Milliarden Dollar an.

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