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Antibaby-Pille von Bayer: Neuer Todesfall in der Schweiz?

Die umstrittene Antibaby-Pille Diane-35 bleibt in der Schweiz im Handel. In Frankreich wurde sie nach Todesfällen verboten. Auch in der Schweiz gab es offenbar Tote: Vor zwei Wochen starb in Olten eine Frau, womöglich weil sie die Pille nahm.

Sabine Altorfer
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Umstrittene Pille: Diane 35 von Bayer.

Umstrittene Pille: Diane 35 von Bayer.

Keystone

Die Akne- und Verhütungspille Diane-35 und ihre Generika werden in Frankreich vom Markt genommen und zwar innerhalb von drei Monaten, vier Frauen waren nach Einnahme der Pille gestorten. Tote gab es offenbar auch in der Schweiz. Vor zwei Woche starb in Olten eine Frau, möglicherweise weil sie die umstrittene Pille eingenommen hatte, wie der Sendung «10vor10» berichtet.

Der Chefarzt Innere Medizin des Kantonsspitals Olten, Stefano Bassetti, bestätigt den Todesfall gegenüber SRF: «In der Tat haben wir Swissmedic diesen Fall gemeldet, es ist eine Patientin, die an einer schweren Lungenembolie verstorben ist, und sie hatte wahrscheinlich mehrere Risikofaktoren, unter anderem hat sie ein Generikum von Diane 35 eingenommen.»

Kommentar: Risiko gegen Risiko bei Antibaby-Pille

Von Sabine Altorfer

Schwanger werden oder die Pille mit möglichen Nebenwirkungen nehmen? Hat frau die Wahl? Nein. Es gibt zwar andere Verhütungsmittel, aber deren Sicherheit ist tiefer. Meldungen über Todesfälle durch Thrombosen nach der Einnahme von Diane - vor drei Jahren war es Yasmin - verunsichern. Sind die französischen Behörden mit ihrem Verbot Panikmacher oder die Schweizer mit ihrem Abwarten zu Pharma-gläubig? Das sind unbeantwortbare Fragen.

Eine Frau, die sich für die Pille entscheidet, vertraut ihrer Ärztin, ihrem Arzt, dass sie die richtige bekommt. Die Auswahl ist gross, die Informationen aber zu kompliziert, um selber zu entscheiden, ist eine Pille der 2. oder 3. Generation für mich besser oder gar eine dieser Antiandrogenen Pillen. Eine gute Ärztin klärt über die Risiken auf. Aber was hilft es zu wissen, dass die Thrombose-Gefahr erhöht ist? Viel kann man dagegen nicht machen. Rauchen aufgeben? Bluthochdruck vermeiden? Stützstrümpfe bei Langstreckenflügen sind wohl so ziemlich die einzige, praktische Prophylaxe.

Die Reaktion der Pharma-Firmen - im Sinne von : Wir sind doch nicht schuld, auf den Beipackzetteln stand ja, welche Nebenwirkungen auftreten können - empfindet man angesichts von Todesnachrichten als scheinheilige Ausrede. So bleibt den Frauen einmal mehr nichts anderes übrig, als die Verantwortung selber zu tragen. Selber Risiko gegen Risiko abzuwägen.

Swissmedic nimmt Analyse vor

Die Schweizer Zulassungsbehörde Swissmedic hat diese sieben Produkte von verschiedenen Herstellern als «kombinierte orale Kontrazeptiva» (KOK) zugelassen. Sie alle enthalten den Hormon-Wirkstoff Cyproteronazetat - und sie alle haben die gleichen Nebenwirkungen.

Bei der Schweizer Arzneimittelkontrollstelle Swissmedic sind im Zusammenhang mit der Diane-35 und deren Generika seit 1990 vier Todesfälle dokumentiert. Gibt es nun ein Verbot wie in Frankreich? Ein Verbot stehe im Moment nicht zur Diskussion, sagt Mediensprecher Daniel Lüthi von Swissmedic, allenfalls Einschränkungen bei den Indikationen oder Verschärfungen der Arzneimittel-Informationen. «Mögliche Nebenwirkungen, u.a. Thrombosen, sind seit langem bekannt.»

Eigentlich gegen Akne

Verschrieben werden Diane, Minerva, Femina & Co. laut Packungsbeilage «vom Arzt oder von der Ärztin bei Frauen, welche von männlichen Hormonen abhängige Krankheiten haben wie: Akne, krankhaft vermehrte Körperbehaarung (Hirsutismus) und durch männliche Hormone bedingter starker Ausfall des Kopfhaares vom männlichen Typ (androgenetische Alopezie).»

Und zu verschreiben sei das Mittel an Frauen, die «gleichzeitig eine Empfängnisverhütung wünschen». Nicht in der Patientinnen-, aber in der Fachpersonal-Information von Swissmedic steht die wichtige Empfehlung: «Die Verwendung ausschliesslich zur Kontrazeption ist nicht indiziert.» Das heisst, ausschliesslich zur Verhütung sollte man Diane nicht einsetzen. Diese Einschränkung bestätigt Rebecca Moffat, Oberärztin am Universitätsspital Basel.

Was tun?

Wie oft wird Diane 35 in der Schweiz verkauft? Dazu schweig sich Bayer auf Anfrage der «Nordwestschweiz» aus: «Bayer veröffentlicht keine Umsatzzahlen auf Länderebene.» Weltweit hat Bayer 2011 mit Diane 171 Millionen Euro erwirtschaftet (7 Prozent mehr als 2010), und das Medikament ist die Nummer zwölf unter Bayers umsatzstärksten Pharma-Produkten.

Was sollen Frauen machen, die diese Präparate einnehmen? Die Basler Oberärztin rät: Es gibt keinen Grund bei Frauen ohne Risiken (Übergewicht, familiäre Neigung zu Thrombosen, Alter, Rauchen), die bereits eine Drittgenerationspille oder eine Pille mit Drospirenon resp. Cyproteronacetat verwenden und sich damit wohl fühlen, auf ein anderes Präparat zu wechseln.

Informationen http://swissmedicinfo.ch/