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ARBEITSFRIEDEN: Die neue Radikalität

Der Ton zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern wird zunehmend rauer. Für rote Köpfe bei den Patrons sorgt dabei vor allem ein Name.
Daniel Zulauf
Corrado Pardini sorgte mit seinem Buch für Ärger. (Bild: Freshfocus/Monika Flückiger)

Corrado Pardini sorgte mit seinem Buch für Ärger. (Bild: Freshfocus/Monika Flückiger)

Der Frankenschock hat die Gewerkschaften und die Arbeitnehmerverbände offenkundig in die Defensive gedrängt. Zahlreiche Unternehmen haben in den vergangenen Wochen und Monaten die Arbeitszeiten für ihre Belegschaft verlängert, um die sprunghaft gestiegenen Kosten wenigstens teilweise auszugleichen.

So auch das staatsnahe Rüstungs- und Technologieunternehmen Ruag, das 630 Angestellte in der Schweiz seit gestern bei unverändertem Lohn drei Stunden pro Woche länger arbeiten lässt. «Dass ausgerechnet am Tag der Arbeit eine solche Massnahme durchgesetzt wird, widerspiegelt den Stellenwert des Arbeitnehmendenschutzes», klagte die Gewerkschaft Syna in einer Medienmitteilung. Die Gespräche über die Arbeitszeitverlängerung seien ausschliesslich zwischen der Unternehmensleitung und der Personalvertretung geführt worden, kritisiert Syna.

Das Vorpreschen bei Bucher

Das scheint zurzeit der Normalfall zu sein. Beim Kommunal- und Landmaschinenhersteller Bucher Industries im zürcherischen Niederweningen habe die Betriebskommission die Verlängerung ihrer Wochenarbeitszeit der Unternehmensleitung sogar aus eigenem Antrieb angeboten, weiss Arbeitgeberpräsident Valentin Vogt, der den Winterthurer Industriebetrieb Burckhardt Compression führt und bei Bucher im Verwaltungsrat sitzt. «Auf betrieblicher Ebene verläuft die Suche nach Lösungen sehr pragmatisch», freut sich der Patron.

Probleme auf Arbeiter umwälzen

Die Gewerkschaftsvertreter halten mit ihrer Frustration nicht hinter dem Berg: «Die Situation ist eine schwere Belastung für die Sozialpartnerschaft», sagt Vania Alleva, Co-Präsidentin des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes und dessen grösstem Mitglied Unia. «Es gibt leider sehr viele Firmen, die ihre Probleme einfach auf die Belegschaft abwälzen wollen und das Gespräch mit uns verweigern.»

Resignieren gehört aber selbstredend nicht zum Programm der Gewerkschaftschefin. «Reden wenn möglich, streiken wenn nötig», lautet bei der Unia das Credo von gleichberechtigter Sozialpartnerschaft, sagt sie. Wenn es um die Verteilung von Früchten und Lasten zwischen Kapital und Arbeit geht, ist starke Rhetorik zwar immer mit im Spiel, doch die Verschärfung des Tonfalls ist nicht zu überhören. Alleva spricht von einer «Ideologisierung gewisser Branchenverbände», und Vogt stellt seinerseits fest: «Die Verpolitisierung der sozialpartnerschaftlichen Konsensfindung erschwert die Arbeit an der Basis.»

Der Schrecken der Unternehmer

Für den Arbeitgeberpräsidenten Valentin Vogt hat die «Radikalisierung» des Diskurses einen Namen: Corrado Pardini. Spätestens seit der Veröffentlichung von «Heavy Metall», dem Buch, das akribisch aus explizit einseitig aus der Gewerkschaftsperspektive die schwierigen Verhandlungen über den Gesamtarbeitsvertrag mit den MEM-Branchen (Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie) nachzeichnet, ist der Unia-Industriechef und SP-Nationalrat ein rotes Tuch für die Unternehmer.

Für rote Köpfe unter den Arbeitgebern sorgte Pardini nicht nur mit dem Bruch eines jahrzehntealten Tabus, indem er dem Autor Oliver Fahrni einen tiefen Einblick in die vertraulichen Gespräche verschaffte. Das Buch irritiert und verärgert Pardinis Partner mindestens ebenso mit seinen persönlichen Spitzen, welche die MEM-Delegation stellenweise wie einen Club zerstrittener Funktionäre aussehen lässt; eine Darstellung, die von den Angesprochenen vehement bestritten wird.

Friedensabkommen gefährdet

Ganz platzt den Patrons aber der Kragen, wenn es um Pardinis Interpretation des neuen Gesamtarbeitsvertrages geht. Obschon die Unia einer Fortsetzung des seit 1937 in der MEM-Industrie geltenden «absoluten Arbeitsfriedens» im GAV zustimmte und dafür als Gegenleistung erstmals einen branchenweiten Mindestlohn erhielt, lässt sich dieser wie folgt zitieren: «In Wahrheit ist das alte Friedensabkommen von 1937 schon lange tot. Nur unter den Boden hatten wir es noch nicht gebracht.» Die Arbeitgeber sollten dies durchaus als «Kampfansage» auffassen. «In der neuen Sozialpartnerschaft ist nichts mehr gratis. Wir arbeiten für eine starke Industrie, aber wir verlangen die Herausgabe dessen, was den Arbeitenden als Fortschritt zusteht.»

