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Antischimmelschubladen aus Luzern machen Gemüse dreimal länger haltbar

Das Zentralschweizer Start-up Novaris hat eine Technik erfunden, die Lebensmittel länger haltbar macht – ohne grossen Stromverbrauch und ohne viel Plastikmüll. Die Vorbereitungen für den Markteintritt laufen.
Andreas Lorenz-Meyer
Mit der neuartigen Vakuumschublade sollen etwa frisches Obst und Gemüse rund dreimal länger halten. Bild: PD/Novaris

Mit der neuartigen Vakuumschublade sollen etwa frisches Obst und Gemüse rund dreimal länger halten. Bild: PD/Novaris

Daniel Bertschi wohnt auf dem Land in der Nähe eines Bachs. Da kommen immer die Fruchtfliegen, wenn Obst auf der Küchenablage liegt. Eine lästige Angelegenheit. Bertschi begann über alternative Möglichkeiten zur Lebensmittellagerung nachzudenken. «Die Vakuumierung schien mir die beste Variante. Jedoch nicht Vakuumierung in Plastikbeuteln. Das erzeugt viel Plastikmüll und ist umständlich. Meine Lösung sollte so einfach wie möglich sein, weil nachhaltige Produkte nur erfolgreich sind, wenn sie zusätzlichen Komfort bieten. Da lag die Schublade nahe. Sie ist übersichtlich und einfach zu bewirtschaften.»

Aus der Idee ist ein Produkt kurz vor dem Markteintritt geworden: die Vakuumschublade «Soneva» zum Aufbewahren ungekühlter Lebensmittel wie Obst, Gemüse, Backwaren. Das Kernstück des Systems, der Deckel, wird fest im Küchenkorpus montiert. Beim Schliessen der Schublade senkt er sich auf den Behälter mit den Lebensmitteln, der nun luftdicht verschlossen ist. Eine Vakuumpumpe saugt als Nächstes die Luft heraus. Weniger Sauerstoff bedeutet weniger Nahrung für Bakterien. So halten sich die Lebensmittel ungefähr dreimal länger.

Jeder Monat, der vergeht, 
kostet viel Geld

Im Frühling 2020 ist es so weit. Dann geht Novaris, das im Technopark Luzern sitzende Start-up Bertschis, in den Schweizer Markt. Es gibt zwei Absatzkanäle. Den für neue Küchen bei Neu- oder Umbauten und den für bestehende Küchen, die umgerüstet werden. Momentan ist man noch mit dem Aufbau von Geschäftspartnerschaften für den Vertrieb beschäftigt. Und mit dem Perfektionieren des Produkts. So testet die Zürcher Hochschule ZHAW die Regulierung der Feuchtigkeit. Ein entscheidender Faktor, denn bei zu hoher Luftfeuchtigkeit beginnen Lebensmittel zu schimmeln. Um das zu vermeiden, hat die Schublade einen Feuchtigkeitssensor eingebaut. Ist der maximale Feuchtigkeitsgrad erreicht, öffnet sich der Deckel und lässt die aufgestaute Feuchtigkeit heraus. «Vor allem bei Brot kommt es auf die richtige Regulierung an», erklärt Bertschi.

Er ist auch gespannt, was die ZHAW-Untersuchungen in Sachen Vitamine ergeben. Hier geht es darum, wie sehr sich der Vitaminabbau in Obst und Gemüse durch die Reduzierung des Sauerstoffs in der Schublade verzögert. Der Anspruch ans eigene Produkt ist hoch: «Unser Produkt wurde ja nicht nur in der Schweiz erfunden und entwickelt, wir produzieren auch hierzulande – in Hochdorf.» Diese Swissness ist für Bertschi die Messlatte. Jedoch steht das Start-up ohne Umsatz und laufende Einnahmen auch enorm unter Druck, rasch auf den Markt zu kommen. Jeder Monat, der vergeht, kostet viel Geld. Andererseits: Ein früher Markteinstieg bedeutet immer ein grosses Risiko. Da ist Geduld erforderlich. Anfang 2020, kurz vor dem Markteintritt, findet noch ein Betakundentest statt.

Sparpotenzial 
trotz hohem Preis

Der Preis für die Vakuumtechnik liegt bei 1500 Franken inklusive Mehrwertsteuer und Einbau, jedoch ohne Schubladen. Das ist viel Geld, allerdings würden in der Schweiz pro Haushalt und Jahr Lebensmittel im Wert von 2000 Franken weggeschmissen, betont Bertschi. Die Schublade bietet also Sparpotenzial: Wessen Lebensmittel länger halten, der muss weniger einkaufen. Die Vakuumpumpe braucht einen Stromanschluss, sonst sind keine Anpassungen nötig. Das Nachfolgeprodukt wird eine Schublade mit Akku sein. Da ist ein Stromanschluss nicht mehr nötig. Die Leute werden den Nutzen schnell erkennen, glaubt Bertschi. «Da es ein völlig neues Produkt ist, lässt sich die Nachfrage schwer abschätzen. Man baut die Produktion so auf, dass man mit steigender Nachfrage laufend erweitern kann. «Wir müssen erst lernen, welche Absatzkanäle funktionieren und welche nicht.»

Die Schubladen sind Bertschis Antwort auf das Thema Food Waste. In der Schweiz würden jedes Jahr 140000 Lastwagenladungen Lebensmittel weggeworfen. Die Hälfte davon im Haushalt. Die meisten Lebensmittel seien ungekühlt. Gäbe es die Vakuumschubladen in vielen Haushalten, liesse sich der Ressourcenverbrauch deutlich reduzieren. Und der Verbrauch von Tupperware und Plastiksäcken würde sinken. Auf Bauteile aus Kunststoff hat der Unternehmer so weit es geht verzichtet, der Stromverbrauch ist so niedrig wie möglich. Bertschi: «Der grosse Vorteil bei der Vakuumierung gegenüber der Kühlung besteht ja gerade im Stromverbrauch. Während die Kühlung regelmässig über die Oberfläche Kälteenergie verliert, hält das Vakuum über mehrere Tage ohne zusätzlichen Energieaufwand. Zudem ist der Prozess des Vakuumierens unabhängig von der Aussentemperatur. Heissere Tage bedeuten für unsere Schubladen keinen höheren Stromverbrauch.»

Kühlschränke hätten je nach Grösse zwischen 80 und 180 Watt, allein die Glühlampe des Kühlschrankes benötigt mit rund 15 Watt mehr als die kleine Vakuumpumpe, die mit einer Leistung von nur 3 Watt auskommt. Hinzu kommt noch der Ruhestrom mit 1 bis 2 Watt für das Netzteil und die Steuerung. Die Vakuumpumpe läuft auch nur rund fünf Minuten zur Erzeugung des Vakuums und stellt dann ab – bis zum nächsten Öffnen der Schublade.

Schublade allein
 bringt nicht viel

Nachhaltige Produkte jeglicher Art sind zurzeit im Trend. Es komme aber weniger auf nachhaltige Produkte an, als mehr auf nachhaltige Personen, findet Bertschi: «Wenn eine Person bereits einen zweiflügligen Kühlschrank besitzt und unsere Schublade braucht, um noch mehr Lebensmittel zu lagern. Und wenn er diese dann auch nicht isst, sondern einfach zwei Wochen später wegschmeisst, dann nützt die Schublade nicht viel», so der Unternehmer.

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