ARBEIT: Löhne sind gestiegen, Unzufriedenheit bleibt

Die Lohnschere habe sich weit geöffnet, kritisieren die Gewerkschaften. Sie machen dafür Bonussysteme verantwortlich und fordern unter anderem Gesamtarbeitsverträge für alle. Beim Arbeitgeberverband schüttelt man den Kopf – denn die Schweiz sei im internationalen Vergleich top.

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Viele Arbeitnehmer in der Gastronomie haben im vergangenen Jahr einen Lohnsprung gemacht. Das Bild stammt vom Hotel Palace in Gstaad. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Viele Arbeitnehmer in der Gastronomie haben im vergangenen Jahr einen Lohnsprung gemacht. Das Bild stammt vom Hotel Palace in Gstaad. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Morgen, am 1. Mai, werden Arbeitnehmer wieder europaweit auf die Strasse gehen. Ihre Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen und faireren Löhnen klingen nicht neu. Laut dem Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB) sind sie jedoch unverändert berechtigt. «Die Lohnschere hat sich in den letzten Jahren weit geöffnet», sagte SGB-Präsident Paul Rechsteiner gestern vor den Medien. Die Topverdiener sahnten immer mehr ab, lebten in einer eigenen Welt und verabschiedeten sich zunehmend aus der gesellschaftlichen Verantwortung. Gleichzeitig seien die unteren und die mittleren Einkommen nur gering gestiegen. Fast 440 000 Arbeitnehmer erhielten hierzulande zu tiefe Löhne. Besonders schlecht gestellt seien Verkäuferinnen bei Kleider- und Schuhketten: Sie verdienten monatlich um die 3500 Franken. «Das liegt nicht am fehlenden Geld, sondern an den ungerechten Verhältnissen.»

Laut einer Studie, welche der SGB gestern in Bern präsentierte, hat die Zahl der Lohnmillionäre zwischen 1997 und 2010 von 497 auf 2543 zugenommen. Die Zahl derjenigen, die jährlich 500 000 Franken oder mehr nach Hause tragen, ist im gleichen Zeitraum von 2764 auf 11 586 gestiegen. Noch in den 80er-Jahren haben Direktoren etwa so viel Lohn bezogen wie ein Bundesrat (386 000 bis 692 000 Franken). 2011 kamen sie in den grösseren börsenkotierten Unternehmen auf durchschnittlich 4,77 Millionen Franken.

Empörung über Dumpinglöhne

«Die Ursachen dieser Lohnexzesse sind vor allem die Bonuszahlungen», sagte SGB-Chefökonom Daniel Lampart. Sie hätten stark an Bedeutung gewonnen: 1996 seien erst 1,6 Prozent der Löhne als Boni ausbezahlt worden, 2010 schon 5 Prozent. Manager zweigten einen immer höheren Teil der Lohnbudgets für sich selbst ab. Das Nachsehen hätten sogar Angestellte, die eine Berufslehre absolviert hätten. «Offensichtlich garantiert eine drei- oder vierjährige Ausbildung keinen Schutz vor Dumpinglöhnen. Das ist besonders empörend.»

«Dringend nötige Wende»

Mit einer ganzen Palette an Massnahmen wollen die Gewerkschaften nun eine Wende einläuten. Sie fordern eine Rückkehr zu klassischen Lohnmodellen mit generellen Lohnerhöhungen, Gesamtarbeitsverträge für alle sowie Mindestlöhne von 22 Franken pro Stunde. Sie verlangen zudem, dass Frauen und Männer für die gleiche Arbeit den gleichen Lohn erhalten. «Die politische Fehlentwicklung kann umgedreht werden», ist Rechsteiner überzeugt.

Thomas Daum, der Direktor des Arbeitgeberverbands, wehrt sich gegen eine pauschale Kritik an Leistungslöhnen. Jemand, der sich stark engagiere, werde zu Recht besser entschädigt als jemand, der bloss seine Stunden absitze. Geschehe dies nicht, falle die Motivation der engagierten Mitarbeiter in den Keller. «Die Arbeitnehmer wollen selbst, dass differenziert wird», sagt Daum. Der variable Lohnbestandteil müsse allerdings in einem angemessenen Verhältnis zum gesamten Einkommen stehen. Daum widerspricht zudem der Analyse, dass sich die Lohnschere immer mehr öffne. «Die Spanne zwischen den tiefsten und den höchsten Löhnen hat in den letzten zehn Jahren weniger stark zugenommen als früher.» Sie falle im internationalen Vergleich zudem moderat aus. In Deutschland und Frankreich sei sie höher. Spitzenreiter seien die USA sowie Grossbritannien (siehe auch Kasten). Im unteren Segment seien die Löhne im letzten Jahr zudem gestiegen. «Wir haben eine Situation, die weltweit zu den besten zählt.»

1,5 Prozent mehr im Portemonnaie

Wie das Bundesamt für Statistik gestern mitteilte, hatten die Schweizerinnen und Schweizer im letzten Jahr durchschnittlich 0,8 Prozent mehr Geld in ihren Lohntüten. Die Reallöhne sind sogar um 1,5 Prozent gestiegen, bezieht man die negative Teuerung von –0,7 Prozent ein. Der grösste Anstieg wurde in der Gastro- und Beherbergungsbranche verzeichnet (+2,4 Prozent), was sich damit erklären lässt, dass die Minimallöhne aller GAV-Unterstellten um 2,9 Prozent erhöht wurden. Kaum oder gar nicht gestiegen sind die Löhne dagegen in den Bereichen Handel und Reparatur von Motorfahrzeugen, Informationstechnologie sowie im Gesundheits- und Sozialwesen (siehe Grafik).