Alleva will sich zu dem Buch nicht äussern. Indessen betont sie aber, dass das Klima zwischen den Sozialpartnern lange vor der Publikation der Kampfschrift im vergangenen Dezember frostig geworden sei. «Die Arbeitgeber haben uns im Zusammenhang mit der Mindestlohninitiative vorgeworfen, bei der Durchsetzung unserer Anliegen die gesetzliche Ebene zu beschreiten», sagt sie. Der Vorwurf sei unberechtigt, weil eine Mehrheit der Arbeitnehmenden immer noch keinen Gesamtarbeitsvertrag und keinen Mindestlohn hätte.

Kaum zu bestreiten ist allerdings, dass die Mindestlohninitiative die Verhandlungsposition der MEM-Industrie geschwächt und der Unia bei der Durchsetzung ihrer Kernforderung einen grossen Vorteil verschafft hat. Die Initiative habe Swissmem in ein offensichtliches argumentatives Dilemma gebracht, meint auch Daniel Oesch, Professor für Sozialwissenschaften an der Universität Lausanne: «Man kann als Branchenverband nicht glaubwürdig behaupten, dass die Sozialpartner das Problem der Mindestlöhne auf betrieblicher Ebene selber lösen, ohne das Anliegen auch im Gesamtarbeitsvertrag zuzulassen.»

Obwohl die Mindestlohninitiative an der Urne letztlich chancenlos war, ist zu erwarten, dass die Gewerkschaften Initiativen und Referenden in Zukunft mindestens so häufig und möglicherweise noch systematischer als bisher zur Unterstützung ihrer Forderungen einsetzen werden.

Unia immer mächtiger

Gerade die Unia befindet sich diesbezüglich in einer guten Position. Zehn Jahre nach seiner Gründung kann der Verband auf eine bemerkenswerte Erfolgsbilanz zurückblicken. Mit 200 000 Mitgliedern ist er so mächtig wie keine andere Konkurrenzorganisation im Land. Und nach einer anfänglichen Schwäche im Dienstleistungssektor ist er auch dort mit 50 000 Mitgliedern zu einem «unumgehbaren Faktor» geworden, wie Alleva sagt.

Skaleneffekte oder Grössenvorteile, wie sie ein Industrieunternehmen durch Wachstum erzielen kann, gibt es auch in der Ökonomie der Gewerkschaften. Die Unia ist politisch zu einer schlagkräftigen Organisation herangewachsen, die ihre Basis zur Beschaffung von Unterschriften für Initiativen einsetzen und den befreundeten Parteien zu Mehrheiten verhelfen kann. Dieser Trumpf sticht auch im Wettbewerb unter den Gewerkschaften. Der Kampf um neue Mitglieder ist hart. Jedes Jahr müssen die Verbände durchschnittlich 10 Prozent neue Mitglieder gewinnen, allein um ihren Bestand zu halten, weiss Oesch. Die Akquise ist deshalb bestimmend für deren Strategien. «Eine Gewerkschaft gewinnt vor allem dann neue Mitglieder, wenn sie ganze Branchen abdecken und den Arbeitnehmenden klar erkennbare Vorteile verschaffen kann», sagt der Professor. Beispiele dafür sind neben dem Mindestlohn etwa zusätzliche Ferien und Freitage oder bessere Bedingungen bei Frühpensionierungen.

Streikbilanz im Steigen

Die Unia weist seit 2010 wieder steigende Mitgliederzahlen auf, und dieses Wachstum geht einher mit einer deutlichen Zunahme ihrer Kampfbereitschaft. Ihre Streikbilanz weist steil nach oben, und das ist ein schlagendes Verkaufsargument für jede Gewerkschaft. «Konfliktfähigkeit ist eine der wichtigsten Qualitäten, mit denen Neumitglieder zu gewinnen sind», sagt Oesch. «Kleinere Verbände ausserhalb des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes werden es in der Konkurrenz mit Unia künftig schwerer haben», prophezeit er. Der Erfolg des Modells Unia lässt erwarten, dass sich die Arbeitgeber auch langfristig auf eine neue Qualität der Sozialpartnerschaft einstellen müssen.

Was das am Ende für den Wirtschaftsstandort Schweiz bedeuten wird, bleibt abzuwarten. Noch scheint es aber den Konsens zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu geben, dass das Verhandlungsprimat im Zweifelsfall bei der Erhaltung der Arbeitsplätze bei der Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe liegen muss. Das gilt erfahrungsgemäss vor allem in wirtschaftlich schwierigen Zeiten.

Daniel Zulauf

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