Eveline Rutz

Löhne: Mehr Infos zur Lohnentwicklung in der Schweiz finden Sie auf luzernerzeitung.ch/bonus

«Löhne haben mit der Produktivität mitgehalten»

ENTWICKLUNG Pünktlich zum morgigen Tag der Arbeit warten die Gewerkschaften mit ihrer gängigen Kritik an den Löhnen auf: Die Lohnschere gehe auseinander, die Gewinne würden auf Kosten der Löhne steigen, und von Steuersenkungen profitierten nur die Reichen. Doch was ist wirklich dran an solchen Aussagen?

These 1: Gewinne steigen auf Kosten der Löhne

In der Schweiz würden die Arbeitnehmer höchst ungleich am Produktivitätsgewinn beteiligt, obwohl die Belastung stetig zunehme, sagte SGB-Präsident und SP-Ständerat Paul Rechsteiner gestern. «Das stimmt so nicht», entgegnet Reto Föllmi, Volkswirtschaftsprofessor an der Universität St. Gallen. «Der Lohn hat im Durchschnitt mit der Produktivität Schritt gehalten.» Das zeige sich daran, dass der Anteil des Lohnes an der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung konstant geblieben sei. Seit 1990 schwankt die sogenannte Lohnquote zwischen 58 und 62 Prozent. Mit ein Grund für diese Konstanz seien das hohe Bildungsniveau und das gute Berufsbildungssystem hierzulande.

These 2: Die Lohnschere öffnet sich immer weiter

Diese These hält sich am hartnäckigsten und ist immer wieder zu hören. Tatsächlich haben die Spitzeneinkommen stärker zugenommen als die mittleren Löhne. Zwischen 1994 und 2010 sind die Löhne der obersten 10 Prozent um rund 15 Prozent gestiegen – teuerungsbereinigt. Der obere Mittelstand konnte lediglich um 10 Prozent zulegen, ebenso die tiefsten Löhne. Am wenigsten Lohnzuwachs konnten der untere und der mittlere Mittelstand verzeichnen mit Lohnzuwächsen von 6 bis 8 Prozent.

Es ist damit eine Tatsache, dass die mittleren Löhne deutlich weniger gestiegen sind als die hohen Gehälter. Gleichzeitig sind aber auch die untersten Löhne gestiegen. «Insgesamt ist die Lohnschere im internationalen Vergleich immer noch sehr klein», betont Reto Föllmi. Den Anstieg im obersten Segment gebe es überall, und er sei eine Folge der Globalisierung. In der Schweiz sei dieser im Vergleich zu den USA oder Grossbritannien allerdings immer noch moderat.

Dass die Löhne des Mittelstands nicht mithalten können, dafür gibt es gemäss Föllmi noch einen weiteren Grund: Die Anzahl der Arbeitskräfte in diesem Segment ist mit dem Ende des Kalten Krieges und dem Markteintritt von China, Indien und den Ostblockstaaten massiv gestiegen. Gleichzeitig hat der technologische Fortschritt die Nachfrage nach Arbeitskräften mit mittleren Qualifikationen – etwa einfache Büroarbeiten – stark verkleinert.

These 3: Es gibt immer mehr Arme trotz Job (Working Poor)

Über 400 000 Berufstätige würden weniger als 4000 Franken brutto pro Monat verdienen – für einen Vollzeitjob. Das werden die Gewerkschaften nicht müde zu betonen. In ihren Augen ist das «unwürdig», denn das reiche nicht, um eine Familie zu ernähren. Was die Gewerkschafter dabei vergessen: Der grösste Teil der sogenannten Tieflöhner sind nicht Familien, sondern Berufseinsteiger, Leute ohne Ausbildung, Ausländer ohne Sprachkenntnisse, Kurzaufenthalter und Grenzgänger. Der Anteil der Leute, die voll arbeiten, aber nicht davon leben können, geht zudem gemäss Bundesamt für Statistik zurück – von 5,2 Prozent im Jahr 2008 auf 3,5 Prozent im Jahr 2010.

These 4: Von Steuersenkungen profitieren nur die Reichen

Zum Vorteil der Oberschicht hat sich laut Gewerkschaftsbund auch die Steuer- und Abgabepolitik entwickelt. Steuersenkungen seien den Topverdienern zugutegekommen. Die Einnahmen der meisten Arbeitnehmenden hätten aber nicht Schritt gehalten mit den steigenden Wohnkosten und Krankenkassenprämien. Auch hier widerspricht Ökonom Föllmi: «Die Mieten und Gesundheitskosten sind in der Teuerung ja schon drin», sagt er. Und auch die Steuern seien nicht primär für die Gutverdiener gesenkt worden. Dass der Mittelstand unter Druck komme, habe vielmehr damit zu tun, dass sehr viel gegen unten umverteilt werde. Der Mittelstand müsse dann aufgrund seiner Masse die Zeche bezahlen. Föllmis Schlussfolgerung: «Wenn man etwas für den Mittelstand machen möchte, müsste man also weniger und nicht mehr umverteilen.»

Jan Flückiger